Höherer Bildungsabschluss: Schüler mit Migrationshintergrund brauchen oft länger bis zum Ziel

Die Universität Düsseldorf hat in einer Studie die Erfahrungen von Migranten im deutschen Bildungssystem untersucht. Das Ergebnis: Die Ambitionen sind hoch. Nicht selten fehlt es aber an adäquater Unterstützung von zuhause. Hier kommt es auf die Lehrkräfte und das Selbstbewusstsein der Schüler an. Denn die haben ihren Migrationshintergrund bisher kaum als Chance begriffen.

Schüler mit Migrationshintergrund durchlaufen das deutsche Bildungssystem oft nicht geradlinig. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der Universität Düsseldorf. Auf dem Weg von der Grundschule bis in den Hörsaal einer Universität würden die jungen Leute nicht selten viele wertvolle Jahre verlieren. Systematisch würden die Potentiale der Kinder unterschätzt.

„Oft dauert es lange, bis ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten erkannt werden und die richtigen Weichenstellungen erfolgen – wenn überhaupt“, so das Fazit der Studie „Bildung, Milieu, Migration“ der Universität Düsseldorf. Die Gründe für den verzögerten Bildungsweg lägen demnach nicht nur in oft mangelhaften Sprachkenntnissen und einer Zurückstufung der Schulklassenzugehörigkeit, wenn die Zuwanderung während der Schullaufbahn erfolgt.

Nach Einschätzung des Projektteams, bestehend aus Prof. Dr. Heiner Barz, Meral Cerci (M.A.), Zeynep Demir (M.A.), Katrin Barth (B.A.) und Britta Engling (B.A.), lägen die diese auch in einer mangelnden Information der Eltern über den vergleichsweise komplizierten Aufbau des deutschen Bildungssystems sowie in weiterhin bestehen Vorurteilen bei Schulen und Behörden. Die Folge ist klar: Schüler mit Migrationshintergrund würden viele Umwege, Schleifen, Sackgassen und Neuorientierungsphasen durchlaufen. Davon ist auch die Sprecherin der Bundestagsfraktion DIE LINKE, Sevim Dağdelen, überzeugt: Migrantenkinder werden im Schulsystem sogar „systematisch benachteiligt“ (mehr hier).

Eltern wollen für ihre Kinder nur das Beste

„Die Stärken von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund werden im Bildungssystem immer noch zu wenig gefördert“, so Prof. Dr. Bernhard Lorentz, Vorsitzender der Geschäftsführung der Stiftung Mercator, zu den ersten Ergebnissen der Studie. Um die bestehende Bildungsungleichheit zu verringern, sei es seiner Ansicht nach zentral – neben der Behebung der sozialen und sprachlichen Nachteile – einen Fokus auf die Förderung der Stärken zu legen.

Das wollen auch die Eltern. Sie verwenden große Anstrengungen darauf, ihren Kindern eine gute Bildung zu kommen zu lassen. Einige vertrauen vielleicht zu sehr auf das deutsche System (mehr hier). Es fehlt ihnen aber nicht selten an finanziellen Mitteln und „Wissen darüber, wie sie ihren Kindern in der Schule am besten helfen können“.

Zutage fördern die Düsseldorfer Wissenschaftler einen weiteren, gravierenden Umstand. So würden viele Migranten etwa ihre mangelnden Sprachkenntnisse sogar in den Vordergrund rücken, statt ihre Zweisprachigkeit als Chance zu begreifen: „Sie haben eine Problemperspektive verinnerlicht und wollen (…) selbst ihre Kinder nicht auf Schulen mit einem hohen Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund schicken.“

Zweisprachigkeit muss gewürdigt werden

Zusammen hängt diese Entwicklung auch mit einer mangelnden Wertschätzung von Seiten der Gesellschaft. Diese wird auch vom Lehrer und Autor Arne Ulbricht in seinem Buch „Lehrer: Traumberuf oder Horrorjob?“ aufgegriffen. Seinen Erfahrungen zufolge, sei es noch immer ein Unterschied, ob ein Schüler Französisch oder zum Beispiel Türkisch perfekt beherrsche. Er selbst wünscht sich daher Türkisch generell als zweite Fremdsprache an den Schulen. Im Interview mit den Deutsch Türkischen Nachrichten sagt er:

„Das wäre ein echter Fortschritt, wenn man das einfach zulassen würde. Es wäre eine derartige Motivation für viele Schülerinnen und Schüler, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, dass man nicht irgendwann auf diesen Trichter kommt. Immerhin liegt ein Teil der Türkei in Europa. Es wird seit langem darüber gesprochen, ob die Türkei in die EU soll oder nicht. Es leben viele Türken hier in Deutschland. Dann sollte man doch als erstes dafür sorgen, dass diejenigen, die bei uns leben auch einen Vorteil davon haben, dass sie zweisprachig sind und das einbringen können. Ich finde es etwas ganz Tolles, dass viele türkische Jugendliche beide Sprachen perfekt beherrschen. Das muss gewürdigt werden. Das muss gefördert werden. Sie sollen in der Schule an dieser Stelle auch ruhig einen Vorteil haben. Wenn sie sich dann noch einbringen in die Schule, das wäre doch toll.“

Berichte von Migranten im Rahmen der Studie haben gezeigt: Der Erfolg in der Schule hängt in hohem Maße von den einzelnen Lehrern ab. Dies gelte sowohl im negativen Sinne, wenn Kinder deutliche Anzeichen für Diskriminierung im Unterricht spüren würden. Als auch im positiven Sinne, wenn Lehrer sich besonders stark für Schüler mit Migrationshintergrund engagierten.

Den Ergebnissen zugrunde liegen 120 problemzentrierte Tiefeninterviews mit Eltern von Schülern mit Migrationshintergrund.

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