Türkei: Außenpolitischer Kurs bremst wirtschaftliche Dynamik

Die türkischen Positionen in der aktuellen Außenpolitik wirken sich negativ auf das Wachstum der Exportwirtschaft aus. Die nach Krieg schreiende Rhetorik in der Debatte um die Intervention in Syrien verunsichert politische Partner und dadurch auch die Märkte.

Die außenpolitische Lage im Nahen Osten und die türkische Strategie, darauf zu reagieren, verursachen ernsthafte wirtschaftliche Probleme im aufstrebenden Schwellenland. Steigende Preise für Öl und Gas, das Wegbrechen von ganzen Märkten in Syrien und teilweise in Ägypten sowie die schwache Lira sind nicht die einzigen externen Faktoren, die die türkische Wirtschaft bremsen. Auch die riskante und konfrontative Außenpolitik unter Premierminister Erdoğan wirkt sich negativ auf Handelsbeziehungen zu bestimmten Ländern aus.

Das immer weiter ansteigende Außenhandelsdefizit bereitet türkischen Ökonomen genauso Bauchschmerzen, wie den Exportunternehmern. „Die Türkei versuchte ihr Außenhandelsdefizit durch den Handel mit Ägypten, Syrien, dem Irak und dem Iran zu auszugleichen. Je weniger die Region des Nahen Ostens fähig ist, ihre Krisen politisch zu lösen, desto weniger Handel wird getrieben werden. Das reduziert den türkischen Export“, sagt Ramazan Taş, Vorsitzender der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Turgut-Özal Universität in Ankara auf Nachfrage der Zaman.

In den ersten sieben Monaten dieses Jahres überstieg der gesamte Import den Export um knapp 60,5 Milliarden Dollar, was 18,3 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum sind.

Entscheidend dabei ist, wie die türkische Administration auf die Herausforderungen der aktuellen Krisen reagiert, auf wessen Seite sie sich stellt und wen sie sich dabei zum Feind macht. Ein ungünstiger außenpolitischer Kurs kann wirtschaftliche Beziehungen abkühlen lassen oder gar zum Stillstand bringen. Nicht abgeschlossene oder abgesagte Handelsverträge kosten Arbeitsplätze und Wachstum, letzten Endes also auch Stimmen bei der nächsten Wahl. Ein außenpolitisches Kalkül, das der gegenseitigen Abhängigkeit von politischen Freundschaften und Exportchancen nicht Rechnung trägt, ist mindestens fahrlässig.

Außenpolitik auf dem Rücken wirtschaftlicher Interessen

Jüngstes Beispiel dafür, dass sich die türkische Führung verkalkuliert hat, war der politische Rückzug von Investoren aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (mehr hier). Ein 12-Milliarden-Projekt wurde von den Scheichs fallen gelassen, um die türkische Position bezüglich des Militärputsches in Ägypten zu sanktionieren. Premierminister Erdoğan verurteilte den Sturz der Muslimbrüder als undemokratisch, während die Golfstaaten, also auch die Emirate, die Militärführung finanzkräftig unterstützen. Ein Freihandelsabkommen zwischen der Türkei und den Golfstaaten liegt seit Mai auf Eis und wird sich bei der derzeitigen politischen Verstimmung auch nicht in naher Zukunft realisieren, so die Financial Times. Allein im vergangenen Juli sank der türkische Export in den Nahen Osten um 30 Prozent.

Der Handel mit Syrien wuchs kontinuierlich bis zum Ausbruch des (Bürger-)Krieges. Türkische Autobahnen in Richtung der syrischen Wirtschaftsmetropole Aleppo wurden ausgebaut, 2004 schlossen Erdoğan und Assad ein Freihandelsabkommen ab. Das Handelsvolumen erhöhte sich von rund 820 Millionen Dollar im Jahr 2000 auf 1,8 Milliarden Dollar 2010. Für 2012 wurden fünf Milliarden Dollar angepeilt. Der Krieg und die darauf folgende Verurteilung Assads durch Erdoğan ließen den Handel im vergangenen Jahr auf null fallen. Der wirtschaftliche Austausch belebte sich zwar im August um 137 Prozent,so Hürriyet. Wenn man von einem solch niedrigen Ausgangsniveau startet, ist das kein großer Erfolg.

Auch der steigende Ölpreis und die Abwertung der türkischen Lira werden unmittelbar von der türkischen Außenpolitik beeinträchtigt. Statt mit einer deeskalierenden Rhetorik den nervösen Märkten die Angst vor dem Krieg zu nehmen, befeuert Premierminister Erdoğan die stecken gebliebenen Interventionspläne des Westens (mehr hier). Eine Intervention im Stile des Kosovo-Einsatzes, so wie sie Erdoğan von den USA fordert, wäre ein unberechenbares Risiko für die gesamte Region. Der Iran und Saudi-Arabien, die wichtigsten Öllieferanten der Türkei, wären direkt eingebunden, der Ölpreis würde ins Unermessliche steigen. Mit der seit 13 Jahren schwächsten Lira müssten Energieimporte auf das Nötigste beschränkt werden und die Wirtschaft würde zusammenbrechen.

Entwicklungsländer sind keine ausreichende Alternative

Wenn die türkische Administration ihren aggressiven außenpolitischen Kurs beibehalten will, muss sie die zu erwartenden wirtschaftlichen Einbußen auf anderem Wege ausgleichen. Sie muss sich also um Partner in anderen, stabilen Weltregionen bemühen.

Zwar ist das krisengeschüttelte Europa, allen voran Deutschland, der mit 41 Prozent größte Markt für türkische Produkte. Doch die Konzentration auf eine Weltregion erhöht wiederum die Abhängigkeit von der dortigen wirtschaftlichen und politischen Lage. Optimal ist ein möglichst diversifizierter Kreis von Staaten und Weltregionen, mit denen Handel getrieben wird. Die Türkei versucht neue Verbindungen nach Südamerika und Afrika zu knüpfen, aber die Beziehungen sind noch nicht besonders reif. Der Export nach Äthiopien beispielsweise nahm im August um 263 Prozent zu.

Um aber die ehrgeizige Zielmarke von 158 Milliarden Dollar Exportvolumen zu erreichen, wird ein intensivierter Handel mit Entwicklungsländern nicht ausreichen.

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