Hartz-IV-Empfänger: Anteil psychischer Erkrankungen steigt

Neurosen, Panikattacken, Depressionen. Die Zahl der psychisch kranken Menschen bei den Beziehern von Hartz IV ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Mitarbeiter in Jobcentern sind überfordert und sollen nun besser geschult werden.

Empfänger von Arbeitslosengeld II (Hartz IV) leiden öfter an psychischen Störungen als Berufstätige. Krankenkassendaten zur Arbeitsunfähigkeit zeigen, dass mehr als ein Drittel der Versicherten im Arbeitslosengeld-II-Bezug (Alg-II-Bezug) innerhalb eines Jahres mindestens eine psychiatrische Diagnose aufwies. Das ist das Ergebnis eines Forschungsberichtes des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Der Bericht legt außerdem nahe, dass der Anteil psychisch Kranker unter den Hartz-IV-Empfängern angestiegen ist.

Die Universität Halle und die Aktion Psychisch Kranke in Bonn berufen sich auf Daten der gesetzlichen Rentenversicherung, der Bundesagentur für Arbeit und der Krankenkassen. Mehr als jeder fünfte berufstätige Versicherte (21,8%) hat nach Angaben der Techniker Krankenkasse (TK) eine psychiatrische Diagnose erhalten. Untern den Hartz-IV-Beziehern ist der Anteil fast doppelt so hoch (36,7%).

Bis zum Jahr 2011 stieg der TK-Anteil psychisch kranker Hartz-IV-Bezieher auf 40,2 Prozent. Es ist aber nicht auszuschließen, dass der Anteil insgesamt noch weit darüber liegt. „Den Anteil an Alg-II-Beziehern mit psychischen Beeinträchtigungen schätzen Arbeitsvermittler der SGB-II-Träger abhängig vom jeweiligen Aufgabengebiet zwischen fünf Prozent und 40 Prozent; Fallmanager in ihrem Bereich auf die Hälfte bis zwei Drittel aller Fälle“, heißt es in dem Forschungsbericht.

Aufgrund der stigmatisierenden Wirkung einer psychiatrischen Diagnose dürfte die Dunkelziffer noch höher als die von der Techniker Krankenkasse angegebenen 40 Prozent liegen. Psychisch beeinträchtigte Menschen sind im Personenkreis arbeitsloser bzw. arbeitsuchender Menschen deutlich überrepräsentiert. Affektive und neurotische Störungen, die sich in Depressionen und Angstzuständen äußern können, werden am häufigsten diagnostiziert.

Mitarbeiter in Jobcentern fühlen sich oft im Umgang mit psychisch kranken Arbeitslosen überfordert. Ohne psychologische Vorkenntnisse können die meisten eine psychische Erkrankung nicht erkennen. Von Arbeitslosen wird erwartet, dass sie sich aktiv und offen in die Beratungssituation einbringen. „Dies kann jedoch mit den Ausprägungen psychischer Erkrankungen (Antriebslosigkeit, Ängste etc.) in Widerspruch geraten“, schreiben die Autoren der Studie. Das könne zu Missverständnissen führen.

Daher fordern die Forscher eine Fortbildung von Jobvermittlern. Das soll verhindern, dass „die Fallbearbeitung in den Jobcentern bestehende Probleme verschlimmert, was durch inadäquate Ansprache, falsche Maßnahme­zuweisung oder gar Sanktionen wegen fehlender Mitwirkung der Fall sein kann“.

Neben der Schulung der Jobvermittler sollen psychisch kranke Arbeitslose fallbezogen betreut werden. Außerdem soll die Krankheit bei der Vermittlung berücksichtigt werden. Das stellt auch neue Herausforderungen an Unternehmen, die psychisch eingeschränkten Menschen eine Chance geben wollen.

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