TV-Einschaltquoten: Türken haben keine Stimme

Ob eine Sendung erfolgreich ist oder nicht, darüber entscheidet die Quote. Bestimmt wird sie seit 25 Jahren von einem sehr kleinen Teil der Bevölkerung. Repräsentativ ist das so entstehende Bild allerdings nicht. Denn: Einwanderer aus Drittstaaten wie etwa der Türkei werden so gut wie nicht erfasst.

Wenn es um die Ermittlung der TV-Einschaltquoten geht, spielen Zuschauer aus afrikanischen und arabischen Ländern, der Türkei oder Russland kaum eine Rolle. Bei der Erfassung der wirtschaftlich nicht gerade unwichtigen Zahlen wird seit einem Vierteljahrhundert vor allem auf Deutsche und EU-Bürger zurückgegriffen.

Seit 1988 gibt die Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF) diese TV-Forschung in Auftrag. Der Zusammenschluss, bestehend aus den Senderfamilien ARD, ProSiebenSat.1, Mediengruppe RTL Deutschland und ZDF, stellt hierzulande 60 Prozent des gesamten Marktanteils. Erhoben werden die Daten von Anfang an von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg.

Das Verfahren zur Ermittlung der TV-Einschaltquoten ist eigentlich ganz einfach: Derzeit gibt es in Deutschland 5.000 Haushalte mit speziellen Messgeräten, die an die TV-Geräte angeschlossen sind. In diesen Familien leben rund 11.000 Personen. Deren erfasstes TV-Verhalten wird dann auf die Gesamtbevölkerung Deutschlands hochgerechnet. Doch spiegeln die so gewonnenen Erkenntnisse tatsächlich den Geschmack der Deutschen wider? Lässt sich so über den Erfolg einer Sendung, die Karriere eines Einzelnen oder den Einsatz von Werbemitteln entscheiden? Wohl kaum, meint der Mediendienst Integration. Der stellt fest:

„Die Gruppe der Erfassten setzt sich überwiegend aus Deutschen zusammen, aber auch Ausländer aus unterschiedlichen EU-Ländern sind repräsentativ vertreten. Lediglich sogenannte Drittstaatenausländer, die nicht aus einem EU-Land stammen, kommen hierbei zu kurz.“

Letztere würden nach Angaben des AGF lediglich mit 56 Teilnehmern Berücksichtigung finden. Das entspricht einem Anteil von gerade einmal 0,5 Prozent. Doch tatsächlich liegt ihr Anteil an der deutschen Bevölkerung zehn Mal höher. Insgesamt 4,4 Millionen Menschen mit diesem Hintergrund leben in der Bundesrepublik.

Über Deutsche weiß die GfK Bescheid

Warum das nach wie vor so ist, das erklärt der Leiter der Abteilung Messtechnik und Methode bei der GfK, Robert Nicklas. Ihm zufolge habe die GfK bisher überhaupt keinen Auftrag bekommen, diese Personengruppe zu erfassen. Darüber hinaus führt er methodische Gründe an. Die Forscher legen ihrer Auswahl an Testhaushalten eine so genannte „Grundgesamtheit“ zugrunde, die sich aus den durch den Mikrozensus erhobenen Daten bzw. der daraus resultierenden jährlichen Studie der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse, kurz agma, ergibt. Auf diesem Wege soll sich eine möglichst hohe Repräsentativität ergeben. Und daraus folgt bisher: „Über Deutsche und EU-Mitglieder wissen wir Forscher am genauesten Bescheid.“ Dezidierte Angaben über Alter, Geschlecht und Wohnort einer angemeldeten Person gäbe es für Drittstaatenausländer bis dato allerdings nicht. Dabei wissen Deutsche anscheinend nicht einmal selbst, was sie sind (mehr hier).

Ganz ignoriert werden die fraglichen Personen allerdings nicht. Bestrebungen, das Panel zu erweitern und künftig auch Fernsehverhalten von Ausländern aus Drittstaaten zu untersuchen, gibt es durchaus. Erfolge wie sie etwa die TV-Serie „Türkisch für Anfänger“ feierte, können schließlich nicht ignoriert werden (mehr hier). So sei bereits bekannt, dass etwa bei RTL viele Nicht-EU-Ausländer das Programm nutzen würden, so der Mediendienst Integration weiter. In der Tat führe das dann dazu, dass gelegentlich Zusatz-Studien in Auftrag gegeben würden. Ob es aber zu einer grundsätzlichen Erweiterung in diese Richtung kommt, bleibt abzuwarten. Immerhin gilt es hier unterschiedlichste Interessen der Auftraggeber unter einen Hut zu bringen. Und diese müssten sich dann auch noch auf eine gemeinsame Paneldefinition einigen.

Türken besonders Medien affin

Dass gerade die türkischstämmige Bevölkerung bislang fast gänzlich ausgespart wird, erscheint unverständlich. Gerade ihnen wird nachgesagt, besonders Medien affin zu sein. Der durch sie gewonnene Datensatz darf nicht unterschätzt werden. Nicht nur in Sachen Internetnutzung hat die türkische Bevölkerung schon jetzt die Nase vorn (mehr hier). Auch das TV spielt in ihrem Alltag eine entscheidende Rolle. Das Interactive Advertising Bureau Europe (IAB) hat im vergangenen Jahr mit seinem Bericht „Mediascope Europe 2012“ neue Zahlen zur Internetnutzung in Europa vorgelegt. Demnach verbringen türkische User mehr Zeit im Internet und vor dem Fernseher als andere Europäer. Ein Verhalten, das in weiten Teilen sicherlich auch auf die hierzulande lebenden türkischstämmigen Bürger übertragbar ist.

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