Arne Ulbricht: Thilo Sarrazin irrt gewaltig

In „Lehrer: Traumberuf oder Horrorjob?“ berichtet der Autor Arne Ulbricht Kurioses, Unterhaltsames, aber auch Überraschendes aus seinem Alltag als Lehrer. Zu seiner Laufbahn gehören natürlich auch Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund. Anders als Thilo Sarrazin reduziert er seine Mitmenschen allerdings nicht auf blanke Statistiken. Auch deshalb hat er für ihn in seinem Buch eine direkte Antwort parat. Selbst anfangs noch von Vorurteilen beherrscht, lernt er schnell: Der persönliche Kontakt ist entscheidend. Ihm wird aber auch bewusst: Wenn niemand etwas anpackt, ändert sich nichts.

Auch Arne Ulbricht ließ sich zu Anfang seiner Lehrerlaufbahn von einem Mädchen mit Kopftuch irritieren - zunächst. (Foto: Flickr/AB080298 by Andreas Kollmorgen CC BY 2.0)

Auch Arne Ulbricht ließ sich zu Anfang seiner Lehrerlaufbahn von einem Mädchen mit Kopftuch irritieren – zunächst. (Foto: Flickr/AB080298 by Andreas Kollmorgen CC BY 2.0)

Deutsch Türkische Nachrichten: Sie schildern in Ihrem Buch Höhen und Tiefen ihres Berufs. Doch in Besprechungen steht meist das Thema Verbeamtung im Fokus. Dabei gibt es zahlreiche spannende „Nebenschauplätze“. Woran liegt das?
Arne Ulbricht: Das liegt genau daran, dass man das Buch dafür auch wirklich lesen muss. Das Thema Verbeamtung hat alles dominiert. Ich war scheinbar wirklich der Erste, der gesagt hat: Er will das für sich nicht, sondern möchte lieber als Angestellter arbeiten. Das hat dann eine solche Lawine ausgelöst, dass die Leute leider gar nicht mehr mitbekommen haben, dass darin ganz viele andere Dinge stecken. Das finde ich natürlich schade. Insgeheim habe ich gehofft, dass die Verbeamtung nur der Aufhänger wäre, um das Buch zu lesen. Doch dieser zweite Schritt ist fast nie vollzogen worden.

Deutsch Türkische Nachrichten: Dabei erhalten die Leser im Verlauf nicht nur einen Einblick in Ihr Berufs- und Seelenleben, sondern erfahren auch klassische Wissensvermittlung. Es fallen Namen wie Fatih Akin oder Feridun Zaimoğlu. Ein Wink mit dem Zaunpfahl?
Arne Ulbricht: Fatih Akin ist einer der wichtigsten Filmemacher, die wir in Deutschland haben. Ich selbst zeige als Lehrer oft „Gegen die Wand“. Er hat so viel Potential, dass ich dachte, ich könnte mit diesem Buch darauf aufmerksam machen und vielleicht sogar andere Lehrer dazu zu bringen, Fatih Akin zu thematisieren. Auf Feridun Zaimoğlu muss ich inzwischen nicht mehr aufmerksam machen. Er ist in Nordrhein-Westfalen mittlerweile Abitur-Thema. Das freut mich sehr. Ich habe ihn einige Male auf Lesungen erlebt. Er ist ein ganz besonderer Typ.

Befreit vom „Kopftuch-Klischee“

Deutsch Türkische Nachrichten: Es gibt jedoch nicht nur den ein oder anderen Wink, sondern auch direkte Hiebe in Richtung jener, die sich beim Stichwort „junge Türkinnen“ und „Schulen in Berlin“ zu sehr von Klischees leiten lassen…
Arne Ulbricht: Ich gebe zu, ich war selbst nicht ganz frei von diesen Klischees. Ich bin selbst in Kiel zur Schule gegangen. Während meiner ganzen gymnasialen Zeit, ich habe 1992 Abitur gemacht, gab es eine Türkin in meiner Klasse und die haben wir alle bestaunt. Damals war das noch etwas Besonderes. Heute ist das völlige Normalität. Vor allem an Gymnasien macht man mit türkischen Schülern genauso viel gute Erfahrungen wie man sie mit deutschen Schülern macht – umgekehrt natürlich auch.

