Pure Verzweiflung: Familie aus Sydney reist in die Türkei, um syrischen Angehörigen zu helfen

Ein Ehepaar aus dem australischen Sydney ist in höchster Sorge um seine Verwandten in Syrien. Nachdem der Kontakt abbrach, wollen sie nun kurzerhand ein Flugzeug besteigen. Über die Türkei hoffen sie ihre Familie mit lebenswichtigen Gütern versorgen zu können. Ein Vorhaben von höchster Brisanz.

Mehr als zwei Millionen syrische Flüchtlinge haben die Unruhen in Syrien mittlerweile hervorgebracht. Unzählige sind nach Angaben der UN innerhalb des Landes auf der Flucht. Die Situation ist desolat. Das Land liegt in Schutt und Asche. Von der Sicherheitslage ganz zu schweigen. Dennoch wollen Aya Natfaji und ihr Ehemann Dr Anas Natfaji die weite Reise aus dem fernen Sydney antreten, um ihren Angehörigen tatkräftig unter die Arme zu greifen. Ihr Glück versuchen sie über die Türkei.

In der vergangenen Woche widerfuhr den Eltern dreier Kinder ein Horror, den wahrscheinlich schon unzählige im Ausland lebende Angehörige von Syrern erlebten: Sie konnten keine Verbindung mehr zu ihren Lieben in Syrien herstellen. Partout gelang es dem Ehepaar Natfaji nicht, eine funktionierende Leitung zwischen dem australischen Georges Hall im Südwesten von Sydney und der syrischen Stadt Aleppo aufzubauen. In der von syrischen Rebellen und Regierungstruppen hart umkämpften Stadt leben die Eltern der Frau und weitere Verwandte des Paares. Einige von ihnen sind bereits ins Nachbarland Türkei geflohen.

Syrisches Regime kappt die Kommunikation

Bis vor gut einer Woche hatte Aya Natfaji fast täglich Kontakt mit ihren Eltern in Aleppo. Auch die Verbindung zu den Familien von Bruder und Schwester sei regelmäßig gewesen, berichtet ABC. Jetzt ist die Situation eine völlig andere. Weder über Telefon noch über das Internet sei ein Lebenszeichen zu erhaschen. Dabei spitzt sich die Situation weiter zu. Ein möglicher Militärschlag der Amerikaner und Franzosen wird immer wahrscheinlicher. Eine Lage, die Aya Natfaji regelrecht in Panik versetzt. „Ich bin sehr traurig und weine die ganze Zeit. Ich habe wahrscheinlich Tausend Mal versucht eine Verbindung über das Internet oder das Telefon herzustellen, vergebens“, so die junge Frau.

Ihrem Ehemann ergeht es nicht besser. „Bisher haben wir sie fast täglich angerufen. (…) Von Zeit zu Zeit hat man im Hintergrund die Bomben gehört, wenn man mit ihnen gesprochen hat. Doch am Ende wusste man, sie sind noch da.“ Herr Natfaji ist überzeugt, dass die syrische Regierung dahinter steckt. Zuletzt hatt das Regime im vergangenen Mai die Kommunikation unterbunden (mehr hier). Los gegangen sei das Ganze diesmal mit der Ankündigung eines möglichen Militärschlags der USA gegen Syrien.

Hilfsgüter sollen von der türkischen Grenze gen Aleppo

Davon einschüchtern lassen sich Anas und Aya allerdings nicht. Sie sind fest entschlossen, ihrer Familie zu helfen. Mit Medikamenten und anderen Dingen des täglichen Bedarfs bepackt, wollen sie noch in der kommenden Woche in die Türkei fliegen. Beide hoffen, dass ihre Hilfsgüter dann irgendwie nach Syrien geschafft werden können. Sie selbst können das Risiko sich selbst in das Kriegsgebiet zu begeben allerdings nicht eingehen. Auch der umgekehrte Weg von Aleppo an die syrische Grenze scheint für die Angehörigen derzeit zu gefährlich. Es gebe einfach zu viele Heckenschützen.

Dr. Natfaji hat Syrien vor zwölf Jahren verlassen. Noch immer hat er viele Freunde und Kontakte in der alten Heimat. Genau auf diese baut er nun, um die mitgebrachten Güter von der türkisch-syrischen Grenze aus nach Aleppo bringen zu können. Einige dieser Kontakte erzählt er, würden die Grenze täglich passieren. Bis zum eigentlichen Ziel sind es dann nur ein paar Autostunden.

Syrische Flüchtlinge leiden unter psychischen Problemen

Dass das Unterfangen schwierig wird, dessen ist sich Dr. Natfaji bewusst. Eine Vorstellung davon hätten sie bereits jetzt bekommen. Sobald sie vor Ort seien, würde sich das sicher noch zuspitzen. Ohnehin erscheint ihnen die jetzige Situation geradezu surreal. Niemand hätte vor einigen Jahren auch nur daran gedacht, dass es nun so kommen würde. Dr. Natfajis Eltern sind bereits in die Türkei geflohen. Ein Umstand, worüber er sehr erleichtert sei. Jetzt seien sie zumindest sicher. Nicht zu unterschätzen seien nun jedoch die sozialen und psychischen Probleme. Darüber habe er bereits mit seiner Schwester gesprochen. Diese scheint mittlerweile Depressionen entwickelt zu haben.

Wie die meisten Syrer in Australien, hat auch Dr. Natfaji Verwandte, die im Konflikt getötet wurden. In seinem Fall handelt es sich um seine 48-jährige Cousine und vier ihrer Kinder. Natfaji erinnert sich: „Sie schickte den Zwölfjährigen zum Brot holen in die Bäckerei. Als er zurückkam stürzte das gesamte Gebäude, das von einer Rakete getroffen wurde, ein. Die gesamte Familie wurde ausgelöscht. Der Junge war der einzige Überlebende.“

Das Blutvergießen muss beendet werden

Für den Australier erscheint ein Eingreifen des Westens derzeit die einzige Möglichkeit, das Blutvergießen zu beenden. Auch wenn die Vorstellung, dass jemand die eigene Heimat bombardieren könnte, geradezu tragisch sei. Ihm erschließt sich jedoch nicht, wie die derzeitige Situation auf anderem Weg gelöst werden könnte. Seine Einschätzung entspricht der derzeitigen Haltung der Türkei, die jedoch über einen Militärschlag hinaus gehen will. Premier Recep Tayyip Erdoğan hofft, im Schatten eines Krieges Terrain zu gewinnen. Für Deutschland hätte diese Entwicklung übrigens fatale Folgen: Als Nato-Mitglied würde man über den Bündnis-Fall sofort militärisch involviert (mehr hier). Die Mehrheit der Amerikaner, das israelische Militär und das britische Parlament sehen das jedoch anders.

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