Senkung der Scheidungsrate: Türkisches Familienministerium will Ehepaare zum Psychologen schicken

Das türkische Ministerium für Familie und Soziales will sich mit den steigenden Scheidungsraten im Land offenbar nicht abfinden. Derzeit soll an einem Projekt gearbeitet werden, das Ehepaaren kurz vor der Scheidung ein letztes Mal psychologische Hilfe zukommen lassen will.

Nicht nur in Sachen Familienplanung würde der türkische Staat am liebsten mitreden. Auch das Ende einer Beziehung darf offenbar nicht mehr völlig privat stattfinden. Denn: Scheidungswillige Ehepaare in der Türkei sollen auf Geheiß des Ministeriums für Familie und Soziales künftig einen letzten Versuch starten, ihre Beziehung zu retten. Mit Hilfe einer psychologischen Beratung hofft die türkische Regierung offenbar das Blatt in einigen Fällen noch einmal wenden zu können. Seit Jahren steigt die Scheidungsrate im Land an.

Angesprochen werden alle Ehepaare, die bereits vor Gericht wegen einer Scheidung vorstellig geworden sind. Im Zuge des neuen Projekts sollen ihnen darauf hin vier Sitzungen bei einem Psychologen angeraten werden, um dort noch einmal ihre Probleme zu besprechen. „Nach vier Sitzungen werden dann die Ehepaare entscheiden [,ob sie die Unterstützung fortsetzen]“, zitiert die Zeitung Hürriyet die türkische Familienministerin Fatma Şahin. Falls das Paar weitergehende Unterstützung und Beratung benötige, würde man auch hier mit verschiedenen Maßnahmen zur Seite stehen. „Wir werden den Prozess genau beobachten. Wenn die Paare sich dafür [die Ehe] entscheiden (…), dann käme das uns allen zugute.“

Keine Pflicht zur Beratung

Die rechtliche Grundlage für das Projekt, das gemeinsam vom Ministerium für Familie und Soziales, dem Justizministerium und den Familienrichtern durchgeführt wird, wird offenbar schon vorbereitet. Nach Angaben der Familienministerin spreche man im Zuge der Haushaltsverhandlungen gerade über ein entsprechendes Gesetz. Man werde zunächst die rechtlichen Voraussetzungen vorbereiten, indem man dieses Projekt in das aktuelle Gesetz einbringe. Gleichzeitig stellt Şahin heraus, dass man keinen Druck auf die Paare ausüben wolle, die angebotenen Sitzungen tatsächlich in Anspruch zu nehmen. „Das Ganze basiert komplett auf Nachfrage und dem freien Willen der Leute. Es besteht keine Pflicht. Wir bieten eine Unterstützung an, die auf freiwilliger Teilnahme basiert“, so Şahin.

Welche Art der Unterstützung für Paare angeraten ist, darüber soll künftig ein Ombudsmann entscheiden. Gehen könnte das in verschiedene Richtungen: psychologische, wirtschaftliche, rechtliche oder sonstige Unterstützung. Der Ministerin zufolge sei das neue System bereits in fünf Städten als Pilotprojekt installiert worden. 75 von insgesamt 450 Paaren hätten sich nach der staatlichen Unterstützung dafür entschieden, ihre Ehe fortzusetzen.

Erst im März gab Şahin aktuelle Zahlen zum Familienstand der Türken bekannt. Demnach lassen sich Jahr für Jahr zwischen 100.000 und 200.000 Paare scheiden. Ganze 93 Prozent der Ehen würden in den ersten fünf Jahren nach der Hochzeit wieder aufgelöst. Dem entgegenwirken will das Ministerium mit einem vorehelichen Lehrgang für Brautpaare, aber auch mit einer entsprechenden Broschüre zum Thema Kommunikation in der Ehe (mehr hier).

Seit 2002 hat sich die Zahl der Alleinlebenden in der Türkei nahezu verdoppelt (mehr hier).

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