Ich selbst bin von meinen Klischees in Hamburg-Harburg an meiner allerersten Schule, einem Aufbau-Gymnasium, befreit worden. Dort saß ein Mädchen mit Kopftuch und ich dachte: „Oh, mein Gott!“ Ich dachte immer, die Mädchen tragen das bestimmt nicht freiwillig. Das müssen traurige Mädchen sein, die etwas zu verstecken haben. Doch sie war so ein fröhliches, witziges Mädchen, mit dem ich mich so toll verstanden habe. Bei ihr habe ich mich am Ende sogar bedankt.
Ich glaube, viele Leute, auch Thilo Sarrazin, kennen keine einzige Familie wirklich. Ganz viele, die diese Vorurteile haben, haben vermutlich kaum Kontakt zu türkischen Schülern. Sie befürchten: „Oh Gott, wenn mein Kind mit einem türkischen Kind in eine Klasse kommt, dann lernt es ja kein Deutsch mehr!“ Das ist totaler Blödsinn. Diese Mädchen und Jungen sprechen genauso gut Deutsch wie die meisten Deutschen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Ist Ihnen so etwas später nochmal passiert?
Arne Ulbricht: An meiner nächsten Schule in Hamburg-Altona war das für mich dann schon Normalität. Dort hatte ich viele türkische Schüler in der Klasse. Wir sind dann nach Berlin gezogen. Dort ging das natürlich weiter. In meiner siebten Klasse, die ich zunächst hatte, hatten glaube ich ein Drittel einen türkischen Hintergrund. Ich hatte es in erster Linie mit völlig pubertierenden Mädchen zu tun. Sie saßen, wie ihre deutschen Mitschülerinnen, am Fenster, schauten hinaus und fingen plötzlich an, ganz wild zu reden. Auf meine Frage, was denn los sei, sagten sie: „Özenli* findet den Jungen aus dem elften Jahrgang so toll.“ Das war einfach nur herrlich. Das waren ganz normale Mädchen, die eben auch im Unterschied zu den deutschen Mädchen fließend Türkisch sprachen, in türkischen Familien lebten und wahrscheinlich muslimischen Glaubens waren. Das Arbeiten mit ihnen hat einfach nur Spaß gemacht.

Der Lehrer und Autor Arne Ulbricht schildert Innenansichten aus deutschen Klassenzimmern. (Foto: Daniel Schmitt)

Der Lehrer und Autor Arne Ulbricht schildert Innenansichten aus deutschen Klassenzimmern. (Foto: Daniel Schmitt)

Genauer dies kommt immer viel zu kurz. Es ist doch heute völlig normal, dass türkische Kinder in einer Klasse sitzen. Meine beiden Kinder, sie sind jetzt sechs und zehn Jahre alt, wachsen damit auf und auch ganz anders hinein, als jene, die noch immer in ihren Klischees leben.

Vorbehalte sind ein natürlicher Reflex

Deutsch Türkische Nachrichten: Andererseits schildern sie in „Horrorstunden“ folgendes Szenario:„Wenn man als Lehrer einen Klassenraum betritt, in dem 29 Schüler sitzen (…) und von denen über 20 einen Migrationshintergrund haben (…) dann ist man in der Regel unruhig. Wenn nicht gar ängstlich.“ Ist das zunächst ein natürlicher Reflex?
Arne Ulbricht: Ich glaube schon. In diesem Fall war es auch so: Das waren 20 Schüler mit Migrationshintergrund, vor allem Afghanen. Viele von ihnen trugen Jogginganzug und waren sehr sportliche Jungs. Das war aber auch an meiner allerersten Schule. Jetzt wäre das für mich völlig anders. Ich habe allerdings auch sehr schnell gelernt, dass das eine sehr bunte, unruhige Klasse war, aber abgesehen davon hat das einfach auch viel Spaß gebracht.

Deutsch Türkische Nachrichten: Die Szene, wie sie mit Mehmet dem Störenfried auf der Treppe sitzen, sich unterhalten und sich anschließend besser verstehen, ist geradezu bezeichnend…
Arne Ulbricht: Da prallte alles aufeinander. Ich habe ihn völlig falsch behandelt. Er war auch unverschämt. Das schaukelte sich richtig hoch, bis ich völlig durchdrehte und er ganz ruhig war. Ich glaube heute, dass man mit Schülern fast alle Probleme lösen kann, indem man sie einfach mal an die Hand nimmt, sich mit ihnen irgendwo hin setzt und unter vier Augen spricht. Das funktioniert fast immer. Eigentlich war es eine tolle Situation, weil wir aufeinander zugegangen sind. Wir haben uns noch einmal angehört, was wir uns gegenseitig vorwerfen und wie wir die Szene erlebt haben. Anschließend war es einfach gut.

