Vereint gegen die Türkei: „Europäer brauchen ein gemeinsames Feindbild“

Der US-Sozialpsychologe Vamik Volkan sagte den DTN, dass in Europa eine Türken-Hysterie herrsche. Doch das habe auch eine Funktion. Die Europäer können als Gemeinschaft nur existieren, wenn sie ein gemeinsames Feindbild haben. Andernfalls brechen ihre alten Feindschaften untereinander wieder aus.

Islamophobie und Türkenfeindlichkeit sind zwei Phänomene, die den politischen Diskurs der europäischen Öffentlichkeit teilweise bestimmen. Für den US-Psychoanalytiker Vamik Volkan ist das nicht verwunderlich, sondern nahezu selbstverständlich. Der Konfliktforscher Volkan sagte im Gespräch mit den DTN, dass Europa aus Völkern besteht, die bezüglich ihrer ethnischen Identitäten klare Grenzen ziehen.

Volkan erklärt:

„Im Zuge der EU-Integration sind mehrere ethnische Gruppen unter dem Banner Europas zusammengekommen. Doch diese Zusammenkunft war auch ein Prozess einer neuen Identitätsbildung. Die Europäer mussten nun den Gegner bestimmen. Vorher sahen sie sich untereinander als Gegner und beschuldigten sich mit einer Reihe von historischen Vorurteilen, um ihre Identität zu definieren. Heute ist der Gegner der `Türke´.“

Die Selbst-Definition sei abhängig von der Feind-Definition.

„In diesem Prozess erhalten historische Feindbilder eine enorme Bedeutung. Die Europäer sehen die heutigen Türken als die Vertreter der Osmanen vor Wien. Diese Wahrnehmung herrscht teilweise bewusst und teilweise unterbewusst vor. Ich war 2006 für vier Monate in Wien und habe mit verschiedenen hochrangigen EU-Vertretern geredet. Während meiner Gespräche konnte ich das als Psychoanalytiker immer wieder entdecken. Das war sehr auffällig.“

Volkan sagt weiter, dass sich die Vorurteile gegen die in Europa beheimateten Türken verfestigen werden, je mehr die Türkei mit einem osmanischen Image auftritt. Es gebe keinen direkten Zusammenhang zwischen der Politik Ankaras und der Türken in Europa. Doch das sei die Wahrnehmung in Europa.

In Bezug auf die Deutsch-Türken sagt Volkan:

„Zu Zeiten des Kalten Kriegs war für Ostdeutschland der größte Feind Westdeutschland und umgekehrt. Auch den Antisemitismus-Vorwurf brachten beide Blöcke gegeneinander auf. Es gab einen Feindbedarf. Doch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs projizierten beide Seiten ihre feindseligen Haltungen gegen die türkischen Gastarbeiter. Der Türke in Deutschland wurde zur größten Zielscheibe. Vorurteile gibt es in jeder Gesellschaft. Doch manchmal können diese sehr schlimme Züge annehmen, wie beim Holocaust oder der massiven Diskriminierung von Afro-Amerikanern.“

Auf Nachfrage der DTN, was das denn nun konkret für die Deutsch-Türken bedeute, sagte der US-Psychologe Volkan:

„Die Vorurteile werden sich vertiefen. Eine von langer Hand organisierte physische Gewalt gegen die in Deutschland lebenden Türken sehe ich nicht. Als Garant für meine Ansicht sehe ich die Vorgaben der Europäischen Union und die Menschenrechts-Konvention. Doch das ist mein Standpunkt, da ich zur aktuellen Situation in Deutschland keinen ausführlichen und tiefergehenden Bericht verfasst habe.“

Vamik Volkan wurde 1932 in Nikosia geboren. Er ist türkisch-zypriotischer Abstammung. Volkan hat an der Universität Virginia das Center for the Study of Mind and Human Interaction (CSMHI)gegründet. Als Psychoanalytiker und Konfliktforscher nahm er über Jahrzehnte an inoffiziellen Treffen von Diplomaten teil. Des Weiteren war er über 15 Jahre lang Mitglied des International Negotiation Network (INN)

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