Frankfurt: Salafistische Deutsch-Türken ziehen in den Syrien-Krieg

Jugendliche aus Frankfurt haben sich von Salafisten radikalisieren lassen und sind in den Syrien-Krieg gezogen. Jetzt wollen sie angeblich zurück, doch die Angst zu flüchten sei zu groß. Der Hessische Verfassungsschutz beobachtet seit Beginn dieses Jahres eine zunehmende Ausreise von Salafisten in das Kriegsgebiet.

Lange Bärte, traditionelle Gewänder und ein selbstbewusstes Auftreten – salafistische Prediger spielen mit der in Deutschland weitreichenden Meinungs- und Religionsfreiheit. Mit ihren allzu einfachen Weltdeutungen konnten sie Anfang September eine Reihe von türkisch- und arabischstämmigen Deutschen aus Frankfurt für den Syrien-Krieg gewinnen. Die Mutter eines jungen Deutsch-Türken ist fassungslos über den plötzlichen Sinneswandel ihres Sohnes. Der Verfassungsschutz beobachtet seit Beginn dieses Jahres einen verstärkten Zulauf für den salafistischen Kriegs-Tourismus.

Der Großteil der Muslime versucht gegen diese Art der Radikalisierung anzugehen. „Stets haben wir Extremismus jeglicher Art verurteilt. Nicht erst seit gestern versuchen wir Jugendliche in unseren Moscheen gegen extremistische Ideologien zu immunisieren. Da inzwischen in jedem Bundesland DITIB-Jugend- und DITIB-Frauenverbände gegründet wurden, wird es nun leichter, entsprechende Arbeiten und Projekte umzusetzen“, sagt Dr. Bekir Alboga, der stellvertretende Generalsekretär der DITIB auf Nachfrage der DTN.

In einer türkischen Zeitung wird ein Einzelfall geschildert. Die Mutter eines 16-jährigen Frankfurters berichtet davon, dass ihr Sohn vor dem Kontakt mit Salafisten ein ganz gewöhnlicher Berufsschüler gewesen sein soll. Nachdem er auf die Koranverteil-Aktion aufmerksam geworden war (mehr hier), sei er mit salafistischen Kreisen in Kontakt gekommen.

Am 7. September habe er Frankfurt mit ca. 20 weiteren Jugendlichen gen Antalya verlassen, sagt sie der Zeitung Sözcü. Von dort aus seien sie weiter zur grenznahen Provinz Hatay gefahren, um nach Syrien zu gelangen. Als sie ihren Sohn angerufen habe, hätte er geweint und gesagt er wolle zurück nach Deutschland kommen. Einer seiner Freunde sei zum Kommandanten aufgestiegen, ein anderer bereits gestorben.

Der Hessische Verfassungsschutz hat auf Nachfrage der DTN den Bericht der türkischen Zeitung weder bestätigt noch dementiert:

„Seit Anfang 2013 nahmen die Ausreisebemühungen aus dem islamistischen Spektrum deutlich zu. Es ist davon auszugehen, dass diese Bemühungen in naher Zukunft weiter anhalten werden. (…) Wenn bereits im Vorfeld Reiseabsichten erkannt werden, erfolgt ein umfassender Informationsaustausch mit den zuständigen kommunalen Behörden mit dem Ziel der Erwirkung von Ausreiseverboten. Ein besonderes Sicherheitsrisiko geht von Rückkehrern aus den Kampfgebieten aus.“

Die Rückkehrer seien so gefährlich, weil sie innerhalb der salafistischen Netzwerke großes Ansehen genießen würden. Ihre „Heldentaten“ im Krieg gegen Assads Militär werden durch die radikale Rhetorik zum Dienst in Gottes Auftrag verklärt. Eine solche Idealisierung des Krieges, in Verbindung mit einem Heilsversprechen für das Jenseits, kommt bei jungen, desorientierten Menschen gut an. Dabei geht es um nichts anderes, als Rekruten für einen internationalen Stellvertreterkrieg anzuwerben.

Im Namen des „wahren“ Islam Rekruten gewinnen

Der Großteil der islamistischen Kriegs-Touristen kommt jedoch nicht aus Deutschland. Die meisten Kämpfer von Al-Nusra und anderen Gruppierungen stammen aus Libyen, Tschetschenien, dem Irak, Tunesien aber auch einige aus Frankreich.

Aus Hessen seien Kämpfer im niedrigen zweistelligen Bereich in den Syrien-Krieg gezogen, so der Verfassungsschutz. Nicht alle Salafisten sind notwendigerweise gewaltbereit. Von den geschätzt zwischen 5.000 und 10.0000 Salafisten in Deutschland, seien laut Bundesinnenministerium nur 100 tatsächlich bereit, selbst Gewalt anzuwenden.

Doch Salafisten teilen die Überzeugung, den „wahren“ Islam zu vertreten. Andersdenkende werden zu „Ungläubigen“ herabgesetzt. Für die Jugendlichen aus Deutschland, die dieser Gruppe angehören, eröffnet der Einsatz im Syrien-Krieg eine einmalige Chance: In einem „Heiligen Krieg“ für etwas zu kämpfen, für das es sich lohnt, zu sterben  – so die Idee. Die Wirklichkeit des Krieges jedoch ist, wie für die Frankfurter Jungs, viel zu grausam.

Islamistische Gruppierungen, die von Saudi-Arabien und Katar finanziert werden, gewinnen im Syrien-Krieg immer mehr Einfluss. Im manchen Regionen haben sie militärisch und gesellschaftlich die Macht übernommen, Scharia-Gerichte vollziehen die Rechtssprechung. Am Donnerstag hat die Al-Qaida Gruppe „Islamischer Staat Irak und Levante“ die Stadt Azaz, die nur 10 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt liegt, eingenommen. Die türkische Regierung weist Vorwürfe, sie würde nicht entschieden genug gegen die Islamisten vorgehen, von sich, wie die Zaman schreibt. Zuvor waren Vorwürfe der syrisch-kurdischen Rebellengruppe PYD laut geworden, wonach die türkische Regierung islamistische Kräfte unterstütze.

Mehr zum Thema:

Al-Kaida in Syrien: 60 deutsche Islamisten erhalten Terror-Ausbildung
Salafismus​: Muslime verurteile​n Angriff auf SWR-Report​er
Massenknutschen in Ankara: Islamisten greifen Demonstranten an

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.