Olympia-Absage für Istanbul: Britischer Werbeguru Martin Sorrell macht BBC verantwortlich

Nach Ansicht des britischen Werbegurus Sir Martin Sorrell hat die BBC den Gezi-Park-Protesten zu viel Aufmerksamkeit geschenkt. Die Folge: Die Berichterstattung beeinflusste die IOC-Vollversammlung, die im September über die Olympischen Spiele 2020 entschied und den Zuschlag an Tokio vergab. Ganz neu ist die Gezi-Park-Theorie nicht. Auf der Suche nach einem möglichen Sündenbock reagierte EU-Minister Egemen Bağış quasi „präventiv“.

Olympia-Frust statt Olympia-Lust hieß es Anfang September für Istanbul. Knapp musste sich die türkische Metropole im Rennen um die Spiele 2020 gegen Tokio geschlagen geben. Erfahrungesgemäß wäre im Nachklang nur mit Missmut aus dem eigenen Land zu rechnen gewesen. Doch stattdessen ertönt dieser nun auch aus Großbritannien. Der bekannte Werbeguru Sir Martin Sorrell glaubt einen Schuldigen für die Misere bei der IOC-Vollversammlung im argentinischen Buenos Aires ausgemacht zu haben. Für ihn steckt dahinter niemand Geringeres als die BBC und ihre Berichterstattung über die Gezi-Park-Proteste.

Sorrell hatte an der türkischen Olympiabewerbung mitgearbeitet. Auf der Konferenz „Leaders in Football” machte er jetzt seinem Ärger Luft. Während des Gipfeltreffens der Klubvorstände bezeichnete er das Nachsehen der Türkei im Olympia-Rennen als „Tragödie”. Seiner Ansicht nach sei das IOC-Kommittee in Buenos Aires von der Gezi-Park-Berichterstattung der BBC beeinfluss worden. Das berichtet die britische Daily Mail.

Nach Ansicht von Sorrell habe sich die BBC „unfair” gegenüber der Türkei verhalten, indem man den Demonstrationen in Istanbul zu viel Bedeutung beigemessen hätte. Einige Medien und Politiker, insbesondere die BBC und CNN, hätten die Chancen des Landes schwer gedämpft. Die Beschuldigten sehen das jedoch ganz anders: „Die Proteste in Istanbul waren eine bedeutende Nachrichtenstory. Unsere Berichterstattung war korrekt und unparteiisch”, so ein Sprecher BBC.

Istanbul muss sich knapp gegen Tokio geschlagen geben

Am 7. September musste sich Istanbul im fünften Anlauf gegen Tokio in einem Kopf-an-Kopf-Rennen geschlagen geben.  Tokio war bereits Gastgeber der Sommerspiele 1964. Überzeugt haben die Japaner offenbar mit ihrem Spielstättenkonzept. So gut wie alle Arenen liegen in einem engen Umkreis von nur acht Kilometern rund um das Olympische Dorf. Auch die finanzielle Sicherheit schien ausschlaggebend. Gestützt wurde die Kandidatur auf einen fest angelegten Reserve-Fonds. Dieser beträgt 4,5 Milliarden Dollar (mehr hier). In Buenos Aires zugegen war auch der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan. In Anbetracht des Syrien-Konfliktes in der direkten Nachbarschaft stellte er vor der Wahl noch einmal heraus, was für eine starke und bedeutungsschwangere Botschaft ein Zuschlag für die türkische Stadt wäre. Es gehe um den „Geist der Freundschaft, des Teilens und des Friedens“, so Erdoğan.

Kurz nach der Bekanntgabe der Entscheidung war der 600 Mann starken türkischen Delegation als auch dem Premier der Frust deutlich anzumerken. EU-Minister Egemen Bağış reagierte gar „präventiv“. Er suchte bereits im Vorfeld der Abstimmung die Schuld für einen möglichen Misserfolg in der internationalen Berichterstattung über die Gezi-Park-Proteste. Schon am 18. August stellte er klar: „Diejenigen, die am Taksim Platz eine Szene veranstaltet haben, versuchten bereits zwei Mal Istanbuls Kandidatur zu kippen und verlangten, dass Istanbul von der Kandidatenliste gestrichen wird. Gott sei Dank, ist ihnen das nicht gelungen. Falls Istanbul verliert, tragen sie die Schuld“, zitiert die türkische Hürriyet den Minister. Ob der Zuschlag für die Olympischen Spiele 2020 als Fluch oder Segen hätte betrachtet werden können, darüber schieden sich in den vergangenen Monaten allerdings die Geister (mehr hier).

Türkische Suche nach dem Sündenbock

Die Suche nach einem Sündenbock ist innerhalb der türkischen Politik weit verbreitet. Oft wird geradezu reflexartig versucht, erst einmal einen anderen für eine Misere auszumachen, statt vor der eigenen Haustüre zu kehren. Exemplarisch hierfür stehen kann etwa Burhan Kuzu. Der AKP-Abgeordnete und Vorsitzende des parlamentarischen Verfassungsausschusses, war Anfang August der Ansicht, dass die Bundesrepublik bei den Gezi-Park-Protesten ihre Hände im Spiel hatte (mehr hier). Auch der türkische Premier ist solchen Reaktionen nicht abgeneigt. Eine seiner „Theorien“: Eine heimliche „Lobby“ treibe die Zinsen in der Türkei nach oben und versuche, die Türkei zu höheren Zinssätzen zu zwingen (mehr hier).

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