Thilo Sarrazin reduziert Menschen auf Zahlen

Deutsch Türkische Nachrichten: Ist das nicht eigentlich schon die erste direkte Antwort auf Thilo Sarrazin, die in Ihrem Buch erst viel später folgt? Immerhin zeigen Sie hier auf, dass dass die direkte Auseinandersetzung mit den Menschen viel hilfreicher ist, als blanke Statistiken.
Arne Ulbricht: Genau das ist mein Hauptvorwurf an ihn. Man gewinnt den Eindruck, dass Menschen für ihn nur Zahlen sind. Mich ärgert es insgesamt, dass sich die Medien auf Sarrazin gestürzt haben, weil er gesagt hat, ‚es gibt Zahlen, die zeigen, dass Migrantenkinder dieses und jenes nicht können‘. Und mein kleines Büchlein, das zumindest auf einigen Seiten zeigt, dass die Realität oft ganz anders ist, als er sie darstellt, interessiert niemanden. Das scheint kein ’so doller Skandal‘ zu sein.

Deutsch Türkische Nachrichten: Ziemlich am Anfang Ihres Buches fällt ein Satz von Heribert Prantl: „Es ist eine Kunst, jungen Menschen eine Tür zur Welt zu öffnen, sie neugierig zu machen.“ Ist es nicht genau das, was eigentlich schief läuft? Es geht doch gar nicht um Migranten, die vermeintlich das Niveau von Klassen drücken.
Arne Ulbricht: Ja, ich denke schon. Das ist die hohe Kunst. Wenn man jemand mit Statistiken oder mit Wissen zuballert, dann öffnet man in der Regel gar nichts. Dann verschließt man nur ganz viel. Wenn man stets alles nur von der theoretischen Seite betrachtet, dann funktioniert das nicht. Das macht das Unterrichten auch langweilig. Im Großen und Ganzen geht es doch genau darum, den Jugendlichen zu zeigen: In welcher Gesellschaft leben wir? Wie ist diese Gesellschaft? Welche Probleme gibt es in dieser Gesellschaft? Aber auch: Welche Chancen gibt es in dieser Gesellschaft? Ich glaube, dass die Situation, die wir in Deutschland haben, vor allem eine tolle Chance ist. Wir sollten nicht bedauern, ein Einwanderungsland zu sein. Das ist doch toll. Diese Menschen kommen zu uns. Da ist es doch auch an uns, das Beste daraus zu machen, statt immer nur darauf herum zu hacken, wenn irgendetwas nicht funktioniert.

Gelebte Vielfalt: Unter den Jugendlichen ist sie längst Realität. (Foto: Flickr/kids camp by saritarobinson CC BY 2.0)

Gelebte Vielfalt: Unter den Jugendlichen ist sie längst Realität. (Foto: Flickr/kids camp by saritarobinson CC BY 2.0)

Bezogen auf die Schule: Ich finde es bedauerlich, dass so viele türkische Jugendliche an ihrer Schule Türkisch nicht einfach so nehmen können bzw. es nicht weitergegeben werden kann. Mein Ideal wäre zum Beispiel eine ‚Türkisch AG‘, geleitet von türkischen Schülern. Da sitzen dann die deutschen Schüler und alle haben gemeinsam viel Spaß. Das würde dem Klima an mancher Schule wirklich helfen.

Blick über den Tellerrand: Für Lehrer, Politiker und Eltern

Deutsch Türkische Nachrichten: Diesen Blick über den Tellerrand fordern Sie auch von Lehrern und Politikern…
Arne Ulbricht: Für mich war dieser Blick über den Tellerrand eher in Zufallsgeschenk. Ich hatte kein gutes Referendariat, worauf hin wir uns entschieden haben, dass meine Frau Karriere macht und ich ihr immer folge. Ich will nicht wissen, wie ich wäre, wenn ich an dem Gymnasium, an dem ich Referendariat gemacht habe, geblieben wäre. Dann würde ich wahrscheinlich viele Dinge, die man so hört, auch glauben. Es gibt Kollegen, die können das. Für mich wäre das nichts. Dazu bin ich viel zu neugierig.

