Eigene Atomkraftwerke: Der Türkei fehlen die Kompetenzen

Die Türkei hat rund 200 Studenten fernab der Heimat in Kernkraft-Technologie ausbilden lassen. In Russland lernten die jungen Leute das, was der umstrittene Atomkurs ihrer Regierung künftig nachfragt. In der Türkei selbst gibt es eine entsprechende Ausbildung bisher nicht. Und bräuchte sie eigentlich auch gar nicht.

Der Anfang wurde gemacht. Gut 200 junge Leute aus der Türkei haben in Russland ihr Rüstzeug in Sachen Kernkraft-Technologie mit auf den Weg bekommen. Wenn sich die Türkei auf dem Gebiet der Atomkraft etablieren will, dann muss sie hier jedoch selbst aktiv werden, so Rauf Kasumov, stellvertretender Generaldirektor von „Akkuyu NGS Elektrik Üretim A.Ş.”. Dabei stünden der Türkei ganz andere Wege offen.

„Wenn die Türkei ein ordentlich entwickeltes Atomprogramm auf die Beine stellen und künftig vier Atomkraftwerke haben will, dann sollte die Türkei seine eigene nukleare Bildung entwickeln“, zitiert die türkische Zeitung Hürriyet Kasumov, der hauptsächlich mit dem Bau der ersten türkischen Anlage in Akkuyu betraut ist (mehr hier). Es gebe im Augenblick nur eine Abteilung für Kerntechnik in der Türkei. Diese befinde sich an der Hacettepe Universität in der Hauptstadt Ankara. Akzeptiert würden dort allerdings nur 40 Schüler. Dies sei definitiv nicht genug für die Türkei.

Türkei braucht eigene nukleare Ausbildung

Zwar weist Kasumov darauf hin, dass man einen allmählichen Bildungstransfer in die Türkei plane. Doch der geplante Technologietransfer würde kein einfaches Projekt werden. „Wir können solche Technologien nur an Nuklear-Ingenieure übertragen, nicht an nicht Bauingenieure oder Maschinenbauer. Bevor wir unseren Technologietransfer in die Türkei in diesem Bereich beginnen können, muss die Türkei eine solide Nuklear-Ausbildung etablieren“, so Kasumov weiter. Und diee müsse dann den eigenen, türkischen Ansprüchen genügen. Ein einziges Zentrum auf diesem Gebiet reiche hier kaum aus.

Bisher wurden gut 200 Studenten in Russland ausgebildet. Grundlage ist ein Regierungsabkommen zwischen der Türkei und Russland (mehr hier). Diese Übereinkunft ist Teil von Ankaras Strategie, die Atomenergie im Land weiter zu forcieren. Bereits im Juli 2010 bewilligte das türkische Parlament ein Abkommen mit Russland über den Bau eines Atomkraftwerks in der südtürkischen Provinz Akkuyu. Im Laufe der nächsten Jahre sollen insgesamt 600 türkische Studenten ihr Wissen auf diesem Gebiet in Russland erweitern. Von Seiten Russlands gibt es unterdessen bereits das Signal, auch den Bau eines dritten und vierten Atomkraftwerks in der Türkei übernehmen zu wollen.

AKWs: Türkische Regierung beratungsresistent

Allen kritischen Stimmen zum Trotz gehen die Energieplanungen der Türkei derzeit offenbar in Richtung eines dritten Kernkraftwerks. Den Bau einer solchen Anlage will man aber diesmal, anders als in den ersten beiden Fällen, vorwiegend mit einheimischen Kräften stemmen. „Unser Plan ist, ein drittes AKW zu betreiben und den größten Teil der Anlage selbst zu bauen – ob das 60 oder 80 Prozent sein werden, das weiß ich noch nicht. Das hängt von der Performance unserer ersten beiden Kernkraftwerke ab“, so der türkische Energieminister Taner Yıldız bereits im vergangenen Mai.

Erst vor kurzem hat die Türkei ihre ersten beiden Kernkraftwerk-Projekte in trockene Tücher gebracht. Eine Anlage liegt in russischer Hand (mehr hier), eine zweite wird von einem japanisch-französischem Konsortium gebaut (mehr hier). Ziel der Regierung ist es, auf diesem Weg die Erdgas-Importe über die nächsten zehn Jahre zu reduzieren. Die von Kritikern immer wieder dargelegten Schattenseiten dieser Vorhaben werden offenbar bewusst in Kauf genommen (mehr hier).

Denn: Immer wieder werden internationale Mahnungen in Richtung Türkei laut. Kumi Naidoo, internationaler Direktor der Umweltorganisation Greenpeace, empfahl bei seiner Türkei-Visite Anfang 2012 hiesigen Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, dass ihr strategisch günstig gelegenes Heimatland ein Exempel statuieren und statt in Atomenergie, Öl und Kohle, lieber in Solar- und Windkraft investieren sollte. Ähnlich ergeht es Grünen-Chef Cem Özdemir. Er versteht nicht, warum die Türkei ihre Potentiale nicht ergreife. Die Nutzung von Solarenergie liege in dem Land auf der Hand. Auch in der türkischen Bevölkerung ist die Stimmung zu diesem Thema nicht erst seit gestern alles andere als regierungskonform (mehr hier).

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