Türkischer Journalist: Selbstzensur treibt Medien in die Unglaubwürdigkeit

Für den türkischen Journalist Can Dundar ist das Gebaren seiner Kollegen derzeit kaum erträglich. Im Land hat sich eine ungeheuerliche Selbstzensur breit gemacht. Es droht der totale Vertrauensverlust in die Redakteure und die Verlagshäuser.

Die These des türkischen Journalisten Can Dundar klingt auf den ersten Blick befremdlich: Er vermisse die Zensur der türkischen Medien, die in Folge des Militärputsches 1980 stattgefunden habe. Zu jener Zeit hätten die Journalisten wenigstens gewusst, wo sie standen. Heute ist das nicht mehr so. Die Kollegen schießen sich aus Angst vor Repressalien selbst ins Abseits.

Der 52-jährige Dundar weiß, wovon er spricht. Bis zum vergangenen Sommer war er bei einem liberalen türkischen Blatt beschäftigt. Seit 2001 war er dort tätig. Nach zwölf Jahren wurde er jedoch abgesägt. Er ist überzeugt: Eine neue, „heimtückische Form der Zensur“ hat sich in der Türkei breit gemacht. Schweigen lautet jetzt der Konsens.

„Als Journalist, der die Zeit des 12. Septembers erlebte, kann ich sagen, dass ich die Zensur dieser Ära vermisse“, zitiert ihn das Portal Rappler. Wenn eine Geschichte verboten worden sei, dann sei einem das am Morgen durch einen Militär mitgeteilt worden. Jetzt liefe das anders. Medienunternehmen, darunter auch sein früherer Arbeitgeber, die „Milliyet“, hätten solche Angst vor Konsequenzen, dass sie Selbstzensur betreiben würden. „Ich weiß, dass sogar Bilder des Premierministers, auf denen er nicht gut aussieht, Unbehagen in den Zeitungen verursachen“, so Dundar.

Dundar zählt nach Angaben von Ercan Ipekci, Kopf des türkischen Journalistenverbandes, zu den mindestens 85 türkischen Journalisten, die entlassen worden sind oder zum Rücktritt gezwungen wurden, seit am 31. Mai dieses Jahres die Proteste im Land losbrachen. Neu sind derartige Missstände allerdings nicht. Bereits seit längerem wird die Türkei für ihren Mangel an Pressefreiheit kritisiert. Die Reporter ohne Grenzen (ROG) bezeichneten Ende 2012 die Türkei gar als „weltgrößtes Gefängnis für Journalisten“ (mehr hier). Die Nichtregierungsorganisation Committee to Protect Journalists (CPJ) sprach in der gleichen Zeit von 76 Journalisten in Gefängnissen. 61 von ihnen sollen allein aufgrund ihrer Berichterstattung inhaftiert sein. Es herrsche ein regelrechtes Klima der Angst (mehr hier). Im Zuge der jüngsten Unruhen soll sich die Situation nun aber nochmals verschlechtert haben.

Journalisten fürchten um ihre Arbeitsplätze

Journalisten, die über die Zusammenstöße berichten, „wurden zum regelmäßigen Ziel von polizeilichem Missbrauch“, so CPJ Executive Director Joel Simon. Die meisten Journalisten würden sich aber nicht davor fürchten, geschlagen oder eingesperrt zu werden. Sie sorgen sich um ihre Jobs (mehr hier). Das Resultat liegt für einige auf der Hand: Aus Angst vor Schwierigkeiten, wie sie etwa auch einige türkische TV-Sender erfahren haben, üben sie lieber Selbstzensur.

Der Druck auf die Medienschaffenden werde in verschiedenen Formen ausgeübt, umreißt das Portal die Situation. So gebe es Berichte von Organisationen, wonach auf Anträge von Regierungsberatern Journalisten eingestellt oder entlassen worden seien. Auf der anderen Seite hätte es gegen die Schreiberlinge auch Drohungen von Seiten bestimmter Politiker gegeben. So sei zum Beispiel ein Fall bekannt, in dem ein Redakteur eine einschüchternde Email erhalten hätte. Er recherchierte gerade zum Tod eines 19-jährigen Studenten, der während der Proteste umkam. Der Adressat, ein Gouverneur, bestritt das jedoch.

Doğan-Gruppe gerät ins Visier der Regierung

Schädlicher ist aber die Angst der Medien-Bosse, dass die Äußerung von Kritik an der AKP-Regierung das Wasser endgültig zum Überlaufen bringen könnte. So war etwa der größte Medienkonzern der Türkei, die Doğan-Gruppe, gezwungen, ihre Zeitung „Milliyet“ zu verkaufen. Das Blatt sollte 2009 ein Bußgeld in Höhe von knapp einer halben Milliarde Euro nachzahlen für einen Verkauf von Anteilen seiner Fernsehsparte an den Axel-Springer-Verlag drei Jahre zuvor. Aydın Doğan vermutete, dass diese Sanktion politisch motiviert war, da sein Blatt kritische Berichte über Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan und den Deniz Feneri-Skandal veröffentliche. Auch nach Einschätzung von Dundar sei das eine „Nachricht an alle Medien-Bosse“ gewesen. Und sein damaliger Chef reagierte entsprechend. Kolumnen, die den Premier beleidigten, seien tabu gewesen.

„Abweichende Stimmen in der Zeitung wurden auf Kosten der Leserschaft zum Schweigen gebracht“, so Dundar weiter. Neuerdings seien die Zeitungsbosse „royalistischer als der König“. Die Folge: Die Journalisten, die da nicht mitspielten, verlagerten sich auf das Internet und dort auf Soziale Netzwerke wie Twitter (mehr hier). Ann Cooper, Professorin an der Columbia Journalistenschule und ehemalige CPJ-Vorsitzende ist alarmiert. Sie warnt die Medienunternehmen, die nicht bereit sind, Autoritäten zu kritisieren. Mit dieser Vorgehensweise würden sie ihre Glaubwürdigkeit einbüßen. Ein Prozess, der nach Ansicht von Dundar allerdings schon in vollem Gange sei.

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