Schutz vor Kinderlähmung: Türkei startet Massenimpfungen an syrischer Grenze

Die Türkei hat an diesem Montag eine Massenimpfaktion gegen den in Syrien wieder ausgebrochenen Polio-Virus angekündigt. Angegangen werden nun grenznahe türkische Gebiete. In der Provinz Gaziantep sind die Maßnahmen bereits angelaufen. Dass solche Aktionen allein allerdings ausreichen, glauben zwei deutsche Mediziner allerdings nicht.

Die türkische Regierung plant, über eine Million Kinder unter fünf Jahren gegen die tückische Kinderlähmung zu impfen. Das gab der Vize-Präsident des Gesundheitsamtes, Mehmet Ali Torunoğlu, beim privaten Fernsehsender NTV bekannt. Bereits Anfang November hat der neuerliche Ausbruch des Polio-Viruses in Syrien die Vereinten Nationen auf den Plan gerufen.

Die UN will zeitnah mehr als 20 Millionen Kinder in sieben Ländern immunisieren. „Der Polio-Ausbruch in Syrien ist nicht nur eine Tragödie für die Kinder, es ist ein dringender Alarm und eine entscheidende Gelegenheit, alle unter-immunisierten Kinder zu erreichen, wo auch immer sie sind“, zitiert Channel News Asia Peter Crowley vom UN-Kinderhilfswerk. Gerade in Syrien sei die Impfrate von über 90 Prozent vor Ausbruch des Bürgerkriegs im März 2011 auf aktuell 68 Prozent gefallen (mehr hier).

Impfaktionen in sieben türkischen Provinzen

In den kommenden sechs Monaten sollen nun intensive Impfaktionen durchgeführt werden. Im Libanon, in Jordanien und in Syrien lief die Maßnahme bereits an. Jetzt sind die Türkei und Ägypten an der Reihe. Polio wurde in der Türkei bereits vor 15 Jahren ausgerottet. Doch das Land beherbergt derzeit mehr als 600.000 syrische Flüchtlinge. Das Gefahrenpotential ist immens.

An diesem Montag nun begannen die Behörden in der türkischen Provinz Gaziantep mit der Impfaktion. Das berichtet die türkische Zeitung Hürriyet. Bedacht werden auch sechs andere Provinzen nahe der syrischen Grenze, in denen Flüchtlinge aus dem Nachbarland Unterschlupf finden.

Polio wird durch einen hoch ansteckenden Virus, der das Nervensystem befällt, übertragen und kann irreversible Lähmung innerhalb weniger Stunden verursachen. Kinder unter fünf Jahren sind am meisten gefährdet. Es gibt keine Heilung, aber es gibt hochwirksame Impfstoffe, die vor der Krankheit schützen.

Abwasserproben müssen routinemäßig untersucht werden

In Deutschland ist Polio seit Jahrzehnten keine Gefahr mehr. Durch die jüngsten Vorfälle in Syrien und Israel könnte sich das allerdings ändern, befürchten Professor Dr. Martin Eichner vom Universitätsklinikum Tübingen und Stefan O. Brockmann vom Kreisgesundheitsamt Reutlingen. „Da nur etwa einer von 200 ungeimpften Infizierten Kinderlähmung entwickelt, könnte das Virus in Deutschland unerkannt eingeschleppt werden. In unzureichend geimpften Bevölkerungsgruppen könnte es sich lange Zeit unbemerkt ausbreiten, ohne sich durch Poliofälle bemerkbar zu machen“, heißt es in einer Mitteilung des Universitätsklinikums Tübingen.

Vorstellbar ist für sie eine direkte Einschleppung durch syrische Flüchtlinge oder Israelis. Denkbar sei aber auch der indirekte Weg über Länder mit einer geringen Durchimpfung wie Bosnien und Herzegowina, die Ukraine, sowie Österreich. Impfaktionen auf Flüchtlinge zu beschränken, das halten die Fachleute übrigens für unzureichend. Zusätzlich müssten Abwasserproben auf Polioviren untersucht werden. In Deutschland geschieht das übrigens nicht routinemäßig.

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