Türken kaufen auf Pump: Kredit-Blase droht zu platzen

Der Kapitalmarkt-Analyst Rolf Halver sagt, dass die Türkei auf einem guten wirtschaftlichen Weg sei. Die Billiggeld-Politik der US-Notenbank ist wegweisend und wirke sich positiv auf das Land aus. Die Türken erhalten günstige Kredite. Sie kaufen Waren und die Wirtschaft wird lebendig gehalten. Doch eine Konsumblase droht.

Deutsch Türkische Nachrichten: Warum hält die US-Notenbank an der Billiggeld-Strategie fest und in welchem Zusammenhang steht diese expansive Geldpolitik mit der Türkei?

Robert Halver: Die Türkei ist ein wichtiger Konsummarkt für US-amerikanische und europäische Unternehmen. Dasselbe gilt für alle anderen Schwellenländer, wie zum Beispiel China, Indien, Brasilien, Mexico oder Russland.

Die Billiggeld-Strategie der US-Notenbank, die in der Geldpolitik international wegweisend ist, führt dazu, dass die Menschen und Unternehmen in diesen Ländern günstige Kredite aufnehmen können. Ein Teil der Kredite wird für den Konsum ausgegeben. Davon wiederum profitieren ausländische und inländische Unternehmen, die in den Schwellenländern ihre Absatzmärkte haben. In den Schwellenländern spielt die private Nachfrage, also der Konsum, eine immer größere Rolle.

Die USA und die EU haben kein Interesse daran, dass die Schwellenländer in eine Krise schlittern. Denn dann bekommen sie über Dominoeffekte selbst Probleme: Wenn die Wirtschaft eines Schwellenlandes einbricht, wird es auch weniger Güter und Dienstleistungen aus der westlichen Welt importieren.

Deutsch Türkische Nachrichten: Die türkischen Privathaushalte sind hochgradig überschuldet. Das Wirtschaftswachstum ist größtenteils konsumorientiert. Ist der Absatzmarkt hier nicht in Gefahr?

Robert Halver: Man muss immer darauf achten, dass Kreditblasen nicht zu groß werden. Denn im schlimmsten Fall können sie platzen und die Gesamtwirtschaft schädigen. Es kommt zu Schockwirkungen auf die Bevölkerung, was über ein verstärktes Angstsparen das Wirtschaftswachstum hemmt. Dann können die Exportnationen auch weniger in die Türkei exportieren.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wo ist das Ende? Dieser Konsumrausch kann ja nicht ewig aufrechterhalten werden.

Robert Halver: Ein Konsumrausch ist gefährlich. Beim Platzen von privaten Kreditblasen muss der Staat eingreifen und die Wirtschaft mit neuen Schulden stützen. Die Staatsverschuldung liegt in der Türkei bei 36 Prozent des BIP. Das ist im Vergleich zum EU-Durchschnitt sehr niedrig. In Deutschland liegt sie bei 81,2 Prozent. In der gesamten Eurozone liegt die Staatsverschuldung bei 92,2 Prozent.

Im Falle einer geplatzten Konsumblase müsste sich Ankara dann verschulden, um die Wirtschaft zu stützen. Es müssten Konjunkturprogramme aufgelegt werden.

Deutsch Türkische Nachrichten: Ist es da vorteilhaft, dass die Türkei eine Staatsverschuldung von nur 36 Prozent aufweist?

Robert Halver: Finanzpolitisch gibt es dann keine andere Möglichkeit. Wenn alle Stricke reißen, muss der Staat eingreifen. Das kann die Türkei mühelos, da sie nur schwach verschuldet ist.

Deutsch Türkische Nachrichten: Doch die Türkei ist insbesondere abhängig von kurzfristigen Kapitalzuflüssen. Darüber finanziert das Land ihr Handelsbilanz-Defizit. Kommt es zum stetigen oder plötzlichen Kapitalabfluss, steht am Ende eine Wirtschaftskrise. Was kann man da präventiv tun?

Robert Halver: Zum einen bietet es sich an, den Leitzins zu erhöhen, um weitere ausländische Investitionen ins Land zu locken. Doch das hat auch eine lähmende Funktion auf die Binnenwirtschaft, weil Kredite an Unternehmen und Haushalte teurer werden.

Deutsch Türkische Nachrichten: Ich möchte nun zu einem anderen Punkt kommen. Wie würden sie die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der EU und der Türkei einschätzen?

Robert Halver: Die Wirtschaftsbeziehungen sind sehr gut und werden immer besser. Wir brauchen die Türkei und die Türkei braucht uns. Die Türkei liegt geographisch sehr günstig. Sie ist eine sehr gute Plattform auch für europäische Geschäfte mit dem arabischen Raum bis zu den asiatischen Schwellenländern. Diese Rolle der Türkei wird immer wichtiger werden.

Deutsch Türkische Nachrichten: Warum?

Robert Halver: Viele Investitionen, die bisher im südlichen EU-Raum getätigt wurden, fließen aus geographischen, aber auch weil die Türkei insgesamt stabil ist, auch zukünftig in die Türkei. Außerdem ist die wirtschaftliche Gesamtlage der Türkei sehr gut. Mit der Türkei kann die Europäische Union ihren Okzident mit dem immer wichtiger werdenden Orient verbinden.

Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Zuvor war er Direktor bei der Schweizer Privatbank Vontobel.

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