Türkische Gesellschaft ist tief gespalten: Wie viel staatliche Einmischung darf eigentlich sein?

Die Mehrheit der türkischen Bevölkerung ist gegen eine Einmischung des Staates in private Angelegenheiten. Tatsächlich hat die türkische Regierung das bereits an so mancher Stelle getan. Ob das nun aber gut oder schlecht war, daran scheiden sich derzeit die Geister.

Eine Umfrage des in Ankara ansässigen Forschungsinstituts MetroPOLL ergab, dass die Mehrheit der Bevölkerung keine Einmischung in ihr Privatleben wünscht. 73,1 Prozent der Befragten sagten, die Regierung sollte nicht in das Privatleben der Bürger eindringen. 20,3 Prozent waren gegenteiliger Ansicht. Die Übrigen haben keine Meinung.

Obschon sich die Mehrheit in dieser Frage einig zu sein scheint, scheiden sich die Geiste offenbar an der Wahrnehmung dessen, was bisher bereits in diese Richtung vollzogen wurde. Denn: Auf die Frage hin, ob sich die regierende AKP schon einmische, waren sich die Befragten weniger einig. 43 Prozent sagen ja, während 50 Prozent mit nein antworteten. Das berichtet die türkische Zeitung Zaman.

AKP-Anhänger haben höhere Toleranzquote

Unter AKP-Anhängern fielen die Werte noch einmal deutlich anders aus. Hier glauben nur 22 Prozent, dass die Regierung sich bereits einmische. Anders sieht das bei Anhängern der Opposition aus. Hier liegen die Werte bei 61 bzw. 78 Prozent unter den MHP bzw. den CHP-Befürwortern.

Nicht nur einmal wurde der türkischen Regierung in jüngster Vergangenheit vorgeworfen, sich zu sehr in das Privatleben ihrer Bürger einzumischen. Exemplarisch genannt seien hier unter anderem die hitzige Debatte über gemischte Studentenwohnheime (mehr hier) oder der im Sommer ans Tageslicht gekommene, umfassende Überwachungsskandal (mehr hier). Auch die Frage des Alkoholkonsum oder die Familienplanung hatte der Staat in diesem Sommer auf seiner Agenda und hat es immer noch.

Türkischer Staat ist kein moralisches Vorbild

MetroPOLL  zufolge, sagten mehr als die Hälfte der Befragten, dass sie ihre Art zu leben derzeit nicht in Gefahr sehen würden ( 56,1 Prozent). 37,8 Prozent empfinden die aktuelle Situation als genau gegenteilig. 50 Prozent sind zudem der Ansicht, dass der Staat ebenfalls kein Vorbild in Sachen „guter Moral“ abgebe. Das glauben derzeit nur 39 Prozent. Gespalten scheinen die Bürger überdies in der Frage, ob die AKP-Regierung derzeit immer autoritärere und repressivere Züge annehme. Rund 43 Prozent der Befragten sind der Ansicht, die AKP werde autoritärer, während fast 42 Prozent sagten, dass sie dem nicht zustimmen.

Allerdings bestätigt die Umfrage auch, dass die türkische Gesellschaft als weitgehend konservativ einzustufen ist. So antworteten 69 Prozent der Befragten vor dem Hintergrund der Wohnheim-Debatte, dass sie es nicht billigen würden, wenn unverheiratete junge Männer und Frauen unter einem Dach wohnten. Allerdings: Je höher das Bildungsnivau unter den Umfrageteilnehmern, desto höher auch die Akzeptanz dieser Lebensform. Mehrheitlich gegen Erdoğan stellt sich die Bevölkerung jedoch, wenn es darum geht, die Studentenheime überwachen zu lassen (mehr hier). Hier stellen sich ganze 54 Prozent dagegen. 37 Prozent hätten damit kein Problem.

Die Umfrage wurde vom 23. bis 25. ​​November telefonisch unter 1.263 zufällig ausgewählten Erwachsenen mit Wohnsitz in Städten, Gemeinden und Dörfern durchgeführt.

Mehr zum Thema:

Einmischung ins TV-Programm: Türkische Regierung will „Das prächtige Jahrhundert“ verbieten
Erdoğan mischt sich wieder ein: Männliche und weibliche Studenten sollten nicht gemeinsam leben
Erdoğan kennt keine Privatsphäre: „Heiratet und bekommt Kinder!“

 

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.