Deutsch Türkische Nachrichten: Müsste man das nicht auch mit Eltern machen? Sie beschreiben in Ihrem Buch eindrucksvoll, was diese unternehmen, „damit die Kinder bloß nicht auf eine Schule mit einem Türken drin kommen und dort verdorben werden.“
Arne Ulbricht: „Mit einem Türken“, das ist natürlich überspitzt. Aber ich kenne ganz viele solcher Familien. Ich verstehe die Sorgen auch ein Stück weit. Angenommen, es ginge um Familien so wie meine: Deutsche Eltern, deutsche Großeltern, Klischee-Akademiker-Kinder, die Geige spielen, mein Sohn ist sehr gut in der Schule. In Berlin haben wir direkt neben einer Schule gewohnt mit 90 Prozent Migrantenanteil. Ich habe auch die Klassen durch diese Nähe ständig gesehen. Da habe ich auch manchmal gedacht, obwohl ich wirklich keine Vorurteile mehr habe, dass ich meinen Sohn darin eigentlich nicht wirklich sehe. Da hätte ich schon gedacht: Schade ich meinem Kind damit vielleicht doch?

Andererseits hatte ich damals den Eltern vorgeschlagen: Lasst uns doch einfach alle unsere Kinder an diese Schule schicken. Dann sähe die Lage doch schon ganz anders aus. Ich bin nicht ausgelacht worden, eher angelacht. Wir sind am Ende aus beruflichen Gründen von Berlin nach Wuppertal umgezogen. Tatsächlich hat niemand von uns deutschen Eltern ihr Kind dorthin geschickt. So ändert sich natürlich auch nichts. In Wuppertal sind die Eltern übrigens wesentlich entspannter. Am schlimmsten war es in Hamburg.

Ich finde es verlogen, wenn überhaupt keine Bereitschaft gezeigt wird, etwas zu ändern. Keiner versucht mit Initiativen etwas an der Situation zu ändern, so dass die Gesellschaft langfristig etwas davon hat. Stattdessen gibt es diesen unheimlichen Drang zu Privatschulen oder sonstigen besonderen Einrichtungen. Einerseits hasst man die Katholische Kirche, andererseits lässt man das Kind katholisch taufen, damit es vermeintlich eine bessere Zukunft hat, weil man es auf einer katholischen Schule unterbringen kann.

Deutsch Türkische Nachrichten: Unterschiedliche Wertschätzungen beschreiben Sie auch in puncto Zweisprachigkeit. Es ist offenbar ein Unterschied, ob einer Französisch oder Türkisch kann. Sie wünschen sich, generell Türkisch als zweite Fremdsprache nehmen zu können.
Arne Ulbricht: Das wäre ein echter Fortschritt, wenn man das einfach zulassen würde. Es wäre eine derartige Motivation für viele Schülerinnen und Schüler, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, dass man nicht irgendwann auf diesen Trichter kommt. Immerhin liegt ein Teil der Türkei in Europa. Es wird seit langem darüber gesprochen, ob die Türkei in die EU soll oder nicht. Es leben viele Türken hier in Deutschland. Dann sollte man doch als erstes dafür sorgen, dass diejenigen, die bei uns leben auch einen Vorteil davon haben, dass sie zweisprachig sind und das einbringen können. Ich finde es etwas ganz Tolles, dass viele türkische Jugendliche beide Sprachen perfekt beherrschen. Das muss gewürdigt werden. Das muss gefördert werden. Sie sollen in der Schule an dieser Stelle auch ruhig einen Vorteil haben. Wenn sie sich dann noch einbringen in die Schule, das wäre doch toll.
Ich beobachte aber auch, dass es voran geht. Oft sehe ich diese totale Normalität.

*Name geändert.

Zum Autor:

Arne Ulbricht, Jahrgang 1972, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sein Beruf als Lehrer für Französisch und Geschichte und die Karriere seiner Frau haben ihn die Klassenzimmer der Republik ausführlich von innen kennen lernen lassen. In Kiel geboren, verschlug es Ulbricht im Laufe der Zeit nach Nancy, Tübingen, Paris, Hamburg und Berlin. Im Jahr 2009 ist die Familie schließlich in Wuppertal gelandet. Mit dem Schreiben hat Arne Ulbricht – inspiriert durch die Lektüre des Romans „Germinal“ von Emile Zola – bereits 1997 begonnen. Im Januar 2013 erschien sein Buch „Lehrer: Traumberuf oder Horrorjob? Ein Insiderbericht“ bei Vandenhoeck & Ruprecht.

Textausschnitte und vieles mehr unter www.arneulbricht.de

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