Deutsch-Türkin Emel Zeynelabidin: Warum ich das Kopftuch abgelegt habe

Emel Zeynelabidin ist eine muslimische Aktivistin aus Deutschland. Die Deutsch-Türkin hat vor langen Jahren ihr Kopftuch abgelegt. Für sie hat Religion nicht mit Kleidung zu tun. Für sie bedeutet der Islam nur „Hingabe“ zu Gott. Wer die Liebe nicht kenne, der verkenne den Islam.

Der Glaube an ein Leben nach dem Tod gehört zu den essentiellen Glaubensüberzeugungen von Muslimen.

Eine Frau in langem Popelinemantel und großem Kopftuch steigt in die S-Bahn. Mir gegenüber sitzt eine Frau in kurzärmeligem Sommerkleid. Ich schwitze. Es ist seit drei Tagen Hochsommer in Berlin. Wir alle schmoren. Bei diesen Temperaturen ist leichte Kleidung angesagt, die Luft an den Körper lässt, damit er atmen kann.

Das festgebundene Kopftuch und der lange Mantel sind aber eher herbstlich. Es fällt auf. Niemand fragt diese Frau, warum sie sich so kleidet und wie alle anderen vielleicht umso mehr leidet. Hier in Berlin herrscht leider ohnehin die Anonymität, keiner interessiert sich für den anderen.

Dieses Wetter verschont niemanden.

Ich weiß als eine, die 30 Jahre als sichtbare Muslimin gelebt hat, dass die verhüllte Frau eine religiös begründete Bekleidungsregel befolgt. Ihre Verhüllung macht sie also zu einer Gläubigen, in Würde. Sie lebt in ihrer Selbstverständlichkeit und drückt mit ihrem Gehorsam ihre Unterwürfigkeit gegenüber Gott aus. Sie hat gelernt, dass sie für ihr momentanes Leiden belohnt werden wird, nach ihrem Tod, im Jenseits.

In ihr herrschen Gedanken und Vorstellungen, die sonst keiner der leicht Bekleideten in der S-Bahn haben kann. Die anderen leiden auch, aber sie leben praktisch, suchen selber nach Abhilfe, würden vermutlich niemals auf die Idee kommen, für eine Belohnung nach ihrem Tod zu leiden. Es geht den anderen um das Jetzt und Hier. Es geht um die Auseinandersetzung im Hier und Heute. In solchen ambivalenten Situationen versuche ich immer wieder den Spagat, um zu begreifen, was nicht zu begreifen ist.

Ich traue mich nicht, die Frau im Mantel zu fragen, so wie eine, die keine Ahnung hätte. Die ganze Thematik ist zu heikel geworden, nachdem sich die Islamischen Verbände vor Jahren wegen der Verhüllung mit der deutschen Politik angelegt haben. Viele dieser verhüllten Frauen kennen aber gar nichts anderes als ihre lieb gewonnene Selbstverständlichkeit. Das interessiert jedoch weder die männerdominierten Verbände noch die deutschen Politiker.

Wenn aber die Gedankenwelt in den Köpfen so gespalten ist, in ein Leben, das entweder diesseits-gerichtet oder jenseitsgerichtet ist, wie soll man sich dann Muslime und Nichtmuslime annähern? Was kann der eine da von dem anderen noch halten? Kann er ihn ernst nehmen, ihn verstehen?

Denn wir leben doch in einer Welt, in der Äußerlichkeiten der praktischen Verwandlung unterworfen sind, und ausgerechnet diese bekleidungstechnischen Äußerlichkeiten sollen dann der Gradmesser für Gläubigkeit und Würde sein?

Was für eine genaue Vorstellung von Gott steckt dahinter?

Das sind Fragen, die ich mir erst heute stellen kann, nach sieben Jahren eines neuen Lebens, ohne diese Äußerlichkeit, aber dennoch mit Glauben und Würde. Denn Glaube und Würde kann man sich nicht einfach überziehen; man muss beides mit der Zeit wachsen lassen.

