Auftrieb für die Türkei: Studie sieht keinen Zusammenhang zwischen AKWs und Leukämie

Unbeirrt von internationalen Bedenken hält die Türkei an ihrem Atomkurs fest. In die Hände spielen könnte den Befürwortern der Kernenergie nun eine an diesem Freitag vorgestellte Studie. Derzufolge gibt es kein erhöhtes Leukämie-Risiko bei Kindern, die in der Nähe von Kernkraftwerken aufwachsen. Wissenschaftler aus Deutschland sehen das jedoch anders.

In einer großangelegten Studie haben britische Forscher Krebsfälle in der Zeit von 1962 bis 2007 untersucht. Im Fokus standen gut 10.000 Kinder unter fünf Jahren.

Das Ergebnis: Lebten diese in der Nähe von Atomkraftwerken, bestand für sie entgegen landläufiger Meinung kein erhöhtes Risiko an Leukämie oder eine andere Art von Krebs wie etwa dem Non-Hodgkin-Lymphom zu erkranken. Befürwortern des türkischen Atomkurses könnten diese Erkenntnisse nun in die Hände spielen. Denn das Land ließ sich bisher nicht beirren. Um die Energieabhängigkeit zu reduzieren, gibt es bereits konkrete Pläne für den Bau zweier Akws. Eine dritte Anlage ist angedacht.

Geleitet wurde die Studie von John Bithell, von der Childhood Cancer Research Group in Oxford. Bereits seit den 1980er Jahren gäbe es in Großbritannien Befürchtungen, dass Kinder, die in der Nähe von Kernkraftwerken aufwüchsen, einem höherem Risiko ausgesetzt seien, an Leukämie zu erkranken, so der Wissenschaftler. Aufgeschreckt worden sei die Bevölkerung durch entsprechende TV-Beiträge, die von vermehrten Krankheitsfällen in der Nähe des AKWs in  Sellafield im Nordwesten Englands berichteten. Doch nicht nur in Großbritannien habe es seither immer wieder widersprüchliche Veröffentlichungen zu diesem Thema gegeben.

Studien widerlegen sich gegenseitig

So stehen die aktuellen Ergebnisse zum Beispiel im Widerspruch zu einer 2007 in Deutschland veröffentlichten Studie (KiKK-Studie). Diese attestierte anders als die Engländer nun ein deutlich erhöhtes Risiko. Gestützt wird die neue Arbeit jedoch von Resultaten aus dem eigenen Land. So konnte eine über 35 Jahre angelegte Studie in Großbritannien  keine Beweise für einen direkten Zusammenhang liefern. Die Studie wurde 2011 vom Committee on Medical Aspects of Radiation in the Environment (COMARE) vorgestellt .

Nach Ansicht von Bithell sollten nun auch seine Ergebnisse, die im British Journal of Cancer veröffentlicht wurden, die Briten beruhigen: Man habe nahezu jeden Fall von Leukämie im Kindesalter in Großbritannien untersucht und keine entsprechende Korrelation gefunden, zitiert ihn Worldbulletin.

Leukämie tritt bei Kindern zumeist im Alter zwischen zwei und vier Jahren auf. In Großbritannien sind jährlich rund 500 Kinder betroffen. Mittlerweile können 85 bis 90 Prozent der Kinder geheilt werden.

Finanziert wurden Bithells Forschungen übrigens von den schottischen und englischen Regierungen sowie der Hilfsorganisation Children with Cance UK. Gemessen wurde die Entfernung zum nächsten Atomkraftwerk sowohl bei der Geburt als auch bei der Diagnose Leukämie oder Non-Hodgkin-Lymphom. Zugrunde lagen hierfür Daten des National Registry of Childhood Tumours, die Datensätze von nahezu allen Kinderkrebsfällen seit 1962 archivieren.

Auch Hazel Nunn von der Hilfsorganisation Cancer Research UK bezeichnet die Ergebnisse als „ermutigend“. Ein mögliches Risiko könnten diese Ergebnisse allerdings trotzdem nicht ausschließen. Nach wie vor sei es wichtig, die Krebsfälle gerade bei jungen Menschen in der Nähe von Kernkraftenwerken genau zu beobachten.

AKWs: Türkische Regierung beratungsresistent

Allen kritischen Stimmen zum Trotz gehen die Energieplanungen der Türkei derzeit offenbar in Richtung eines dritten Kernkraftwerks. Den Bau einer solchen Anlage will man aber diesmal, anders als in den ersten beiden Fällen, vorwiegend mit einheimischen Kräften stemmen. „Unser Plan ist, ein drittes AKW zu betreiben und den größten Teil der Anlage selbst zu bauen – ob das 60 oder 80 Prozent sein werden, das weiß ich noch nicht. Das hängt von der Performance unserer ersten beiden Kernkraftwerke ab“, so der türkische Energieminister Taner Yıldız bereits im vergangenen Mai.

Erst vor kurzem hat die Türkei ihre ersten beiden Kernkraftwerk-Projekte in trockene Tücher gebracht. Eine Anlage liegt in russischer Hand (mehr hier), eine zweite wird von einem japanisch-französischem Konsortium gebaut (mehr hier). Ziel der Regierung ist es, auf diesem Weg die Erdgas-Importe über die nächsten zehn Jahre zu reduzieren. Die von Kritikern immer wieder dargelegten Schattenseiten dieser Vorhaben werden offenbar bewusst in Kauf genommen (mehr hier).

Denn: Immer wieder werden internationale Mahnungen in Richtung Türkei laut. Kumi Naidoo, internationaler Direktor der Umweltorganisation Greenpeace, empfahl bei seiner Türkei-Visite Anfang 2012 hiesigen Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, dass ihr strategisch günstig gelegenes Heimatland ein Exempel statuieren und statt in Atomenergie, Öl und Kohle, lieber in Solar- und Windkraft investieren sollte. Ähnlich ergeht es Grünen-Chef Cem Özdemir. Er versteht nicht, warum die Türkei ihre Potentiale nicht ergreife. Die Nutzung von Solarenergie liege in dem Land auf der Hand. Auch in der türkischen Bevölkerung ist die Stimmung zu diesem Thema nicht erst seit gestern alles andere als regierungskonform (mehr hier).

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