Islam: Wissenschaft kann Religion gewaltfrei machen

An der Uni Münster ist ein Streit um die Einführung der islamischen Theologie entbrannt. Herr Khorchide und die Islamverbände zanken sich. Das jedenfalls bleibt den meisten Menschen im Gedächtnis. Doch für den Göttinger Kirchenrechtler Hans Michael Heinig muss die Diskussion auf einer rechtlichen Ebene verlaufen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Worum geht es rechtlich und inhaltlich bei dem Streit? Handelt es sich hierbei um eine Auseinandersetzung um Kompetenzen?

Hans Michael Heinig: In Münster streitet man über verschiedene Probleme: Die beteiligten islamischen Verbände hinterfragen die theologischen Positionen des Lehrstuhlinhabers. Parallel dazu findet eine Debatte über die Arbeitsfähigkeit des Beirates statt. Zwei Kandidaten für den Beirat wurden vom Verfassungsschutz als problematisch identifiziert. Deshalb ist der Beirat bislang nicht arbeitsfähig. Ein dritter Fragenkreis handelt davon, ob Lehrerinnen und Lehrer, die islamischen Religionsunterricht erteilen wollen, neben der Ausbildung an der Universität eine besondere Bescheinigung ihrer Tauglichkeit durch einen Beirat benötigen. Herr Korchide, aber auch andere Professoren plädieren dafür, auf das bei den Kirchen übliche Instrument der Erteilung einer speziellen Lehrbefugnis im Bereich des Islam zu verzichten.

Deutsch Türkische Nachrichten: Was genau ist der Beirat des islamisch-theologischen Zentrums an der Uni Münster? Was sind seine Zuständigkeiten bzw. Kompetenzen?

Hans Michael Heinig: Der deutsche Staat ist nach dem Grundgesetz religiös-weltanschaulich neutral. Er ist religiös inkompetent. Deshalb braucht er bei der Einrichtung eines Religionsunterrichts oder bekenntnisgebundener Wissenschaft einen religiös kompetenten Kooperationspartner. Das sind üblicherweise Religionsgemeinschaften. Der Beirat tritt an die Stelle einer voll kooperationsfähigen und kooperationswilligen Religionsgesellschaft und nimmt die Rechte wahr, die sie sonst ausübt. Zu diesen Rechten gehört insbesondere die Zustimmung zur Berufung des Hochschulpersonals und zu den Studien- und Prüfungsordnungen. So soll neben der religiös-weltanschaulichen Neutralität des Staates auch das religiöse Freiheitsrecht der betroffenen religiösen Organisationen gewahrt werden. Da die Muslime in Deutschland teils gar nicht, teils heterogen und dann nicht mit hinreichender Klarheit in einer mitgliedschaftlichen Struktur organisiert sind, hat man seitens des Wissenschaftsrates vorgeschlagen, einen Beirat zu etablieren, in dem islamische Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und Verbandsvertreter zusammenwirken.

Deutsch Türkische Nachrichten: Das Verhältnis der Kirchen zum Staat ist in den Staatskirchen-Verträgen geregelt. Wo kann man aktuell den Islam in diesem rechtlichen Rahmen einordnen? Wo liegt der Unterschied zu den Kirchen?

