Kaum Englischkenntnisse: Wie lange geht das für die türkische Wirtschaft noch gut?

Nach Ansicht des türkischen Wall Street English-Vorsitzenden Dündar Uçar haben die türkischen Exporteure eine erstaunliche Leistung vollbracht. Trotz kaum vorhandener Englischkenntnisse kann sich ihre Performance derzeit sehen lassen. Doch das System krankt. Die Schulen kümmern sich nicht, Arbeitgeber haben kein Interesse. Auf lange Sicht wird dieser Mangel das wirtschaftliche Wachstum bremsen.

Für Dündar Uçar, Vorsitzender von Wall Street English (WES) ist klar: Die Türkei ist hinsichtlich ihres Zusammenspiels von wirtschaftlicher Leistung und Fremdsprachenkenntnissen der Bevölkerung ein interessanter Fall. Denn: Das Land hat Waren im Wert von mehr als 150 Milliarden Dollar exportiert und fast doppelt so viele Güter eingeführt. Und das ohne adäquate Englischkenntnisse. Lange kann das allerdings nicht mehr gut gehen.

„Unsere Händler agieren augenscheinlich überall auf der Welt. Doch ihre Geschäfte führen sie ohne Englischkenntnisse durch“, zitiert die türkische Zeitung Zaman Dündar Uçar, der seit vielen Jahren im Bereich der Fremdsprachen-Ausbildung tätig ist. Das Problem liegt für den Fachmann auf der Hand. Niemand in der Türkei interessiere sich wirklich für das Englische. Unterrichtet werde das Fach weder an den Grundschulen noch an den Universitäten. Keiner bringe den Schülern näher, wie wichtig Englischkenntnisse in ihrem späteren Leben tatsächlich seien.

Vor allem für das Wachstum der Türkei in einer zunehmend globalisierten Welt seien Englischkenntnisse geradezu essentiell. Englisch sei mittlerweile nicht nur Lingua Franca, sondern auch die treibende Kraft für das Schaffen von Wohlstand und Kultur. Für ihn ist sicher, würde die Türkei hier voran kommen, stünde sie sowohl ökonomisch als auch sozial um einiges besser da.

Problem auf der Angebots- und Nachfrageseite

Den Geschäftsleuten des Landes scheint das allerdings bisher noch gar nicht klar, wie Uçar am eigenen Leib erfahren hat. So habe man die Organisation für die Entwicklung und Unterstützung von kleinen und mittleren Unternehmen (KOSGEB) gebeten, deren Mitglieder hinsichtlich ihrer Ausgaben für derlei Weiterbildungsmaßnahmen zu befragen. Das Ansinnen wurde jedoch abgelehnt.

Für den WES-Vorsitzenden ergibt sich daraus die zweite Schwäche im türkischen System. Denn das Problem bestehe sowohl auf der Angebots-als auch auf der Nachfrageseite. Die Menschen seien weder eifrig noch diszipliniert genug, die Sprache zu lernen. Andererseits seien die Bildungsstätten auch nicht in der Lage, ein ausreichendes Niveau der Sprachausbildung an ihre Schüler weiterzugeben. Das türkische Bildungssystem sei einfach völlig marode. Vieles laufe über private Kurse nach Schulschluss (mehr hier). Das Ergebnis ist mittlerweile gravierend, wie auch auf der English Proficiency Index (EPI) verdeutlicht. EF EPI vergleicht das Englischsprachniveau von 54 Ländern anhand von gut zwei Millionen Testpersonen. Während Schweden hier die Poleposition einnimmt, dümpelt die Türkei weit abgeschlagen auf Platz 32 noch hinter Taiwan. Immerhin schafft es das Land im Regionen-Ranking (Naher Osten und Nordafrika) hinter dem Iran auf Rang zwei, gefolgt von Marokko und Qatar.

Die Empfehlung von EF EPI lautet entsprechend:

„Die englische Sprache ist der Schlüssel zu Innovation, Unternehmertum und Investitionen aus dem Ausland. Die Führung der MENA-Region sollte anhand einer Bestandesaufnahme des Englischniveaus in ihren Ländern neue, nachhaltige Bildungsreformen einführen, um diese Lücke zu füllen. Die Ausbildung qualifizierter Lehrkräfte ist der erste Schritt zu effizientem Englischunterricht an öffentlichen Schulen. Jugendliche sollten intensives Englischtraining erhalten, gleichzeitig sollte die Regierung Anreize schaffen, die Schulabgänger zum Eintritt in den Lehrerberuf motivieren. Diese erste Massnahme sollte in den Ländern des Nahen Osten und Nordafrika hohe Priorität haben.“

Die Stiftung für wirtschaftspolitische Forschung in der Türkei (TEPAV) zeigte sich übrigens schon 2011 alarmiert. Sie befürchtete schon damals, die mangelnden Fremdsprachenkenntnisse könnten die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit der Türkei stören. Denn die Wirtschaft boome zwar, aber der Erfolg könne noch größer sein. Ökonomen argumentierten, dass die Türkei eine sogenannte „Reform der zweiten Generation“ benötige. Diese beinhalte eine Überarbeitung des Bildungs-, Steuer- und Justizsystems sowie der Städteplanung. Um weiter wachsen zu können, müsse die Türkei den Sprung von der Textil- und Maschinenindustrie in die High-Tech-Produktion schaffen, betonte TEPAV in ihrem Bericht. Das sei nur mit ausreichenden Fremdsprachen-Kenntnissen möglich (mehr hier).

Türken von norwegischer Mentalität weit entfernt

Wie es richtig geht, das machen nach Ansicht von Uçar derzeit die Norweger vor. Flächendeckend werde dort ab der Grundschule Englischunterricht angeboten, selbst bei kleinsten Schülerzahlen. Das Ergebnis: Hier spreche jeder Englisch, ohne Ausnahme. Doch von dieser Mentalität sei die Türkei noch weit entfernt.

Ein kleiner Lichtblick ist für den Fachmann jedoch das so genannte FATİH-Projekt (mehr hier).Mit Hilfe dieser Initiative will die türkische Regierung Standards und Qualität in der türkischen Bildung durch die Einführung intelligenter Klassenräume, Tafeln und Computer im gesamten Land verbessern. Gerade für den Fremdsprachenunterricht, so Uçar, könnten sich hier enorme Möglichkeiten eröffnen.

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