Eigenes Radio und Zeitungen: Syrische Flüchtlinge richten sich in der Türkei ein

Fast drei Jahre nach Ausbruch des Bürgerkriegs in ihrer Heimat, haben syrische Flüchtlinge in der Türkei damit begonnen, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Eigene Radiostationen und Tageszeitungen helfen, ein Stück Normalität in ihre Ausnahmesituation zu bringen. Auch die Verbindung zu Syrien soll so erhalten bleiben. Dabei risikieren die Macher nicht selten Leib und Leben.

Für viele syrische Bürger ist die Flucht in die Nachbarländer mit einem bloßen Absitzen von Zeit in Lagern oder Containerstädten verbunden. Ohne Perspektive harren sie der Dinge. Einige nehmen ihr Leben in der Fremde jedoch selbst in die Hand. So sind in der Türkei mittlerweile einige Radiostationen, Schulen und Zeitungen entstanden.

Ein Beispiel dafür, wie sich syrische Flüchtlinge in der Türkei engagieren, ist die Radiostation „Sout Raya“ in Istanbul. Gegründet wurde der Sender von einer Gruppe syrischer Journalisten und Radiomachern. Sie ist nur eine von insgesamt fünf Sendern, die mittlerweile von syrischen Flüchtlingen in der Türkei gegründet wurden. Fast alle Mitarbeiter haben einiges mitmachen müssen. So wurden sie von der syrischen Regierung entweder eingesperrt oder gar gefoltert, berichtet die türkische Zeitung Hürriyet.

Reporter riskieren ihr Leben für unabhängige Nachrichten

„Sout Raya“ hat ein Büro im Geschäftsviertel des Istanbuler Stadtteils Levent. Über das Internet sendet die Station sein Programm seit nunmehr zwei Wochen. Die Journalisten hoffen, mit der Zeit Zuhörer sowohl in Syrien, der Türkei als auch in Jordanien zu erreichen. Hierzu soll in einigen Monaten eine UKW-Frequenz erworben werden.

Vierzehn Personen, allesamt Profi , arbeiten derzeit in der Zentrale in Istanbul. Darüber hinaus verfügen sie über ein Netzwerk von 14 Journalisten, die Städten wie Damaskus, Aleppo und Idlib unterwegs sind. Und diese risikieren dabei Leib und Leben: „Das Regime würde sie umbringen, wenn sie einem unserer Reporter erwischen. Deshalb haben müssen wir sehr vorsichtig sein“, so der Chefredakteur Firas Fayyad. Der syrische Filmemacher und Rundfunksprecher war selbst fünf Monate eingesperrt. Ihm wurde vorgeworfen, Demonstrationen angezettelt zu haben. Als er frei kam, flüchtete er in die Türkei.

Eines der größten Probleme für die Syrer in der Türkei und im Ausland ist nach Ansicht von Firas Fayyad Fehlen eines „gesunden“ Nachrichtenlage. Zudem leben sie in der Fremde meist unter mieserablen Bedingungen (mehr hier). Partei wolle man mit der Radiostaton nicht ergreifen. Das einzige Ziel seies, das syrische Volk zu informieren und die Wahrheiten in Syrien zu reflektieren. Die westlichen Medien würden meist die humanitäre Seite des Bürgerkriegs vernachlässigen. Doch es seien vor allem Zivilisten gestorben, so Fayyad. Deshalb wolle man die Aufmerksamkeit auf die furchtbaren Bedingungen lenken, unter denen die Syrer im Augenblick zu leben hätten. Die internationale Öffentlichkeit sorgt sich derzeit vor allem um die Kinder (mehr hier).

Mehr als 30 syrische Zeitungen in der Türkei

Doch nicht nur via Radio werden die syrischen Flüchtlinge aktiv. Seit Ausbruch der Unruhen sind in der Türkei rund 30 Zeitungen entstanden, die auf Fakten basierende Nachrichten aus Syrien liefern wollen. Die Bandbreite reicht dabei vom hochwertigen Magazin, die in professionellen Verlagen herausgebracht werden, bis hin zu einfachen kopierten Ausgaben.

Eine der größten Publikationen ist derzeit „Sada al-Sham“, die ebenfalls in Istanbul entsteht. Gedruckt wird in Adana, verteilt in der Türkei und in Syrien. Besitzer und Chefredakteur ist der altgediente syrische Journalist Absi Smesem. Nur zwei Monate nach Ausbruch der Unruhen erließ die syrische Regierung einen Haftbefehl gegen ihn. Zunächst reiste er mit dem Ausweis seines Cousin in Syrien umher. Anfang 2013 flüchtet er dann mit seiner Familie in die Türkei. Seine Intention ist die gleiche, die auch die Radiomacher haben: „Eines der Dinge, die wir im Moment am meisten brauchen in Syrien, ist eine zuverlässige Medien-Organisation, die die Wahrheiten berichtet. Dies ist der Hauptgrund, warum wir angefangen haben diese Zeitung herauszubringen.“ Derzeit arbeiten 30 Angestellte unter ihm, darunter 13 Journalisten, die ebenfalls in verschiedenen syrischen Städten aktiv sind.

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