Patienten-Wut in der Türkei: Alltäglich​e Gewalt gegen Krankenhau​s-Personal

Wütende Mobs, die auf Ärzte losgehen, Angehörige, die einen Mediziner sogar töten: Schlagzeilen wie diese ließen die türkische Öffentlichkeit aufschrecken. Dabei sind nicht nur die Doktoren betroffen. Mehr als 85 Prozent der Beschäftigten im türkischen Gesundheitssektor waren im Laufe ihres Berufslebens mindestens einmal Gewalt ausgesetzt. Die bisherigen Versuche sie zu schützen, halten sie für unzureichend.

Eine Untersuchung der Gesundheitsgewerkschaft Sağlık-Sen unter Mitarbeitern des türkischen Gesundheitssektors hat Erschreckendes zu Tage gebracht. Mehr als 85 Prozent der Arbeitnehmer in diesem Bereich wurden im Verlauf ihres Arbeitslebens mindestens einmal mit Gewalt konfrontiert. Wie groß die Angst und die Gefahr ist, dass tatsächlich etwas passiert, hängt jedoch stark von der Region ab.

Diejenigen, die mindestens einmal während ihrer Berufsausübung Gewalt ausgesetzt waren, beläuft sich demnach auf ganze 86,8 Prozent. 81,4 Prozent dieser Befragten gaben zudem an, dass es dazu im Verlauf des vergangenen Jahres gekommen sei. 23,7 Prozent wurden dabei mindestens einmal Opfer physischer Gewalt. Insgesamt 81,9 Prozent erklärten zudem, dass sie sich „fürchten“ würden, Opfer von Gewalt an ihrem Arbeitsplatz zu werden. Unter denjenigen, die noch nie etwas mit Gewalt während des Jobs zu tun hatten, beträgt dieser Wert nur 39 Prozent. Befragt wurden 1.300 Personen im Gesundheitswesen in 15 türkischen Provinzen. Die Untersuchung erfolgte im Rahmen persönlicher Gespräche.

Insgesamt seien mehr Ärzte Gewalt ausgesetzt als andere Mitarbeiter des Gesundheitswesens. Zuletzt ging im August ein wütender Mob auf einen Arzt los (mehr hier). Die Rate derer, die mindestens einmal im Laufe ihres Berufslebens eine solche Erfahrung machen mussten, liegt demnach bei 94,9 Prozent, gefolgt von Krankenschwestern mit 93,3 Prozent und 89,8 Prozent bei den Hebammen. Mediziner sind auch diejenigen, die insgesamt häufiger Gewalt ausgesetzt sind, als andere Berufe im Gesundheitswesen. Der Umfrage zufolge sind 43,6 Prozent mehr als elf Mal während ihres Berufslebens betroffen.

Schwarzmeer-Region am sichersten

Wie gefährdet bzw. betroffen das Gesundheitspersonal ist, hängt in der Türkei stark von der jeweiligen Region ab. Diejenigen die im vergangenen Jahr mindestens einmal mit Gewalt zu tun hatten, war im Südosten der Türkei mit 95,7 Prozent am höchsten. Gefolgt von der Mittelmeer-Region mit 84,6 Prozent und 83,8 Prozent in der Marmara-Region. Am niedrigsten liegen die Werte mit 69,3 Prozent der Befragten, die mindestens einmal im vergangenen Jahr Gewalt ausgeliefert waren, hingegen in der Schwarzmeer-Region. Wird zudem die Frequenz der Gewalt berücksichtigt, haben die südöstliche Region und die Marmara-Region die höchsten Raten mit 20,5 bzw. 20,1 Prozent. Das berichtet die Hürriyet.

Entsprechend ist auch die Angst, dass etwas passiert, unter den Mitarbeitern im Südosten des Landes deutlich höher als in anderen Teilen des Landes. Insgesamt 92,3 Prozent gaben im Rahmen der Umfrage an, genau davor Angst zu haben. Immerhin 86,4 Prozent sind es im Osten der Türkei und 86,2 Prozent in der Mittelmeer-Region. Die niedrigste Quote findet sich auch hier in der Schwarzmeer-Region mit 70 Prozent.

Personal fühlt sich nicht ausreichend beschützt

Eine große Mehrheit der Arbeitnehmer im Gesundheitswesen hält die bisherigen Sicherheitsmaßnahmen nicht für ausreichend. Gut 75,4 Prozent der Ärzte, 69,6 Prozent der Amtsärzte, 64,9 Prozent der Krankenschwestern und 62,1 Prozent der Hebammen sind dieser Ansicht.

Nach Einschätzung der Verfasser könnten auch die Arbeitsbedingungen zur zunehmenden Gewalt beitragen. So sei die Rate derjenigen, die im vergangenen Jahr körperlicher Gewalt ausgesetzt waren, mit 25,5 Prozent höher bei denen, die im Dienst waren, als bei denen, die nicht im Dienst waren (19,8 Prozent). Während Überstunden und der Dienst an sich die Rate derer, die verbaler oder sexueller Gewalt ausgesetzt sind, nicht verändert, wirkt sich das jedoch sehr wohl auf die Rate derer aus, die physischer Gewalt ausgesetzt sind.

Sağlık-Sen-Präsident Metin Memiş hat das Thema mittlerweile bereits im türkischen Parlament vorgetragen. Die Umfrageergebnisse und Empfehlungen präsentierte er Necdet Ünüvar, Leiter des parlamentarischen Ausschusses für Familie, Arbeit und Soziales. Auch dort hat man sich im April 2013 mit dem Thema befasst. Dem Bericht der Kommission zufolge, gibt es diverse Gründe für Gewalttaten gegen Mitarbeiter im Gesundheitswesen: Verhaltensstörungen, niedriges Bildungsniveau und Widerstand gegen Regeln; Krankenhäuser arbeiten zudem oft jenseits ihrer Kapazität; daneben sind es die gestressten Patienten oder Verwandten und die überfüllten und lauten Orte sowie über-anspruchsvolle Patienten und Angehörige; langen Wartezeiten; unterbesetzt Gesundheitsdienste; Missverständnisse; Kommunikationsprobleme und persönliche Fragen.

Tausende Ärzte gehen auf die Straße

In der Türkei sind im vergangenen April Tausende Ärzte in einen eintägigen Streik getreten, um ihrem 26-jährigen Kollegen zu gedenken, der im April 2012 von einem Angehörigen eines Patienten ermordet wurde. Schon kurz nach der Tat hatten sie ihrem Unmut über das Geschehene lautstark Luft gemacht. Der 26-jährige Herz-Thorax-Chirurgen Ersin Arslan wurde am 17. April 2012 in der südtürkischen Provinz Gaziantep vom Enkelsohn eines Patienten erstochen, den er zuvor operiert hatte (mehr hier). Kurz darauf traf es den Neurochirurg Mehmet Cengiz Çepoğlu. Er hatte eigentlich gute Nachrichten, wurde aber dennoch derart schwer attackiert, dass er gut einen Monat lang nicht operieren konnte (mehr hier).

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