Türkei: Erdoğan trifft Kurden-Präsident Barzani

Premierminister Recep Tayyip Erdoğan hat den nächsten Schritt im Friedensprozess mit den Kurden gewagt. Er traf sich in Diyarbakır mit dem Kurden-Präsidenten des Nordirak, Masud Barzani. Beide beschwörten eine türkisch-kurdische Schicksalsgemeinschaft. Doch die PKK ist unzufrieden. Sie fürchtet, dass Abdullah Öcalan nichts mehr zu sagen hat im Friedensprozess.

Der Friedensprozess zwischen Kurden und Türken erhält offenbar einen neuen Schub. Premierminister Recep Tayyip Erdoğan hat am vergangenen Samstag in der südost-türkischen Stadt Diyarbakır den Präsidenten der Autonomen Region Kurdistan (KRG), Masud Barzani, empfangen. Die Autonome Region Kurdistan erstreckt sich auf dem Gebiet des Nordirak. Diyarbakır gilt für kurdische Nationalisten als die geheime Hauptstadt „Kurdistans“.

Beide Politiker hielten vor Tausenden von Kurden Reden. Sie bekräftigten die enge Zusammenarbeit zwischen der KRG und der Türkei. Erdoğan sagte, dass Kurden und Türken eine Schicksalsgemeinschaft bis in den Tod gebildet haben, zitiert ihn die Zeitung Bugün. Diyarbakır sei ein Sinnbild für diese Brüderlichkeit.

Doch Erdoğan ging weiter und setzte Diyarbakır auf eine Stufe mit Mekka, Medina, Jerusalem, Istanbul, Arbil und Damaskus, berichtet Bugün. Damit brachte er auch zum Ausdruck, welche politische und wirtschaftliche Stärke von einer türkisch-kurdischen Allianz ausgehen werde.

Türkische Unternehmen im Nordirak

Die Türkei und die KRG sind weitgehend voneinander abhängig. Die KRG ist abhängig von türkischen Direktinvestitionen. So kommen unter anderem 80 Prozent der Textilien auf dem KRG-Markt aus der Türkei, berichtet Asia Times.

Die beiden neuen Flughäfen in den Städten Erbil und Sulaimania wurden von türkischen Bau-Unternehmen gebaut. Der Auftrag belief sich auf 650 Millionen US-Dollar, schreiben die US-Wissenschaftler Stephen J. Flanagan und Samuel J. Brannen in ihrem Buch „Turkey’s Evolving Dynamics: Strategic Choices for U.S.-Turkey Relations“.

Im Nordirak sind etwa 1200 türkische Firmen vertreten. Doch davon sind 900 Firmen aus der Baubranche, berichtet BBC Turkish. Türkische Bauunternehmen sind die aktivste Gruppe im gesamten Irak (mehr hier).

Die İhsan Doğramacı Corporation ist der Begründer der renommierten türkischen Privatuniversität „Bilkent“.

Ankara hofft im Gegenzug auf Erdöl

Doch die Türkei investiert auch in den Energiesektor des Nordirak. Auch das war ein Themenschwerpunkt bei dem jüngsten Treffen zwischen Erdoğan und Barzani. Denn die Türkei ist abhängig von russischen Energieträgern. Sie möchte sich aus dieser Abhängigkeit befreien.

Im Dezember soll die erste Pipeline vom Nordirak in die Türkei in Betrieb genommen werden. Das Erdöl wird von den Ölfeldern Taq Taq und Tawke im Nordirak kommen. Das türkisch-amerikanische Unternehmen Genel Enerji kontrolliert 44 Prozent des Taq Taq-Ölfelds und 25 Prozent des Tawke-Ölfelds. In der ersten Phase soll Erdöl in Höhe einer Gesamtrate von 400.000 Barrels pro Tag fließen. Bis 2019 soll die tägliche Gesamtrate auf zwei Millionen Barrels steigen, berichtet Milliyet.

Die gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit zwischen Kurden des Nordirak und der Türkei hat auch ihre negativen Seiten. Die Zentralregierung in Bagdad ist erbost über die Alleingänge der KRG. Die Annäherung zwischen der Türkei und der KRG wird mit Misstrauen beäugt. Doch auch innerhalb der Kurden gibt es Kritiker der Freundschaft zwischen Barzani und Erdoğan. Insbesondere die PKK hält nicht viel von Barzani. Denn der vertritt die Oberschicht innerhalb der Kurden und gilt als rücksichtsloser Feudalherr und Despot.

Hinzu kommt, dass Barzani und Erdoğan in der Syrien-Frage dieselbe Linie vertreten. Beide wollen den Sturz Assads und werfen den Kurden Syriens vor, sie würden das Regime unterstützen. Die kurdische Demokratische Einheitspartei (PYD) Syriens sei mehrmals wortbrüchig geworden, zitiert die Hürriyet Barzani. Deshalb habe die KRG die Grenze zu Syrien dicht gemacht. Seitdem erhalten die Kurden Syriens keine Hilfe von den Kurden des Nordirak.

Die PKK ist unzufrieden mit Barzani

Barzani will, dass die Kurden Syriens ihre Kampfhandlungen gegen die Freie Syrische Armee (FSA) einstellen, berichtet die Syrische Nationale Koalition auf ihrer Internet-Seite.

Offenbar möchte Premier Erdoğan den Kurden-Präsidenten Barzani zum Präsidenten aller Kurden im Nahen Osten aufbauen. Doch es gibt noch andere Vertreter der Kurden. Abdullah Öcalan genießt bei den Kurden der Unterschicht ein großes Ansehen. Seine Anhänger möchten, dass er die Hauptrolle beim Friedensprozess spielt.

So hat der kurdische BDP-Vorsitzende Selahattin Demirtaş nicht dem Erdoğan-Barzani Treffen beigewohnt. Stattdessen ist er nach Deutschland gereist und hat am selben Tag in Berlin gegen den Friedensprozess gewettert. Auf einer Kundgebung hat er eine Aufhebung des PKK-Verbots in Deutschland gefordert. Seinen Unmut über die Allianz zwischen Erdoğan und Barzani hat er freien Lauf gelassen. Beiden hat er vorgeworfen, den Tod von Kurden in Syrien billigend in Kauf zu nehmen, berichtet das Nachrichten-Portal Haberyurdum.

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