Deutschland braucht Einwanderung: Bis 2050 fehlen 10 Millionen Erwerbstätige

Bis 2050 werden zwischen sechs und zehn Millionen Arbeitskräfte fehlen. Wer künftig für das Wirtschaftswachstum, die Renten und die Pflege von immer mehr Rentnern arbeiten soll, hat das Berlin-Institut für Bevölkerung in einer Studie dargelegt. Mehr Einwanderung sei unerlässlich.

Deutschland altert, das ist überall angekommen. Weniger Arbeitskräfte stehen für die Vermehrung oder zumindest das Halten des Wohlstandsniveaus zur Verfügung. Bis 2050, so eine aktuelle Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, werden zehn Millionen Erwerbstätige fehlen. Die Berechnung geht davon aus, dass bis dahin genauso viele Menschen Deutschland verlassen, wie Menschen einwandern. Wenn also nicht mehr qualifizierte Einwanderer nach Deutschland kommen, werden Unternehmen ihre Produktion verlagern müssen. Der Wohlstand wird schrumpfen.

Vertreter der Politik, hauptsächlich aus dem konservativen Lager, wiederholen regelmäßig ihre realitätsferne Botschaft: „Deutschland ist kein Einwanderungsland“. Erstens ist Deutschland ein Land, in dem gut 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben, von denen also die meisten eingewandert sind. Diese Realität wegzureden, kann nicht mehr als ein billiges Wahlkampfmanöver sein.

Zweitens müssen die künftig fehlenden Arbeitsplätze unter anderem durch qualifizierte Einwanderer ausgeglichen werden. In Deutschland werden nämlich langfristig Fachkräfte und nicht gering qualifizierte Hilfsarbeiter wie in den 60er Jahren fehlen. Auch wenn jedes Jahr 200.000 Einwanderer dazu kämen, gäbe es 2050 immer noch sechs Millionen weniger arbeitsfähige Menschen zwischen 25 und 67 Jahren. Seinen Wohlstand kann Deutschland auch mit weniger Menschen nur mit einer hohen Produktivität, sprich mit der Herstellung technologisch hochwertiger Produkte erhalten. Das Argument, man solle doch erst einmal arbeitslose Deutsche wieder in Beschäftigung bringen, gilt hier also nicht. Denn viele Arbeitslose sind aufgrund ihrer geringen Qualifizierung nicht für Facharbeiter-Jobs geeignet.

Das Berlin-Institut empfiehlt drei Handlungsstrategien: Am Arbeitsmarkt benachteiligte Gruppen wie Frauen und Ältere zu fördern, die Arbeitslosigkeit zu senken und schließlich für mehr Einwanderung zu sorgen. Dafür sei eine Willkommenskultur notwendig.

Qualifizierte Einwanderer gehen dahin, wo sie willkommen sind

„Dies [Etablieren einer Willkommenskultur; Anmerkung der Redaktion] kann allerdings nur passieren, wenn die Politik über eine ehrliche und offene Diskussion die Akzeptanz für Einwanderung aktiv fördert (…). Lediglich ‚Engpässe‘ am Arbeitsmarkt auszugleichen, wie es in der Demografiestrategie steht, kann dabei nicht das Ziel sein. Die Politik muss den Bürgern klar machen, dass Einwanderung als wichtiger Grundpfeiler der langfristigen wirtschaftlichen Entwicklung unerlässlich ist“, so die Autoren der Studie mit dem Titel „Anleitung zum Wenigersein“.

Kritisiert wird die naive Demografiestrategie der Bundesregierung, die im vergangenen Jahr verabschiedet wurde. Darin würden viele abstrakte Absichtsbekundungen wie Wirtschaftswachstum und größere Innovationskraft formuliert. Die vorgeschlagenen Programme zur Umsetzung der Ziele seien jedoch zu kleinteilig und existierten bereits. Gravierende Finanzierungsprobleme, die künftig vor allem Renten- und Pflegekassen betreffen, würden nur halbherzig angegangen.

Konkret schlagen die Wissenschaftler vor, die Einwanderung aus EU und Nicht-EU-Staaten zu fördern und gesetzlich zu erleichtern. Deutschkenntnisse und qualifizierende Abschlüsse sollten Einwanderern zur Voraussetzung gemacht werden. Ob ein zusätzlicher Einbürgerungstest notwendig ist, scheint fraglich (mehr hier). Ausländischen Studenten müsse die Möglichkeit geboten werden, nach dem Studium im Land zu bleiben.

Aktuelle Vorschläge von der grünen, baden-württembergischen Landesregierung, wonach Studenten aus Nicht-EU-Ländern Studiengebühren zahlen sollen, passen nicht in das Bild eines einwanderungsfreundlichen Bildungssystems. Solche Gebühren wären ungerecht, weil sie EU-Ausländer bevorzugen und potentielle Studenten aus Entwicklungsländern abschrecken.

Ein Punktesystem, dass die Einwanderer nach ihren Qualifikationen bewertet und dadurch qualifizierte Einwanderung steuert, sei ein geeignetes Instrument, so die Autoren der Studie. Außerdem könne man gezielte Vereinbarungen mit bestimmten Staaten treffen, so wie in den 60er Jahren Deutschland mit Italien oder später mit der Türkei.

Die Fehler der vergangenen Integrationspolitik zu wiederholen, also Einwanderung zu forcieren, aber über Integration nicht zu sprechen, kann sich die Bundesrepublik nicht leisten. Hoch qualifizierte Fachkräfte sind nicht wie damals türkische oder griechische Hilfsarbeiter auf den Arbeitsplatz in Deutschland angewiesen. Wenn sie sich in Deutschland nicht angenommen oder gar diskriminiert fühlen, wandern sie in ein anderes Land aus.

Politiker, die ihren Wählern die Notwendigkeit künftiger Einwanderungswellen verschweigen, treiben nicht nur Wahlkampf mit nationalistischen Floskeln. Sie gehen, was mindestens genauso wichtig ist, unverantwortlich mit der wirtschaftlichen Zukunft Deutschlands um.

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