Hans Michael Heinig: Die beiden großen christlichen Kirchen und die jüdischen Synagogengemeinden haben eine klare mitgliedschaftliche Struktur. Man weiß, wer dazugehört und wer nicht. Das hilft beim Schutz der negativen Religionsfreiheit. Und man weiß so, wer befugt ist im Namen einer konkret bezifferbaren Anzahl von Gläubigen zu sprechen. Diesen Mindestvoraussetzungen für Religionsgemeinschaften im Rechtssinne genügen ein Großteil der muslimischen Moscheegemeinden im Zusammenwirken mit den Dachverbänden noch nicht in hinreichender Klarheit. Deshalb sucht die Politik Behelfslösungen: Den Beirat bei der Theologie und beim Religionsunterricht oder eine Sonderform des Vertragsschlusses in Hamburg für die Zusammenarbeit mit den islamischen Verbänden. Der dortige Vertrag wurde nicht in Gesetzesform durch die Bürgerschaft ratifiziert; er hat damit auch keine erhöhte verfassungsrechtliche Bestandskraft. Man nimmt also insgesamt Anleihen bei den bisherigen Instrumentarien des staatlichen Religionsrechts und der vertraglichen Kooperation, unterläuft aber dabei das übliche Niveau in puncto Freiheitsschutz und Rechtssicherheit. Das ist für alle Seiten unbefriedigend. Der Staat strebt mitgliedsstarke Religionsgemeinschaften als Kooperationspartner an und der organisierte Islam in seiner jetzigen Gestalt will Gleichberechtigung mit den Kirchen. Beide Seiten müssen zwangsläufig Abstriche machen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wo liegt der Unterschied zur Ausbildung von jüdischen Theologen? Wie ist das geregelt?

Hans Michael Heinig: Die Juden kennen kooperationsfähige Religionsgemeinschaften im Rechtssinne. Deshalb war die Einrichtung jüdischer Theologie recht unproblematisch möglich.

Deutsch Türkische Nachrichten: Warum ist die Ausbildung von islamischen Theologen an staatlichen Hochschulen so wichtig?

Hans Michael Heinig: Aus wissenschaftlicher und gesellschaftspolitischer Sicht wäre eine akademisch gesprächsfähige islamische Theologie eine große Bereicherung für die multireligiöse und kulturell heterogene Gesellschaft in Deutschland. Religionspolitisch erhofft man sich seitens der Politik zudem einen Beitrag zur Fundamentalismusprophylaxe: Wer mit wissenschaftlichen Methoden seinen Glauben reflektiert, gewinnt auch ein positives Verhältnis zur Moderne und lehnt Gewalt zur Austragung religiöser Konflikte ab. Doch auch die religiösen Gemeinschaften gewinnen: religionskulturelle Kompetenz und gesellschaftliche Sprachfähigkeit seitens der Imame, aber auch politischen Einfluss seitens der Verbände.

Deutsch Türkische Nachrichten: Glauben Sie, dass sich das Münsteraner Modell der islamischen Theologie durchsetzen wird?

Hans Michael Heinig: Das lässt sich nicht absehen. Ich hoffe es. Alle Beteiligten brauchen einen langen Atem. Bis sich ein neues akademisches Fach, islamische Theologie im Konzert mit anderen Formen der Religions- und Gesellschaftsforschung an einer säkularen Universität, richtig etabliert, können schnell 20 Jahre vergehen. Das Beiratsmodell funktioniert nur, wenn alle Beteiligten (Verbände, Lehrende, Universität, Ministerien) einen konstruktiven Beitrag erbringen. Dazu gehört seitens der Verbände auch eine gewisse Duldsamkeit. Das Beiratsmodell will Pluralität integrieren. Dann sollten „liberale“ Positionen wie die von Herrn Korchide nach Möglichkeit auch als eine Stimme unter vielen ertragen werden. Die Verbände sollten sich zudem schnellstmöglich eine mitgliedschaftliche Verfassung geben, die den Anforderungen des Grundgesetzes entspricht. Die Politik sollte keine überzogenen Erwartungen haben. Insbesondere sollte die Religionspolitik in der Sicherheitsfrage nicht zu sehr instrumentalisiert werden. Die Lehrenden sollte nicht die wohlbegründeten Mitwirkungsrechte der Beirate gleich in Frage stellen, sondern sich in dem gesetzten Rahmen einfügen. Und die verwandten Disziplinen an den Universitäten, etwa die Islamwissenschaft, die Religionswissenschaft oder die evangelische und katholische Theologie, sollten das neue Fach willkommen heißen und wohlwollend in kollegialer Verbundenheit fördern.

Hans Michael Heinig, geboren 1971 in Lingen (Ems), ist Staatsrechtler an der Universität Göttingen. Zudem ist er der Leiter des Kirchenrechtlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland.

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