Mord an Hrant Dink: Familie boykottiert Prozess

Der Journalist Hrant Dink starb, weil ein nationalistischer Minderjähriger ihn auf offener Straße erschoss. Ob hinter der Tat ein ganzes Netzwerk, gar mit Beteiligung staatlicher Funktionäre steht, soll die Neuauflage des Prozesses klären. Die Familie Dinks möchte aber nicht erneut von der Justiz verhöhnt werden.

Der Prozess um den Tod des Journalisten und Autors Hrant Dink wird neu aufgerollt. Der Türke mit armenischen Wurzeln wurde 2007 von dem noch minderjährigen Ogün Samast auf offener Straße in Istanbul erschossen. Das Urteil des ersten Prozesses wurde von der Staatsanwaltschaft zum Teil angefochten. Daher wird jetzt neu verhandelt. Die Familie Hrant Dinks erklärte in einem Brief, dass sie nicht an den Verhandlungen teilnehmen werde. Sie wolle verhindern, erneut vom Staat instrumentalisiert und verhöhnt zu werden.

Die Neuauflage des Prozesses soll in erster Linie klären, ob die an dem Mord beteiligten Personen einer terroristische Vereinigung angehörten. Dies hatte die neunte Kammer des Strafgerichts in seiner ersten Entscheidung verneint. Sie wurden als Teil einer kriminellen Gruppierung eingestuft, weil keine Beweise vorlägen, dass sich die 18 Angeklagten mit ihrer Tat gegen den Staat richten würden. Erst wenn eine kriminelle Gruppierung gegen den Staat vorgeht, kann sie juristisch als terroristische Vereinigung definiert werden.

Erste Maßnahme des Gerichtes war die Festnahme Erhan Tuncels, eines Helfers Samasts. Die Polizei von Trabzon soll wichtige Informationen Tuncels nicht an die örtliche Gendarmerie weitergegeben haben, so der Bericht einer Untersuchungskommission, wie die Hürriyet schreibt. Tuncel wurde im ersten Prozess zu zehn Jahren und sechs Monaten , Samast zu 22 Jahren und sechs Monaten Haftstrafe verurteilt.

„Die kriminelle Vereinigung namens Staat wiederholte den Mord in jeder Anhörung, an jedem Tag, an dem sie sich als auf der Suche nach Gerechtigkeit darstellte. Diese Vereinigung ist selbst kriminell, denn sie haben den Mord geplant und hinterher vertuscht“, so die Familie Dinks in einem Brief an die Öffentlichkeit. Schon seit Beginn des Prozesses kursieren Unterstellungen, die Hintermänner des Mordes seien Vertreter staatlicher Institutionen. Hrant Dink war Chefredakteur der kritischen armenisch-türkischen Zeitung Agos.

„Das lokale Gericht urteilte, dass die 18 Angeklagten nicht zu einer kriminellen Vereinigung gehören, der Oberste Gerichtshof ging jedoch von einer kriminellen Vereinigung aus. Wir haben immer am Standpunkt festgehalten, dass hinter dem Mord eine bewaffnete Terrororganisation steht“, sagt Cem Halavurt, Anwalt der Familie Dink auf Nachfrage der Hürriyet. Der Anwalt erhofft sich, dass der Prozess das „wahre Netz der Kontakte“ zu Tage bringen kann.

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