Auch ohne EU-Beitritt: Die Türkei und Europa sind wirtschaftlich nicht zu trennen

Das Verhältnis zwischen Brüssel und Ankara ist gespannt. Die Türkei wartet seit Jahrzehnten auf einen EU-Beitritt. Anti-EU-Stimmen in der Türkei werden immer lauter. Doch die Türkei und der EU-Raum sind wirtschaftlich weitgehend verzahnt.

Auch wenn der EU-Beitritt der Türkei nicht gelingen sollte, werden die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Europa und der Türkei aufrecht erhalten bleiben.

Diese Ansicht vertritt der Chef des Verbands der Europäischen Industrie- und Handelskammern (Eurochambres), Richard Weber. Auch die Schweiz sei kein EU-Mitglied. Doch alle Unternehmen des Landes seien auf dem EU-Markt vertreten, sagt er in einem DW-Interview mit der Journalistin Senada Sokullu.

So verhalte es sich auch mit der Türkei. Es seien zahlreiche türkische Unternehmen im EU-Wirtschaftsraum vorzufinden.

„Warum muss das Land dann noch Mitglied sein?“, fragt Weber die DW-Journalistin. Im März sagte der US-Wissenschaftler Soner Çağaptay in einem DTN-Interview, dass die Türkei ohnehin nicht auf die EU verzichten könne.

„ (…) ein Großteil der Direktinvestitionen kommt aus dem EU-Raum. Es sind europäische Firmen, die in der Türkei Investitionen tätigen und das türkische Wirtschaftswachstum ankurbeln. Zudem ist die EU der größte Handelspartner der Türkei und hier ist Deutschland führend. Die Beziehungen zwischen der EU und der Türkei würde ich mit einem Zug umschreiben, der sich zwar auf den Gleisen befindet, doch sich nicht fortbewegt. Es bleibt abzuwarten, ob die Türken aus diesem Zug steigen werden.“

Im vergangenen Jahr war die Türkei der sechstgrößte Handelspartner der EU. Das Handelsvolumen betrug 122,961 Milliarden Euro, berichtet Eurostat. Für die Türkei hingegen ist Deutschland der wichtigste Handelspartner innerhalb der EU. Das Handelsvolumen zwischen Deutschland und der Türkei betrug im vergangenen Jahr 35 Milliarden Euro (mehr hier).

Doch Ankara geht es nicht nur um reinen Handel. Das Land wünscht sich mehr deutsche Direktinvestitionen. Damit plant sie unter anderem das große Handelsbilanz-Defizit auszugleichen. Ausschlaggebend für das Defizit ist vor allem die Energieabhängigkeit der Türkei. Sie bezieht ihre Energie fast ausschließlich aus dem Ausland (mehr hier).

Deshalb hofft die AKP-Regierung auch auf eine deutsch-türkische Kooperation im Energiesektor. Im vergangenen Jahr hatte der Energiekonzern E.ON 50 Prozent der Anteile des Gemeinschaftsunternehmens Enerjsa erworben. Enerjisa wurde 1996 von der Sabancı Holding gegründet. Damals hatte E.ON Chef Johannes Teyssen angekündigt, dass Enerjisa bis zum Jahr 2020 mindestens zehn Prozent am türkischen Erzeugermarkt halten werde. Das entspreche einer rund 8,000 Megawatt (MW) Leistung (mehr hier).

Der türkische Energiesektor hat offenbar ein enormes Wachstums- und Investitions-Potential.

Der ehemalige deutsche Botschafter in der Türkei und Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Wolf-Ruthart Born, sagte im Gespräch mit den DTN, dass die Türkei deutschen Unternehmen hervorragende Rahmenbedingungen für Investitionen in praktisch allen Bereichen und ein umfangreiches Investitionsförderprogramm biete (mehr hier).

Born arbeitet aktuell als Senior Advisor für ISPAT ( Investment Support and Promotion Agency of Turkey), der zum Amt des türkischen Ministerpräsidenten gehörenden Agentur für Investitionsförderung der Türkei.

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