Türkei: Schere zwischen arm und reich bleibt weit geöffnet

Der rasante Aufschwung in der Türkei kommt nur sehr bedingt bei den breiten Bevölkerung an. Während die Zahl der Millionäre zunimmt, hat sich zwischen 2011 und 2012 nichts nennenswertes an der Einkommensverteilung verändert. Die Schere zwischen arm und reich ist mit russischen Verhältnissen vergleichbar.

Neueste Zahlen des Türkischen Amtes für Statistik belegen: Die immensen Einkommensunterschiede in der Türkei blieben auch 2012 nahezu unverändert. Die Gruppe der obersten 20 Prozent verdienen acht Mal so viel wie die Einkommensgruppe der untersten 20 Prozent der türkischen Bevölkerung. Noch immer leiden 59,2 Prozent der Bevölkerung unter materieller Entbehrung, denn sie können nicht mehr als vier von neun lebensnotwendigen Gütern kaufen. Der wirtschaftliche Aufschwung der vergangenen zehn Jahre zahlt sich hauptsächlich für die obere Mittelschicht aus.

Um die Einkommensverteilung international vergleichen zu können, gibt es den sogenannten Gini-Koeffizienten. Liegt dieser bei 0 verdienen alle das Gleiche, ist er bei eins, verdient eine Person das gesamte Volkseinkommen. In der Türkei ist der Gini-Index der offiziellen Statistik zufolge von 2011 auf 2012 leicht um 0,002 Punkte auf 0,402 gesunken. Damit liegt die türkische Einkommensverteilung im internationalen Mittelfeld, auf einem Niveau mit Russland und den USA, so das CIA-Factbook.

Als arm gelten 16,3 Prozent der Türken. Sie verdienen weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens in Höhe von 26.577 Lira im Jahr (ca 10.200 Euro). Die türkische Regierung gibt nur 1,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für soziale Transferleistungen aus (mehr hier). Allein Rentenzahlungen dienen als Äquivalent zu soziale Transfers und machten in vergangenen Jahr 20 Prozent aller Einkommen aus. Viele arme Familien in der Türkei leben hauptsächlich von der Rente älterer Personen im Haushalt.

Der allgemeine Wirtschaftsaufschwung in den vergangenen zehn Jahren wird häufig am rasant gestiegenen Durchschnittseinkommen festgemacht. Schließlich hat sich das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf seit 2003 auf ca 10.000 Dollar verfünffacht. Über die Verteilung des neuen Wohlstands sagt diese Zahl jedoch nichts aus.

Zahl der Millionäre wird sich bis 2014 verdoppeln

Dieser Umstand wird an zwei Zahlen sehr deutlich: Während das gesamte Durschnittseinkommen bei 26.577 Lira liegt, verdienen die unteren 50 Prozent (Medianeinkommen) der Türken durchschnittlich nur 11.850 Lira. Diese Differenz kommt dadurch zustande, dass der Durchschnittswert durch die hohen Einkommen reicher Türken nach oben verzerrt wird. Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang auch die krassen regionalen Unterschiede. Das Medianeinkommen in Istanbul ist mit gut 16.000 Lira fast drei Mal so hoch wie im Südosten der Türkei.

In allen Schwellenländern lässt sich beobachten, dass vornehmlich der obere Mittelstand und die Oberschicht vom hohen Wirtschaftswachstum profitieren. Die niederländische Bank ING prognostiziert, dass sich bis 2014 die Anzahl der türkischen Millionäre fast verdoppeln wird. Zwischen 2006 und 2011 nahm die Zahl der Millionäre in Brasilien, China, Russland und Indien um knapp 27 Prozent zu. In der Türkei konnte die oberste Einkommensgruppe ihren Reichtum um gut elf Prozent vergrößern, wie die Zaman schreibt.

Auch die Wohnbedingungen vieler Türken offenbaren große Defizite. Zwar wohnen 60,6 Prozent aller Türken in einem Eigenheim, was 20 Prozent mehr als in Deutschland sind. Doch 46 Prozent der Eigenheimbesitzer klagen darüber, dass die schlechte Isolation der Wohnungen ihnen Probleme im Winter bereitet. Ganze 61 Prozent der Haushalte zahlen abgesehen von Immobilienkrediten noch andere Kredite und Ratenzahlungen ab. Die türkische Mittelschicht finanziert ihren Konsum zu einem Großteil über Kreditkarten.

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