Deutsches Schulsystem hat „unmenschliche Züge“

Gunter Thielen, Vorsitzender der Walter Blüchert Stiftung, ist gegen das dreistufige Schulsystem in Deutschland. Es sei nicht zeitgemäß und verhindere den sozialen Aufstieg von Kindern, die nicht dem Bildungsbürgertum angehören. Dieser Meinung schließt sich der ehemalige Leiter der Shell-Jugendstudien, Klaus Hurrelmann, an. Das Bildungssystem habe „unmenschliche Züge“ und die leidtragenden seien Straßenkinder und Kinder mit Migrationshintergrund.

In Berlin fand am Dienstag eine Podiumsdiskussion zum Thema „Straßenki​nder – Lernen durch Erleben“ statt. Organisiert wurde die Veranstaltung von der Walter Blüchert Stiftung und KARUNA Zukunft für Kinder in Not e.V. Schirmherrin von KARUNA ist die Schauspielerin Hannelore Elsner.

Der Leiter der Shell-Jugendstudie 2002, 2006 und 2010, Klaus Hurrelmann, sagte, dass das deutsche Bildungssystem „unmenschliche Züge“ an sich habe. Das dreistufige Schulsystem sei problematisch und ein Auslaufmodell. Es finde eine sehr frühe Selektion der Kinder statt. „Einmal eingeteilt in Hauptschule oder Sonderschule, kommt man da nicht mehr raus“, so Hurrelmann.

Viele der Straßenkinder seien an diesem System gescheitert (mehr hier). Die Schulen schließen starke Persönlichkeiten aus. Stark betroffen von einer Benachteiligung seien auch Kinder mit Migrationshintergrund. Ein „gutbürgerliches Elternhaus“ sei eine Voraussetzung für Erfolg im Schulsystem.

Reform des Bildungssystems gefordert

Hierzu sagte Gunter Thielen, Vorsitzender der Walter Blüchert Stiftung, dass das dreistufige Schulmodell „200 Jahre alt“ sei. Auf ein derartiges Modell könne Deutschland nicht mehr setzen.

„Wir wollen ein System, in dem nicht nur die Kinder des Bildungsbürgertums dieselben Chancen haben, sondern auch Kinder mit anderen Biographien. Uns geht es darum, Barrieren zu überwinden. Denn wir sind überzeugt davon, dass es sich unsere Gesellschaft nicht mehr leisten kann, den Zugang zu Bildung schwierig, kompliziert und in vielen Fällen sogar hoffnungslos zu gestalten.“

In diesem Sinne spiele auch der zweite Bildungsweg eine große Rolle. So haben in Deutschland bisher nur zwei Prozent der Menschen ihr Abitur durch jenen Weg absolviert. Im Ausland seien es im Durchschnitt acht Prozent. Ganztagsschulen seien ebenfalls wichtig. Bei Kindern mit Migrationshintergrund müsse die Förderung in frühen Kinderjahren anfangen. Das Potential in Deutschland müsse genutzt werden.

Doch die Kritik am Bildungssystem beinhalte keinerlei Vorwürfe gegen Lehrkräfte. Die seien überfordert und kämen selbst nicht klar mit der alltäglichen Situation in den Schulen. Deutschland habe die Möglichkeit eine „Elite von unten“ herauszubilden.

Ein Erfolgsprojekt von Karuna e.V. und der Walter Blüchert Stiftung ist das „Justus Delbrück Haus – Akademie der Mitbestimmung“ in Jamlitz. Es bietet „benachteiligten, gefährdeten und heimatlosen“ Unterschlupf und Möglichkeiten sich weiterzubilden. Kinder und Jugendliche können sich einzeln oder als Gruppe um ein Stipendium bewerben.

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