PISA Test 2012: Die Türkei ist ein Bildungs-Entwicklungsland

Der Bildungsstand türkischer Schüler ist unbefriedigend. Im jüngsten PISA Test 2012 hinken die Mädchen und Jungen den OECD-Ländern hinterher. Trotz nicht unerheblicher Investitionen in das Bildungssystem, schaffen es die jungen Leute nur auf Platz 44 von 65 Ländern.

Der PISA Test 2012 dürfte in der Türkei für Unbehagen sorgen. Das Land schafft es in der jüngsten Ausgabe nur ins letzte Drittel von insgesamt 65 Ländern. Noch haben die ergriffenen Maßnahmen offenbar nicht so gewirkt, wie sich die Regierung das vielleicht gewünscht hätte.

Lediglich Platz 44 von 65. Das ist das türkische Ergebnis von PISA 2012. Obschon der am Montag veröffentlichte Report ganz klar herausstellt, dass die Türkei unter den OECD-Länder der Staat sei, der die rasantesten Fortschritte in den Bereichen Naturwissenschaften und Lesen erreichen konnte, blieb das Land am Ende hinter der durchschnittlichen OECD-Punktzahl. Auch die Weltbank kam im vergangenen Jahr zu diesem Ergebnis (mehr hier).

Erneut wurden im Rahmen des weltweit umfassendsten Bildungsberichts der Wissensstand der Schüler in den Fächern Mathematik, Physik und Naturwissenschaften verglichen. Entsprechende Prüfungen wurden von 510.000 Schülern in 65 Ländern absolviert. Die Ergebnisse repräsentieren damit gut 28 Millionen 15-Jährige weltweit. Die Spitzenposition errangen die Schüler aus Shanghai. Die Mädchen und Jungen aus Singapur folgten auf Platz zwei.

Türkische Schüler machen Fortschritte

Neben der Türkei hinken auch Tunesien, Brasilien und Mexiko hinter dem OECD-Durchschnitt hinterher. Allesamt schnitten sie jedoch besser als beim Test im Jahr 2009 ab. Es geht also bergauf. So hat sich das türkische Budget für den Bildungssektor in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht, berichtet die türkische Zeitung Zaman. Im kommenden Jahr soll das nationale Bildungsbudget noch einmal um 15 Prozent aufgestockt und somit ganze 38,5 Milliarden Dollar betragen.

Diese Summen dürfen aber nicht darüber hinweg täuschen, dass das Land auf diesem Gebiet mit erheblichen Problemen zu kämpfen hat (mehr hier). Einer der einschneidensten Punkte ist hier sicherlich der häufige Ministerwechsel. In den vergangenen elf Jahren wurde das Bildungsministerium bereits von fünf Ministern geleitet. Ein Umstand, für den die AKP-Regierung ordentlich Kritik einstecken musste. Der Wechsel von Erkan Mumcu zu Hüseyin Çelik, Nimet Çubukçu, Ömer Dinçer und schließlich zu Nabi Avcı sorgte für Anpassungsprobleme und Unklarheiten bei Eltern und Schülern.

Für sie gingen die Ambitionen der Minister offenbar zu weit. Ständige Reformen verunsicherten eher, als dass sie halfen. Nicht selten stellte sich die Frage, wie lange eine Änderung am Ende überhaupt überlebte. Ein Beispiel: Die Übertrittsregeln fürs Gymnasium wurden in den vergangenen elf Jahren vier Mal, die für Universitäten zwei Mal geändert. Auch die im Eilverfahren beschlossene Schulreform 4+4+4 erntete viel Kritik. Die Regierung musste sich hier den Vorwurf gefallen lassen, nicht alle Beteiligten, einschließlich der Eltern-Lehrer-Verbände einbezogen zu haben, bevor es an die Umsetzung ging (mehr hier).

Türkische Schüler geben beim Lesen Gas

Im Rahmen von PISA 2012 kamen die Schüler aus Shanghai in Mathematik auf einen Mittelwert von 613 Punkten. Türkische Schüler schafften 448 Punkte. Das OECD-Mittel lag hier bei 494 Punkten. Die Top Ten bildeten, neben Shanghai, Singapur, Hong Kong, Taipei, Korea, Macao, Japan, Liechtenstein, die Schweiz und die Niederlande.

Und wie steht es in der Kategorie Lesen? Obschon die Türkei hier in den vergangenen drei Jahren um durchschnittlich fünf Punkte aufholen konnte, schafft es das Land auch hier nur auf Platz 40. Damit liegen die Schülerinnen und Schüler abermals unter dem OECD-Schnitt mit 475 Punkten. Immerhin sei die Türkei nach Katar und Serbien das Land, das auf diesem Gebiet die schnellsten Fortschritte verzeichnen könne.

Die Defizite der Teenager kommten nicht von Ungefähr. Derzeit kämpft die Türkei mit einer unsausgeorenen Schulreform (mehr hier) und gleichzeitig 213.000 arbeitslosen Lehrkräften, die darauf warten, endlich einer Schule zugewiesen zu werden. Diejenigen, die sich in einem Arbeitsverhältnis befinden, müssen hingegen mit denkbar schlechten Arbeitsbedingungen zurecht kommen. Im OECD-Vergleich haben türkische Lehrkräfte die längsten Arbeitszeiten, die höchsten Schülerzahlen in den Klassenzimmern und gleichzeitig die niedrigsten Einstiegsgehälter. Insgesamt entsprechen Lehrerbildung, Gehälter und die berufliche Entwicklung nicht mit den momentanen Bedürfnissen überein.

Schließung der Privatschulen senkt Chancengleichheit

Eric Charbonnier, Direktor der PISA-Studie, befürchtet nun, dass es wieder bergab gehen könnte. Er wies darauf hin, dass die Schließung von Privatschulen, wie es die türkische Regierung plane, die Chancengleichheit in der Bildung weiter beschädigen würde. Diese seien erfolgreicher als öffentliche türkische Schulen. Die türkische Regierung müsse jetzt schon genauer begründen, warum sie diese dicht machen und auf der anderen Seite die dadurch entstehende Lücke füllen wolle.

Im Gespräch mit der Zaman erklärt Charbonnier:

„Dank einiger Maßnahmen, die 2009 und 2010 durchgeführt wurden, hat die Türkei Fortschritte in der Bildung gemacht. Schritte, die jetzt angegangen werden, sollten die soziale Gerechtigkeit berücksichtigen. (…) Wenn Privatschulen tatsächlich abgeschafft werden sollen, dann sollte ein besseres System ihren Platz einnehmen. Dann sollten öffentlichen Schulen das anbieten, was bisher die Privaten angeboten haben. Wie die PISA-Studie gezeigt hat, sind die Länder, die eine klare Bildungspolitik und Stabilität haben, auch erfolgreicher.“

Hier geht es zu den Ergebnissen von PISA 2012.

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