Das hat mir damals in meiner Zeit der Verhüllung niemand erzählt. Ich sollte erst selber darauf kommen. Eigene Erkenntnisse sind schließlich am überzeugendsten. Heute habe ich zu meinem Glaubensverständnis einen persönlichen Bezug entwickelt, was nicht einfach war. Ohne Verhüllung lebt es sich für mich und meine Haare heute viel sicherer, weil unauffälliger, und viel schöner, weil vielseitiger denn je, ohne deshalb aber auf Glauben und Gott verzichten zu müssen.

Ich war und bin keine Gelehrte und besitze dadurch keine theologische Autorität wenn es um wissenschaftliche Fragen der Religion geht. Aber ich habe die Fähigkeit, Fragen zu stellen, zu beobachten, zu vergleichen und zu analysieren, um dann mit meinem Verstand zu Ergebnissen und Erkenntnissen zu kommen.

Für mich bedeutet Islam Hingabe, nichts anderes.
Sich hingeben kann nur die Seele. Sie nimmt den Körper einfach mit.
Liebe ist der einzige Beweis für die Existenz einer Seele.
Wer die Liebe nicht kennt, kennt keinen Islam.
Die Wurzel allen Übels und Glücks ist die Vorstellung von Gott.

Deshalb bin ich dieser Frage, was mit Gott überhaupt gemeint sein kann, genauer nachgegangen. Meine persönlichste Erkenntnis in Fragen des Glaubens ist die, dass Gott erhaben ist über jede Religion. Nicht meine religiöse Praxis über Jahrzehnte, sondern erst die Beschäftigung mit meiner Lebensgeschichte und das Kennen lernen der Liebe brachten mich zum Glauben an einen Gott, der mehr kann und mehr weiß als ich, der die Dinge fügt und mich im menschlichen Chaos der Möglichkeiten mit göttlicher Vollkommenheit begleitet und nicht alleine lässt. Gott drückt sich für mich in so großer Vielfalt aus.

Da erscheint es mir als ein Zeichen von Taubheit und Erblindung, die unter den Buchgläubigen vorherrscht.
Befreit von meiner alten Vorstellung, Gott sei der „Hüter“ des Islam interessiere ich mich umso mehr für Gott, jenseits von Religionen. Einer meiner Söhne brachte es auf den Punkt: „Mama, du bist keine Muslimin mehr, du glaubst doch nur noch an Gott.“

Jeder Mensch lebt ein Leben, im besten Fall sein eigenes Leben. Jede Herausforderung ist eine Chance zum Nachdenken, die genutzt werden will. Der Mensch ist schließlich geschaffen für die Auseinandersetzung, und nicht etwa für den blinden Gehorsam.

Ein Denken in hierarchischen Strukturen, das als Gruppenprozess daherkommt, birgt heimtückische Fallen. Die Annahme, Gott sei autoritär, indem er mit den Mitteln der Sanktionierung Unterwerfung verlange, kann besonders Frauen in die Irre und aus Gewissenskonflikten in die Verzweiflung führen.

Denn nur sie sind es, die mit sozialen Einschränkungen, die diese Verhüllung mit sich bringt, eigentlich um ihr diesseitiges Leben als Frau betrogen werden. Bedeutet ihnen denn das diesseitige „weltliche“ Leben etwa gar nichts?

Hätte ich aber damals mein Kopftuch abgelegt wenn jemand gekommen wäre und gesagt hätte, das Kopftuch und diese ganze Verhüllung müssen gar nicht sein? Nein, denn ich bin trotz meiner sozialen Einschränkungen viel zu selbstbewusst gewesen, als dass ich etwas mache, nur weil jemand das behauptet. Außerdem steht schließlich solch einer Behauptung das Wort Gottes gegenüber. Dass das Wort Gottes mich aber eigentlich nur als Interpretation erreichte war mir damals nicht bewusst.

Heute frage ich mich als Unverhüllte sehr kritisch, wenn die Verhüllung für die Frauen Gottesgesetz sein soll, aber nur eine bestimmte Gruppe von Frauen dieses für ihr Heil im Jenseits befolgt, um korrekt, moralisch und würdevoll zu sein, was ist wie steht es dann im Angesicht Gottes um die Korrektheit mit der Korrektheit, Moralität und Würde all jener Frauen im Diesseits, die nicht zu dieser bestimmten Gruppe gehören und diese Regeln befolgen?

