Novemberpogrome 1938: Nur die USA zogen Konsequenzen

Vor 75 Jahren fanden in Deutschland und Österreich Pogrome gegen Juden statt. Viele Menschen wurden getötet oder begangen Selbstmord. Doch nur die USA zogen diplomatische Konsequenzen und zogen ihren Botschafter in Berlin ab. Alle anderen Diplomaten waren mehrheitlich entsetzt über die Ereignisse. Öffentlich protestieren wollten sie nicht.

Im Jahr 1938 fanden in Deutschland und Österreich landesweite Pogrome gegen Juden statt. Zahlreiche Menschen wurden ermordet. Nur die USA zogen Konsequenzen aus den Ereignissen. Sie zogen ihren Botschafter „zur Berichterstattung“ ab.

Der Posten des Botschafters wurde nicht wieder besetzt. Das war das einzige deutliche diplomatische Zeichen. Die anderen Länder sind weitgehend stumm geblieben, schreibt Etienne Roeder auf dem Online-Portal von Deutschland Radio Kultur. Roeders Feststellung beruht auf zeitgenössischen Original-Dokumenten von Diplomaten. Dabei seien auch andere ausländische Diplomaten geschockt gewesen über die Ereignisse. Doch offenbar fehlte ihnen entweder der Mut oder die Kraft.

Roeder zitiert in Deutschland Radio Kultur einen brasilianischen Diplomaten, der sich in einer Note an seine Vorgesetzten äußert:

„Aber sie alle verschweigen, dass Tausende sich an diesem im XX. Jahrhundert einmaligen Spektakel bestialisch ergötzten, und das in einer der kultiviertesten Hauptstädte Europas, die sich damit brüstet, ein überragendes Zentrum menschlicher Intelligenz zu sein. Diese Leute offenbarten alle niederen Instinkte der Bestie Mensch und applaudierten den kalt und grausam Wütenden.“

Der österreichisch-jüdische Schriftsteller Georg Stefan Troller sagte in einem ZDF-Interview:

„Ich weiß, dass Hunderte von Menschen ermordet wurden. Ich weiß auch, dass Unmengen an Leuten Selbstmord begangen haben. Ich ging zu meiner Französisch-Lehrerin. Und gerade da wurde sie – meiner Erinnerung nach – heraustransportiert auf einer Bahre. Also Selbstmord, weil sie keine Chancen mehr für sich sah. Es ging ja auch ums wirtschaftliche Überleben, nicht nur ums physische. Alles war auf einmal in Frage gestellt, das man lebenslang für selbstverständlich gehalten hatte.“

Doch die Gewalt gegen Juden hatte schon zuvor begonnen. Es begann mit der Wortgewalt, die dann zur Tatgewalt führte. Die Propaganda der Nationalsozialisten hatte den klassischen Antisemitismus in einen mörderischen Antisemitismus verwandelt.

Matthew Schofield vom US-Medienkonzern McClatchy zitiert in einem aktuellen Artikel den Berliner Oberbürgermeister Klaus Wowereit. „Gleichzeitig verhielten sich viele Nachbarn gleichgültig. Ich frage mich, warum über die Jahre hinweg so wenige Menschen das zugeben wollen?“, so Wowereit.

Antisemitismus ist nach wie vor ein gesellschaftliches Problem. Der Hass gegen Juden ist nicht nur ein Problem von Extremisten, wie Salafisten und Rechtsradikale. Nach Angaben einer Studie der Uni Osnabrück und ihrer kanadischen Partneruniversität University of Victoria in British Columbia, sollen fünfzig Prozent der deutschen Studenten klassische oder unterschwellige Antisemiten sein (mehr hier). Muslimfeindlichkeit sei auch sehr weit verbreitet.

Der Historiker Wolfgang Benz sieht sogar viele Parallelen zwischen Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit. Wie Juden in der Vergangenheit, drohen Muslime, die neuen Opfer der deutschen Gesellschaft zu sein, so Benz.

Auffällig sei, dass die Bürger dieselben Sorgen plagen, wie die „Antisemiten im Dritten Reich“. Dazu gehören neben der Angst vor Überfremdung, auch die Angst vor kultureller Expansion.

Die deutsche Vergangenheit ist jedoch auch Muslimen sehr gut bekannt und die Opferrolle, die ihnen hier durch den Forscher übergestülpt wird, lehnen sie ab (mehr hier).

Daran werden auch die NSU-Morde nichts ändern.

Stattdessen gilt es, sich für die gesellschaftliche und rechtliche Gleichberechtigung aktiv einzusetzen. Demokratische Teilhabe der Muslime und Deutsch-Türken kann nur eingefordert werden.

Widerstände in islam- und türkenfeindlichen Kreisen wird es immer geben. Eine Opferrolle wird von den Deutsch-Türken nicht nur abgelehnt, sondern dient auch nicht dem demokratischen Prozess in Deutschland.

Loriot als Zeitzeuge der Pogromnacht 1938:

Berliner Zeitzeugin Margot Dzialoszynski:

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