Migranten und ihre Kinder sprechen daheim zunehmend Deutsch

Entgegen häufiger Vorurteile sprechen die meisten Grundschulkinder mit Migrationshintergrund zuhause Deutsch. Im Kindergartenalter wird daheim aber eher die Sprache der Eltern gesprochen. Daher ist frühkindliche Förderung sehr wichtig für den späteren Bildungserfolg.

Kinder mit Migrationshintergrund sprechen in ihrer Familie kein Deutsch und stoßen deswegen in der Schule auf Schwierigkeiten mit Lehrern und Mitschülern – eine gängige Erklärung für die Bildungsmisere mancher Migrantengruppen. Doch neueste Zahlen widerlegen diesen oft hergestellten Zusammenhang in den Mainstream-Medien: Drei Viertel der Kinder mit Migrationshintergrund zwischen sechs und acht Jahren sprechen zuhause hauptsächlich Deutsch mit ihrer Familie.

Im Kindergartenalter, also zwischen drei und sechs Jahren, sprechen noch 60,9 Prozent der Kinder in ihrer Heimatsprache mit ihren Eltern, so der Mediendienst Integration. Das leuchtet ein, wenn man bedenkt, dass für viele Kinder die Muttersprache zuerst die der Eltern ist. Das Kind hat, bis es in den Kindergarten kommt, seine familiären Beziehungen nur in der Muttersprache geknüpft und ändert erst nach und nach seine Sprechgewohnheiten. So erstaunt es auch nicht, dass in den ersten beiden Schuljahren schon drei Viertel aller Kinder mit Migrationshintergrund zuhause überwiegend Deutsch sprechen, so der Kinder-Migrationsreport des Deutschen Jugendinstituts.

Je nach Zugehörigkeit der Familie zu einer bestimmten sozialen Schicht variieren die Befunde. Bei null- bis achtjährigen Kindern, die aus Familien der Unterschicht kommen, sprechen 26 Prozent beide Sprachen gleich häufig und 16 Prozent vornehmlich die Sprache der Eltern. Bei Kindern, die der Mittelschicht oder oberen Schichten angehören, sind es nur noch 16 bzw. 13 Prozent, die daheim Deutsch und die Muttersprache der Eltern sprechen. Ein höherer sozialer Status verdrängt also die Muttersprache aus dem Familienleben. Das hängt damit zusammen, dass besser verdienende Menschen mit Migrationshintergrund meist auch einen höheren Bildungsabschluss haben, also auch am Arbeitsplatz nur Deutsch reden. Dass es dann zuhause auf Deutsch weitergeht, liegt nahe und stellt für diese Eltern eine mehr oder weniger bewusste Investition in die Zukunft ihres Kindes dar.

Frühkindliche Förderung erhöht Besuch des Gymnasiums um 55 Prozent

Ob aber Zweisprachigkeit, die in niedrigeren Schichten häufiger anzutreffen ist, ein Hindernis oder eine Bereicherung ist, scheidet die Geister. Wissenschaftler sind sich nur in dem Punkt einig, dass es für Kinder keine Überforderung ist, zwei oder mehr Sprachen zu lernen, so das Jahresgutachten 2010 des Sachverständigenrates für Integration. Denn das kindliche Gehirn ist ausgesprochen aufnahme- und lernfähig. Welche Sprache aber zuerst gelernt werden sollte, Deutsch oder die Sprache der Eltern, und ob sich die Reihenfolge negativ auf die späteren Deutschkenntnisse auswirkt, ist umstritten.

Mittlerweile herrscht politischer Konsens über die Notwendigkeit frühkindlicher Sprachförderung. Vor dem Eintritt in den Kindergarten eine Krippe besucht zu haben, erhöht die Wahrscheinlichkeit ein Gymnasium zu besuchen um ganze 40 Prozent, bei Kindern mit Migrationshintergrund sogar um 55 Prozent. Wenn Kinder früh mit anderen Kindern spielen und sprechen, erwerben sie wertvolle soziale und sprachliche Kompetenzen. Außerdem können die Erzieher bei manchen Kindern einen besonderen Förderbedarf feststellen und den Kinder entsprechend helfen. Dass Familien mit Migrationshintergrund, egal welcher sozialen Schicht sie angehören, ihre Kinder in die frühkindliche Betreuung schicken, kann sich also nur auszahlen.

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