Bedenklich finde ich, dass diejenigen, die sich vorwiegend über ihre religiös begründeten Regeln und Rituale definieren, es nicht für nötig halten, ihre Vorstellungen im modernen Kontext des heutigen Lebens auf ihre Brauchbarkeit zu überprüfen. Somit werden den nachfolgenden Generationen unreflektiert Vorstellungen weitergegeben, weil sie nicht diskutiert, sondern befolgt werden müssen. Das aktuellste Beispiel ist die Beschneidung der männlichen Vorhaut.

Islam wird heute als Buch- und Regelglauben weitergegeben. Weder in den meisten Familien noch im Religionsunterricht wird dem Heranwachsenden ein Freiraum geboten, in dem er reflektierend seine eigenen religiösen Vorstellungen entwickeln könnte. Vielmehr wird Islam als ein einheitliches, durch Interpretationen gefiltertes und kategorisiertes System von Regeln und Ritualen mit den klaren Urteilen von „Erlaubt und Verboten“ tradiert.

Etwas, das nur übernommen und nachgemacht zu werden braucht. Etwas, das Gelehrte aus alten Zeiten für das einfache Volk anhand der Worte Gottes und der Hinweise Muhammads, dem Auserwählten Gottes, schon vorgedacht und erklärt haben. Wir leben aber im Hier und Heute mit seinen Herausforderungen und Missständen. Das erfordert nicht die Imitation, sondern das Nachdenken, um mit dem Fluss der Zeit Schritt zu halten.

Der Koran als Sammlung göttlicher Offenbarungen aus einer Zeit vor über 1400 Jahren übt bis heute noch einen unglaublichen Einfluss auf das Leben eines Muslims aus.

Einmal, fragte ich im Kreise meiner Familie meinen geschiedenen Ehemann: „Warum müssen wir eigentlich an so etwas Schreckliches wie die Hölle glauben?“

Seine spontane Antwort war die Übliche, nämlich, weil es im Koran so stehe. Ich fragte weiter: „Würdest du auch an die Hölle glauben, wenn es nicht im Koran stehen würde?“ Schweigen.

Der Koran wird zu sehr behandelt als Buch, das verstanden werden soll, um Gott zu erfahren. Aber der Koran war nie ein Buch, sondern ist zu einem Buch gemacht worden. Als Buch macht der Koran Gott zu einem Verfasser, der eine lexikalische Sprache spreche. Kann das sein?

Dabei heißt es doch: macht euch kein Bild von Gott!

Auch nicht eins über die durch Interpretation entstandenen Regeln und angeblichen Gesetze. In anderen Worten: versucht nicht, mit eurem begrenzten Verständnis dieser Regeln und Gesetze auf Gott zu schließen. Eure Vorstellungskraft und eure geistigen Fähigkeiten reichen bei weitem nicht aus, um mich zu begreifen.

Auch wenn die Glaubensvorstellungen des einen für den anderen nicht immer nachvollziehbar sind, gilt es, den Glauben eines Menschen zu respektieren.

Ich forsche weiter und stelle Fragen, ohne dabei die Hoffnung aufzugeben, dass ich das Unbegreifliche eines Tages begreifen werde.

Emel Zeynelabidin

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch „Erwachsen wird man nur im Diesseits.“ Das lesenswerte Buch erschien im Berlin Verlag 3.0 und kann hier bestellt werden.

Emel Zeynelabidin wurde 1960 in Istanbul geboren und wuchs in Deutschland auf. Ihr Vater Dr. Yusuf Zeynelabidin war Mitbegründer der islamischen Gemeinschaft Milli Görüş (IGMG). Sie studierte Anglistik und Islamwissenschaften und ist Trägerin des „Lutherpreises- Das unerschrockene Wort“.

Das DTN-Interview mit Emel Zeynelabidin – hier.

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