Internationaler Verband der Buchverlage: Die Türkei muss ihre Kreativen freilassen

Der internationale Verband der Buchverlage (IPA) kann die prekäre Situation von Schreibenden in der Türkei nicht länger hinnehmen. Zu Wort gemeldet hat sich jetzt der neue Vorsitzende des IPA Freedom to Publish Comittee (IFTPC), Ola Wallin. Der schwedische Verleger und Übersetzer fordert die Türkei auf, Journalisten, Schriftsteller und Übersetzer endlich aus dem Gefängnis zu holen.

Ein prominentes Mitglied des Internationalen Verbandes der Buchverlage (IPA) hat die Türkei aufgefordert, Journalisten, Schriftsteller und Übersetzer aus der Haft zu entlassen. Die Haltung des Landes zur freien Meinungsäußerung sei „besorgniserregend“. Besonders im Blick ist der Fall des türkischen Verlegers İrfan Sancı. Nach einem Freispruch muss er nun erneut vor Gericht.

Der schwedische Verleger und neuer IPA Freedom to Publish Comittee-Vorsitzender Ola Wallin hat während seines jüngsten Türkeibesuches klare Worte gefunden. Wallin war angereist, um sich hier mit den bekannten türkischen Verlegern Ragıp Zarakolu und İrfan Sancı zu treffen. Beiden droht wegen der Herausgabe einer Übersetzung des französischen Dichters Guillaume Apollinaires  (1880-1918) eine Freiheitsstrafe zwischen sechs und zehn Jahren.

In einer nach dem Treffen veröffentlichten Erklärung heißt es:

„In der Türkei tätige Schriftsteller, Journalisten, Übersetzer und Verleger werden durch eine Reihe von Gesetzen und Vorschriften, insbesondere durch die Anti-Terror-Gesetze des Landes sowie durch das Türkische Strafgesetzbuch, die vorgeben, dem Land seine Würde zu geben und gegen Rassenhass, Obszönität und Diffamierung vorzugehen, bedroht.“

In Folge des Missbrauchs dieser Gesetze befänden sich derzeit viele Journalisten, Schriftsteller, Übersetzer und Herausgeber im Gefängnis oder würden von den Strafverfolgungsbehörden bedroht. Drei Beispiele, die hier für viele stehen, seien Deniz Zarakolu, Ayse Berktay und Nedim Şener. Sie alle befänden sich im Augenblick in Haft oder würden mit Gefängnis bedroht, weil sie ihre Menschenrechte wahrnähmen.

Unfaire Behandlung von Journalisten, Autoren und Übersetzern

„Ich bin nicht sicher, ob ich meiner Arbeit als Verleger unter diesen Bedingungen weiter nach gehen könnte, wenn ich in der Türkei leben würde“, so Wallin zur türkischen Zeitung Hürriyet. „Irgendetwas läuft hier falsch. Es wird hier gegen Menschen wegen der Ausübung ihres Rechts auf freie Meinungsäußerung vorgegangen, ohne dass sie Gewalt angewendet hätten. Das ist unfair.“

Nach Angaben der IPA befinden sich derzeit 66 Journalisten, Schriftsteller und Übersetzer hinter Gittern. Die meisten von ihnen seien eingesperrt ohne, dass bisher Anklage erhoben wurde. Der Verband fordert ihre Freilassung. Darunter auch die von Berktay und Zarakolu, die seit mehr als zwei Jahren im Gefängnis sitzen. Auch Reporter ohne Grenzen bezeichnen die Türkei derzeit als das „weltgrößte Gefängnis für Journalisten“ (mehr hier).

„Die Türkei ist ein modernes Land und hat wirtschaftlich bemerkenswerte Entwicklungen vollzogen. Doch die Steine, die der Meinungsfreiheit in den Weg gelegt werden, sind besorgniserregend“, so Wallin. Mit großer Aufmerksamkeit verfolgt er derzeit den Fall um das Apollinaire-Buch. Der Berufungsgerichtshof in Ankara hat die früheren Freisprüche für den Herausgeber und Übersetzer aufgehoben. Das erstmals 1911 veröffentlichte Buch „Die Heldentaten des jungen Don Juan“ verstoße nach Ansicht des Gerichts gegen den Obszönitäts-Paragraphen. Es enthalte Schilderungen „lesbischer, unnatürlicher und mit Tieren vollzogener sexueller Beziehungen“.

Freispruch aufgehoben, Verleger muss wieder vor Gericht

Sancı wiederum kritisierte diese Entscheidung. Das Urteil sei sehr wichtig für für die türkische Verlagsbranche, trage es doch zum Mechanismus der Selbstzensur im Land bei (mehr hier). Sein Verlag Sel Yayincilik wollte 2009 eine erotische Serie herausgeben. Ein Jahr darauf fand sich Sancı vor Gericht wieder. Zunächst schloss sich die erste Instanz in der Türkei der Straßburger Argumentation an. Der Verleger Irfan Sanci und Übersetzer Ismail Yerguz wurden freigesprochen. Im Sommer 2013 dann die Kehrtwende: Sie sollen erneut vor Gericht. Den beiden Männern drohen nun Haftstrafen von bis zu zehn Jahren. Auch der türkische Verlegerverband protestierte heftig gegen diese Entscheidung. Er forderte die türkische Regierung auf, alle Schranken für die Freiheit von Veröffentlichungen zu beseitigen. Ohne Erfolg.

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