Alkoholrestriktionen treten in Kraft: Wird der Schwarzmarkthandel beflügelt?

Ab sofort dürfen kleine Einzelhändler in der Türkei ab zehn Uhr abends keinen Alkohol mehr verkaufen. Restaurants, Kneipen und Bars werden weiterhin ausschenken können. Die paradoxe Regelung könnte viele Kleinhändler, die vom Alkoholverkauf leben, zum Schwarzhandel verleiten.

Ab Montag treten die strengeren Auflagen für den Verkauf und die Bewerbung von Alkoholprodukten in der Türkei in Kraft. Demnach dürfen im Umkreis von 100 Metern um Gebetsstätten und Schulen herum gar keine Alkoholika mehr verkauft werden. Zwischen zehn und sechs Uhr morgens herrscht ein absolutes Verkaufsverbot für den Einzelhandel. Eine stärkere Beschränkung des Alkoholkonsums scheint angesichts des im internationalen Vergleich ohnehin seltenen türkischen Griffs zur Flasche überflüssig. Wie bei jeder Prohibition, wird der illegale Handel mit Alkoholika zunehmen.

„Es tut mir Leid, das sagen zu müssen, aber viele von uns kleinen Ladenbesitzern werden den Alkohol illegal nach der Sperrstunde verkaufen, weil das die umsatzstärksten Stunden sind. Ich verstehe nicht, warum die Regierung diese Regelung eingeführt hat. Der Alkoholkonsum wurde von der Regierung bereits mit höheren Steuern belegt. Die neuen Regelungen bringen nichts als illegalen Handel“, zitiert die Hürriyet einen Betreiber eines kleinen Kiosks („Bakkal“) auf der asiatischen Seite Istanbuls.

Der Präsident der Interessenvertretung des Türkischen Kleinhandels TESK, Bendevi Palandöken, geht von 200.000 Ladenbesitzern aus, deren Existenz aufgrund des Verbots gefährdet sei, so die Cumhuriyet. Es sei unerklärlich, warum in Trinkhallen nach zehn Uhr weiterhin Alkohol ausgeschenkt werden darf, in kleinen Läden hingegen nicht. Einen Beitrag zum Schutz vor Alkoholmissbrauch kann diese Regelung jedenfalls nicht leisten.

Tatsächlich wurde unter der AKP-Regierung die Besteuerung von Alkohol beträchtlich erhöht. Kostete eine Flasche des Nationalgetränks Raki 2002 noch 9,15 Lira, muss man zehn Jahre später mehr als das Fünffache, nämlich 51 Lira hinblättern. Die Steuern auf Bier stiegen zwischen 2002 und 2009 um ganze 727 Prozent.

Türken sind keine „Trinkernation“

Die AKP-Regierung macht keinen Hehl daraus, dass Alkohol nicht zu ihrer Vorstellung von der richtigen Lebensführung der Türken gehört (mehr hier). Hinter der offiziellen Begründung für die Restriktionen, nämlich dem Schutz der Gesundheit, verbirgt sich das Projekt, den türkischen Bürgern vom traditionellen Islam inspirierte moralische Leitbilder aufzuerlegen. Leidtragende sind nicht nur Säkulare und Touristen. Auch die aufgeklärte muslimische Mittelschicht distanziert sich immer mehr von den Eingriffen der Regierung in die Privatsphäre. Konservative AKP-Unterstützer hingegen sehen darin eine noch nie da gewesene politische Anerkennung ihres eigenen Lebensstils.

Das wird umso offensichtlicher, wenn man sich vor Augen führt, dass übermäßiger Alkoholkonsum kein akutes, breites gesellschaftliches Problem darstellt. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegt der Pro-Kopf-Konsum in der Türkei bei 3,4 Litern reinem Alkohol im Jahr. Damit liegt die Türkei unter dem Durchschnitt der meisten europäischen Länder. Deutsche zum Beispiel trinken durchschnittlich 12,8 Liter. Weniger Alkohol als die Türken konsumieren nur die Bewohner der Golfstaaten und Nordafrikas, also Saudi-Arabien, Irak, der Iran sowie Marokko und Algerien.

Trotz allem lassen sich Menschen, die einfach ein Feierabendbier trinken wollen, nicht wirklich von den hohen Preise abschrecken. Denn die Tabak- und Alkoholaufsicht TAPDK stellt fest, dass der Alkoholkonsum nicht abgenommen hat (mehr hier).

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