Ungebrochene Trinkfreude: Alkohol-Gesetzgebung kann Türken nicht bremsen

Seit zehn Jahren ist in der Türkei die AKP an der Macht. Seither gab es einige Bestrebungen, den Bürgern das Thema Alkoholkonsum madig zu machen. Doch höhere Steuern und Verkaufsbeschränkungen haben ihre Wirkung bisher offenbar verfehlt.

Markige Sprüche von Seiten des türkischen Premiers Recep Tayyip Erdoğan ist die Bevölkerung nicht erst seit gestern gewohnt. Mit zunehmender Frequenz versucht seine Regierung, sich ins Privatleben der Bürger einzumischen. Besondere Reizthemen sind derzeit nicht nur seine Vorstellungen von einer adäquaten Familienplanung, auch der Alkohol steht seit geraumer Zeit im Fokus.

Aufforderungen wie „Trinkt euren Alkohol zu Hause“ oder die künstliche gepushte Debatte um das einzig wahre türkische Nationalgetränk Ayran versus Raki beschäftigten die türkischen Blätter über viele Wochen. Doch nicht nur verbal stemmte sich die Politik gegen den Alkohol. Sie ließ auch Taten folgen. Die Steuern wurden angezogen (mehr hier), Verkaufsbeschränkungen und Alkoholverbote installiert und schließlich auch ein vieldiskutierte Gesetzesentwurf abgesegnet, der vor allem Gastronomen, Getränkeproduzenten und Vertreter der Tourismusindustrie in helle Aufregung versetzte (mehr hier). Heute ist nicht nur der Verkauf von Alkohol stundenweise beschränkt, auch entsprechende Werbung ist untersagt.

TAPDK liefert keinen Hinweis auf Konsumrückgang

Gebracht hat das bisher offenbar wenig. Derzeit würde deutlich, dass der Alkoholkonsum sich nicht dramatisch reduziert hätte. Die Produktion laufe stabil, ebenso wie die Verkäufe, berichtet die türkische Zeitung Hürriyet. Kurz gesagt, die türkische Gesellschaft lässt sich nicht alles gefallen. Frech scheint sie in Richtung Erdoğan zu sagen: „.Fass‘ meinen Drink nicht an!“ Ganz gleich, ob Bier, Wein oder eben Raki, es wird weiter fleißig zugeprostet. Zu diesem Schluss kämen man jedenfalls, wenn man sich in Richung der Tabak und Alkohol Regulierungsbehörde (TAPDK) wende. Denn von deren Seite fände sich kein Hinweis darauf, dass der Alkoholkonsum in der Türkei in letzter Zeit gesunken sei. Tatsächlich gebe es sogar eine Steigerung. Hier müssten allerdings auch anziehende Touristenzahlen und eine wachsende türkische Bevölkerung bedacht werden.

Einen Hinweis dafür, dass es tatsächlich eher bergauf geht, erhalte man auch in Anbetracht der Zahlen von Anadolu Biracılık. Der Besitzer von Efes Pilsen Bier verzeichnete einen Umsatz von 1,1 Milliarden Lira im Jahr 2012. Und das angesichts von Sponsoring-Verboten und Co. Besonders junge Verbraucher, die sich Raki nicht leisten könnten, aber auch die Urlauber würden auf Bier zurückgreifen.

In den vergangenen neun Jahren kletterte der Bierkonsum übrigens bis auf 928 Millionen Liter im Jahr 2012. Trotz des Preisanstiegs von 218 Prozent. Der Raki-Verbrauch kletterte in dieser Zeit auf gut 50 Millionen Liter. Obschon seit 2004 der Preis um sagenhafte 272 Prozent in die Höhe schoss. Vor neun Jahren waren es noch 44 Millionen Liter. Am augenfälligsten ist jedoch die Entwicklung beim Wein. In nur vier Jahren stieg der Verbrauch trotz eines Preisanstiegs von 163 Prozent von 38 auf 60 Millionen Liter (mehr hier). Wie das Türkische Statistik Institut (TÜİK) mitteilt, muss in der Türkei zudem doppelt so tief für Alkohol in die Tasche gegriffen werden wie im europäischen Durchschnitt (mehr hier).

Alles begann mit einfachen Beschränkungen

Begonnen hat die Schlacht um den Alkohol bereits vor einigen Jahren mit Beschränkungen in bestimmten Zonen. Während Erdoğans Zeit als Istanbuler Bürgermeister wurde ein Alkoholverbot für alle sozialen und städtischen Einrichtungen umgesetzt. Dann gerieten die Nebbenstraßen im Istanbuler Stadtteil Beyoğlu ins Visier der Behörden.

Noch allzu gut in Erinnerung ist übrigens ein Verbot in der Ägäis-Provinz Afyonkarahisar. Dieses wurde mittlerweile gekippt (mehr hier).

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