Berlin streicht Ausbildungsgeld: „Ohne Ersatz droht Arbeitslosigkeit“

Die Schließung eines erfolgreichen Berufsausbildungs-Projekts in Berlin sorgt für Unruhe unter ehemaligen Azubis. Sie sind sich der Wichtigkeit des Projekts bewusst. Denn diesem haben sie ihre Existenz zu verdanken. Der Berliner Senat bleibt allerdings stur. Die jährlichen Projekt-Fördergelder in Höhe von vier Millionen Euro werden gestrichen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Können Sie bitte schildern, warum Ihnen die Beibehaltung des MDQM-Projekts (Ausbildungs-Modell des Berufsbildungswerks bbw mbH Berlin) so wichtig ist?

Gregor Martini: Für viele junge Erwachsene die direkt nach der Schule von der Gesellschaft die Aufgabe bekommen sich jetzt und verbindlich für ihr weiteres Leben zu entscheiden, ist diese Aufgabe einfach ein zu großer Brocken. Grade jung Erwachsene haben in früheren Zeiten immer den Rückhalt der Familie oder zumindest der Gesellschaft gehabt um Ihnen den Einstieg in die das Arbeitsleben zu gestalten.

Heute wird dies auf die Schule abgewälzt. Für alle die, die nach der Schule noch nicht so richtig wissen, was das Leben bringen und wo es hingehen soll, ist bzw. war das BBW mit MDQM II und seiner vorqualifizierenden Maßnahme (MDQM I bereits eingestellt) die Möglichkeit einer Berufsfindung mit qualifizierten und engagierten Ausbildern und Sozialpädagogen. Ich mache das an dieser Stelle nicht fest an einem Migrationshintergrund oder sozial schwachen Gruppen, obwohl das Konzept für diese Gruppe ausgelegt ist. Im BBW ist jeder willkommen der den Willen hat etwas zu schaffen.

Fakt ist, dass das BBW als größter Träger in diesem Bereich, viele junge Erwachsene mit dem Konzept aufgefangen hat. Diese währen sonst durch das Netz der Erstausbildung gerutscht. Die Wirtschaft nimmt sich nur das, was ihren Bedürfnissen entspricht. Es bleibt pro Jahr immer ein gewisser Prozentsatz an Schülern übrig die nicht wissen was sie wollen, oder einfach nicht die Chance bekommen in den Unternehmen zu zeigen was sie leisten können, der einfach noch nicht die Reife haben.

So füllt sich der Pool Jahr um Jahr, bis in diesem Erwachsene sind die z.B. älter als 25 Jahre sind. In der Praxisstelle BBW haben die Schüler die Möglichkeit in diesen ca.drei Jahren die Softskills und Hardskills anzueignen. Das Betrifft nicht nur das Fachwissen, sie werden auch in ihrer persönlichen Reife betreut durch Ausbilder und Sozialpädagogen. Diesen Umfang wird die Wirtschaft stemmen müssen, wenn die BBW BuA mbH schließt.

Deutsch Türkische Nachrichten: In welcher Branche sind Sie aktuell beruflich tätig?

Gregor Martini: Ich bin Angestellter in der IT-Dienstleistungsbranche (Schwerpunkt: Projektmanagement, Rollouts etc.)
und Dozent an der FH-Potsdam im Projekt PROMISA. Momentan entwickele ich mich im Bereich Erwachsenenbildung bzw. Ausbildung weiter (Operativer Professional (IHK) ).

Deutsch Türkische Nachrichten: In welchem Zusammenhang steht das MDQM-Projekt zu ihrem beruflichen Erfolg?

Gregor Martini: MDQM war für mich, die Chance eine Ausbildung als IT-Systemkaufmann zu machen und abzuschließen. Der IHK-Abschluss zum IT-SK ist ein international anerkannter Abschluss. Ich kannte einen großen Teil der erforderlichen Ausbildungsinhalte schon, aber wissen und von der Pieke auf lernen mit allen Grundlagen etc., ist nochmal etwas ganz anderes.

Es befähigt einen das Gesamtbild im Auge zu haben. Erst dadurch wird man nun mal zum Facharbeiter bzw. Kaufmannsgehilfen o.ä. Mit diesem Abschluss hatte ich die Möglichkeit bei diversen Projekten mitzuwirken an die ich sonst aufgrund fehlender offizieller Qualifikationen nie herangekommen wäre. Ich war beteiligt am Projekt Gatekeeper der Deutschen Bank zur Zertifizierung von SOx-Applikationen. Der Aufbau eines Servicedesk der Total Deutschland GmbH.

Beides waren Projekte die jeweils in englischer Sprache umgesetzt wurden, aufgrund internationaler Beteiligung. In Deutschland gilt oft nur das Zertifikat.

Deutsch Türkische Nachrichten: Kennen Sie weitere Erfolgskarrieren, die dem Projekt zu verdanken sind?

Gregor Martini: Um nur einige zu nennen…Carsten Fuchs – heute erfolgreicher Trainer in deutschen Großunternehmen, Sascha Paul – Dipl. Sozialpäd. tätig für das Land Berlin, Krzysztof Kistella – Student der Wirtschaftsinformatik

Fast alle Abgänger, hatten am Ende der Ausbildung einen Job oder machten Fachabitur bzw. gingen dann ins Studium. Oft auch solche Mitschüler die am Anfang der Ausbildung keinen Plan für ihr Leben hatten und hilflos dem Arbeitsmarkt gegenüberstanden. Es war die Ausnahme, dass einer meiner Mitschüler in die Arbeitslosigkeit entlassen wurde. Das sehe ich als Erfolg für uns alle.

Deutsch Türkische Nachrichten: Welche Botschaft haben Sie an den Berliner Senat?

Gregor Martini: Die BBW BuA mbH wird geschlossen. Das ist Fakt. Es muss dringend ein adäquater Ersatz geschaffen werden um die Schülerzahlen aufzufangen, denn die Wirtschaft wird dies so nicht bewerkstelligen.

Gregor Martini, geboren 1982 in Berlin, ist IT-Systemkaufmann und wirkt aktuell am Projekt „PROMISA“ der Fachhochschule Potsdam mit. Zuvor war er in verschiedenen IT-Bereichen der Deutschen Bank, Siemens und der Deutschen Telekom tätig. Seine Ausbildung zum IT-Systemkaufmann hat er beim Berufsbildungswerk bbw mbH Standort Schöneberg Tempelhof absolviert.

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