Türkei macht weniger Schulden als EU-Staaten

Die türkische Staatsschulden-Quote ist im Vergleich zur EU gering. Das freut die Erdoğan-Regierung. Doch das Handelsbilanz-Defizit, die steigende Inflation und die Kapitalabhängigkeit des Landes machen die Wirtschaft verwundbar.

Die Türkei weist eine geringere öffentliche Verschuldung als die EU auf.

Im vergangenen Jahr lag die Schuldenquote des Landes im Verhältnis zum BIP bei 36 Prozent. Die durchschnittliche Staatsverschuldung der EU-17 betrug 90.6 Prozent. Das geht aus dem Online-Datensatz des in New York ansässigen Unternehmens Trading Economics hervor. Das Statistische Amt der Europäischen Union (Eurostat) berichtet zudem, dass die Schuldenquote der EU-28 bei 85,1 Prozent des BIP liegt.

Die öffentlichen Schulden der Türkei sind auch im Einzel-Vergleich zu 13 EU-Staaten geringer. So hatte Deutschland im vergangenen Jahr eine Staatsschulden-Quote in Höhe von 81 Prozent, berichtet Eurostat. In Österreich lag der die Verschuldung bei 74 Prozent des BIP. In den Niederlanden waren es 71,3 Prozent und in Großbritannien 88,7 Prozent.

Die Top-3 der Länder mit den größten Staatsschulden sind Griechenland, Italien und Portugal, berichtet Eurostat weiter. Sie liegen alle über der 100-Prozent-Marke.

Mehrere Faktoren seien ausschlaggebend für die geringen Staatsschulden der Türkei. So lag das durchschnittliche Wirtschaftswachstum zwischen 2002 und 2010 bei über fünf Prozent, berichtet die Weltbank. Ein ausgeglichener Haushalt, die Niedrigzins-Politik der türkischen Notenbank und ein höherer realer Wechselkurs haben ebenfalls zum Rückgang der Staatsschulden geführt, so die Weltbank.

Die Kehrseite der türkischen Wirtschaft

Doch die türkische Wirtschaft hat auch eine Kehrseite. Bei einem höheren realen Wechselkurs werden ausländische Güter in inländischer Währung betrachtet billiger. Dies führt zu einer stetig steigenden Nachfrage nach Import-Gütern. Das wirkt sich negativ auf die Handelsbilanz aus, wenn im Gegenzug nicht auch der Export steigt.

Einen großen Anteil am Defizit hat die Energieimport-Abhängigkeit des Landes. Etwa 60 Prozent der Erdgas-Importe kommen aus Russland, berichtet die Hürriyet. Das aktuelle Handelsbilanz-Defizit der Türkei liegt bei 60,661 Milliarden US-Dollar. Damit ist das Land auf Platz fünf der Länder mit den größten Defiziten bei der Handelsbilanz (mehr hier).

Die von der Weltbank hochgelobte Billiggeld-Strategie der Zentralbank in Ankara wirkt sich negativ auf die Konsumentenpreis-Inflation und die Erzeugerpreis-Inflation aus. Die Preise steigen und die Kaufkraft der Bürger geht zurück. Die aktuelle Konsumentenpreis-Inflation lag im Oktober bei 7,71 Prozent, berichtet das Türkische Statistikamt (TÜIK).

Um die Inflation zu senken, müsste die türkische Notenbank eine restriktive Geldpolitik anwenden. Sie müsste also den Leitzins erhöhen, um eine Verknappung der Geldmenge herbeizuführen. Damit würde sie die Türkische Lira aufwerten, die Inflation senken und die Sparquote würde steigen.

Doch die Nachfrage nach Krediten und Investitionen würden abnehmen. Ein negativer Effekt auf die Produktion und die Beschäftigung wären die Folgen.

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