Widerstand gegen sunnitisch-alevitische Gebetsstätte: Polizei setzt erneut Tränengas ein

Ein Projekt, in dem eine Moschee und eine alevitische Gebetsstätte auf einem Gelände gebaut werden soll, stößt auf Kritik. Der privaten Initiative wird vorgeworfen, die Assimiliation der Aleviten unter dem sunnitischen Islam voranzutreiben.

Ein Bauprojekt in Ankara, bei dem eine Moschee und ein alevitisches Gebetshaus (Cemevi) unter einem Dach vereint sind, erhitzt die Gemüter. Das von der sunnitischen Gülen-Bewegung und der alevitischen Cem-Stiftung ins Leben gerufene Projekt rief bei seiner Grundsteinlegung Proteste alevitischer Gruppen hervor. Diese wurden am vergangenen Sonntag mit Tränengas und Wasserwerfern von der Polizei bekämpft, woraufhin längere Straßenschlachten folgten. Führende alevitische Funktionäre zeigen sich gespalten. Der stellvertretende Ministerpräsident, Bekir Bozdağ, verwirrt mit der Aussage, dass Cemevis nicht das gleiche, aber auch nicht das Gegenteil von Moscheen seien.

Der Bau soll auf 3.246 Quadratmetern sowohl ein alevitisches Cemevi als auch eine sunnitische Moschee beherbergen und geht nicht auf eine staatliche Initiative zurück. Kritiker und Demonstranten befürchten, dass durch den Bau eine Assimilation des alevitischen Glaubens unter dem Schirm des sunnitischen Islams in der Türkei stattfinde. Seit je her wird der alevitische Glaube nicht als solcher staatlich anerkannt, Cemevis gelten nicht als Gebetsstätte. Aus Angst diskriminiert zu werden verschwiegen viele Aleviten ihren Glauben in der Vergangenheit und verhielten sich wie Sunniten. Das Haci-Bektas-Veli-Zentrum möchte den alevitischen Glauben von Einflüssen anderer Religionen befreien (mehr hier).

„Das ist eine Demonstration guter Absichten, löst aber keine Probleme. Diese Initiative erweckt auf sensationelle Art den Eindruck, große Probleme lösen zu können. Das ist nichts als Show. Für mich hat das keine Relevanz, kann sogar schädlich sein. Die Probleme der Aleviten werden weder durch die Sunniten, noch durch Moscheen verursacht. Das System, welches die Aleviten übergeht und ihre Gebetsstätten schließt, ist das Problem”, sagt der Präsident der Ehlibeyt Stiftung, Fermani Altun, wie Taraf berichtet.

Der Präsident der Föderation alevitischer Stiftungen sieht darin kein Problem. Der Staat habe die Aleviten nicht wesentlich diskriminieren können. Wenn er das bisher nicht getan hat, könne er es mit diesem Bau erst recht nicht tun. Ohnehin sei der Staat nicht daran beteiligt.

In Thrakien, dem europäischen Teil der Türkei, existiert bereits seit 700 Jahren ein solcher Gebäudekomplex aus Moschee und Cemevi. Auch vor diesem Hintergrund bleibt unklar, warum dieses Projekt eine weitere Assimilation bedeuten soll.

Der stellvertretende Ministerpräsident Bekir Bozdağ versucht die rechtliche Ungleichbehandlung der Aleviten mit einer logisch schwer nachvollziehbaren Aussage zu rechtfertigen. „Die Moschee und das Cemevi sind Symbole der Solidarität und des Friedens unter den Türken. Trotzdem sollte eines nicht vergessen werden: Das Cemevi ist nicht das Gegenteil einer Moschee. Das Cemevi und die Moschee sind auch keine Alternativen füreinander. Und eine Moschee und ein Cemevi sind nicht das Gleiche”, sagt Bozdağ dem Privatsender A Haber, so Hürriyet

Die alevitischen Türken als Teil der türkischen Zivilisation zu betrachten, ihre Gebetsstätten aber nicht als gleichwertig zu betrachten, ist widersinnig. Es passt in das Anliegen der Regierung den Aleviten nicht den Status einer religiösen Gemeinschaft verleihen zu wollen, sobald eine neue Verfassung verabschiedet wird. Denn sonst hätte Bozdağ man Moscheen und Cemevis auf eine Stufe stellen können.

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