AIDS-Tod nach Bluttransfusion: Türkischer Halbmond gibt Wissenschaft die Schuld

Der türkische Rote Halbmond (Kızılay) hat „Fehler der Wissenschaft“ für den Tod eines AIDS-Patienten verantwortlich gemacht. Der 52-Jährige wurde durch eine Bluttransfusion mit HIV infiziert. Die Witwe des Mannes hat gegen das Gesundheitsminiserium und Kızılay geklagt.

Der Tod eines 52-jährigen AIDS-Patienten im Jahr 2011 beschäftigt derzeit die türkische Justiz. Ahmet Emin Bilgin hatte sich durch eine Bluttransfusion mit dem HIV-Virus angesteckt. Seine Witwe will das nicht hinnehmen und versucht auf juristischem Weg einen Schuldigen ausfindig zu machen. Besonders tragisch: Bilgin scheint nicht das einzige Opfer zu sein.

„In der Medizin werden diese Art von Vorfällen als ein ’schwerwiegender und unerwünschter Ablauf der Ereignisse‘ bezeichnet. Ein Mitarbeiter trägt hier keine Schuld. Man kann hier nur von einem wissenschaftlichen Fehler sprechen“, zitiert die türkische Zeitung Hürriyet den Anwalt von Kızılay während einer Anhörung zur Sache. Er argumentiert: Die Medizin sei eine Naturwissenschaft. Entsprechend könnten trotz aller getroffenen Maßnahmen manche Ergebnisse nicht ausgeschlossen werden.

Bluttransfusion stammte von Kızılay

Der zweifache Vater Ahmet Emin Bilgin litt an einer Nierenerkrankung. Von seiner Mutter erhielt er eine Spenderniere, die ihm am privaten Medical Park Hospital in Istanbul eingepflanzt wurde. Als sich sein Zustand vier Monate nach der Operation verschlechterte, kam er erneut in das Krankenhaus. Dort wurde dann die HIV-Infektion entdeckt. Drei Tage später verstarb er. Eine Untersuchung des Gesundheitsministeriums ergab: Bilgin hatte sich über eine Bluttransfusion angesteckt, die von Kızılay stammte.

Seine Witwe Satu Bilgin reagierte und erwirkte eine 1,1 Millionen-Lira-Klage gegen das Ministerium und gegen Kızılay. Beide sollen Fehler begangen haben, die schließlich zum Tod ihres Mannes geführt haben. Auch das Medical Park Hospital soll strafrechtlich belangt werden. Derzeit würden die Staatsanwälte noch Beweise für eine Anklageerhebung zusammentragen, so das Blatt weiter.

Hinterbliebene sind traumatisiert und ausgegrenzt

In ihrer Verteidigung schoben sowohl das Ministerium als auch das Krankenaus die Schuld auf Kızılay. Denn dort sei man für die Durchführung der notwendigen Kontrollen des Blutes und der Spender verantwortlich. Das wird vom Türkischen Roten Halbmond jedoch bestritten und verweist wiederum auf die individuelle Verantwortung des Spenders. Man trage keine Schuld daran, wenn ein Spender falsche Angaben machen, heißt es von dieser Seite. In einem entsprechenden Formular würde explizit nach gefährlichen oder ansteckenden Krankheiten gefragt.

Während sich die Parteien über die Verantwortlichkeiten streiten, sind die Konsequenzen für die Hinterbliebenen des Verstorbenen bereits klar. Wie die Anwälting der Familie, Sema Kılıç, mitteilte, leide gerade die Witwe unter immenser Angst, sich ebenfalls anzustecken. Am meisten hätten darunter ihre Kinder zu leiden. Zudem lebten sie in ständiger Isolation. Seit der Vorfall durch die Presse ging, würden sie von ihrem Umfeld gemieden.

Bilgin ist nicht das einzige Opfer

Kurz nach dem Tod von Bilgin gab es übrigens einen weiteren tragischen Fall. Hierbei ging es um einen Anfang 2012 verstobenen 58-jährigen Mann. Der Aids-Patient war fünf Monate nach der Infektion verstorben, weil er nach Angaben seines Anwalts Selçuk Bayram kein Krankenhaus finden konnte, das ihn adäquat behandeln konnte. Laut Bayram wurde der Mann durch eine Bluttransfusion des Türkischen Roten Halbmondes (Kızılay) während einer Bypass-Operation infiziert. Im Juli 2011 wurde der Mann HIV-positiv getestet. Im Januar 2012 verstarb der Patient. Der Mann hatte zwar die notwendige Krankenversicherung, um seine Ausgaben zu decken, war aber nicht in der Lage ein Krankenhaus zu finden, das ihn aufgrund der Stigmatisierung als Aids-Kranken behandelte.

Auch diese Familie erstattete Strafanzeige bei der zuständigen Staatsanwaltschaft in Ümraniye. Darin warf sie Kızılay vor, den Krankenhäusern ungetestetes Blut zur Verfügung zu stellen. Kızılay wiederum bestritt die Vorwürfe. Die Organisation erklärte vielmehr, alle notwendigen Tests durchgeführt zu haben, um sicherzustellen, dass das Blut verwendet werden könnte. Den Virus habe man dabei nicht gefunden (mehr hier).

HIV-Infektionen in der Türkei steigen

Im Zuge des Welt-Aids-Tags 2012 hat die UN eine Warnung in Richtung Türkei ausgesprochen. Wegen seiner Nähe zu Osteuropa und Zentralasien gilt das Land als äußerst gefährdet. Der Grund: In diesen Ländern ist jüngst ein radikaler Anstieg der HIV-Infektionsraten zu verzeichnen. Ein Problem hat aber nicht nur die Türkei. Auch in Griechenland sind die Werte alarmierend (mehr hier).

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