In muslimischen Familien haben Frauen das letzte Wort

Die CDU-Politikern Aygül Özkan wünscht sich, dass sich junge Menschen aus „Migranten-Familien“ mehr in die Gesellschaft einbringen. Wichtig sei, dass die Menschen selbstbewusst auftreten. Es sei falsch, die Welt aus dem „Migranten-Blickwinkel“ zu betrachten. Greifbare erfolgreiche Vorbilder seien hierbei wichtig.

Deutsch Türkische Nachrichten: Die Diskussion um die doppelte Staatsbürgerschaft ist in vollem Gange. Die Deutsch-Türken fühlen sich von der SPD betrogen. Denn die hatte im Voraus gesagt, dass es ohne den Doppelpass keine Regierungsbildung geben würde. Wie ist ihr persönlicher Standpunkt zur doppelten Staatsbürgerschaft?

Aygül Özkan: Die Regelung zur Staatsbürgerschaft jetzt im Koalitionsvertrag ist ein weiterer Schritt, um jungen Menschen mit Migrationshintergrund klar zu signalisieren: Ihr seid Deutsche, Deutschland ist Eure Heimat!

Wenn ich junge Menschen zwischen 18 und 23 Jahre zwinge, endgültig zu entscheiden, ob sie die Staatsangehörigkeit ihrer Eltern wählen oder die deutsche, dann treibe ich manche von ihnen in nicht aufzulösende Loyalitätskonflikte. Wenn ich den Doppelpass zulasse, ist das für die Betroffenen ein wichtiges Symbol der Anerkennung. Sie sind hier in Deutschland willkommen, ohne ihre Wurzeln verleugnen zu müssen.

Diese Menschen sind auch eine Bereicherung für unsere bundesdeutsche Gesellschaft. Wir sollten nicht auf Menschen verzichten, die jahrelang gut integriert sind und die ich dann mit einem endgültigen Entscheidungszwang in einen längst überwundenen inneren Konflikt treiben könnte.

Deutsch Türkische Nachrichten: Warum ist ihre Partei mehrheitlich gegen den Doppelpass für Deutsch-Türken und ähnliche Gruppen?

Aygül Özkan: Da müssen Sie jedes einzelne Mitglied der Union nach seinem Standpunkt und nach den Begründungen für die jeweilige individuelle Position fragen. Für mich ist entscheidend und wichtig, dass immer mehr Parteimitglieder aktiv an optimalen Integrationsbedingungen für Zuwanderer arbeiten.

Und es ist ein Erfolg, dass wir nun den Kompromiss gefunden haben, das existierende Optionsmodell zu überwinden, wonach sich in Deutschland geborene Zuwandererkinder bis zum 23. Geburtstag zwischen dem deutschen Pass und dem ihrer Eltern entscheiden müssen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Der Migrations-Forscher Klaus Bade sagt, dass Thilo Sarrazin den „größten politischen Flurschaden“ bei der Stimmung unter den Migranten ausgelöst habe. Würden Sie sich dieser Ansicht anschließen?

Aygül Özkan: Thilo Sarrazin war jedenfalls alles andere als ein Vorbild für Integration. Wir brauchen aber diese Vorbilder, die gelungene Integration vorleben. Integration gelingt oder scheitert übrigens nicht dadurch, dass darüber ständig geredet wird.

Integration gelingt oder scheitert im Kleinen: im privaten Umfeld, im Verein, im Kindergarten, in der Schulklasse, in der Elternversammlung, in der Nachbarschaft. Ich rate allen jungen Menschen mit Migrationshintergrund, sich einzumischen. Sich über die eigenen Stärken bewusst zu werden. Zählt nicht die Schwächen auf, sondern die Stärken. Nehmt Eure migrantischen Wurzeln auch als Chance für Euren Lebensweg. Für Eure Unverwechselbarkeit.

Im übrigen sind die deutlichen Fortschritte von Deutschen mit Migrationshintergrund im Bildungssystem erfreulich und ermutigend zugleich. Sie zeigen, dass sich die auch z.B. bei uns in Niedersachsen ergriffenen Maßnahmen bei der frühkindlichen Bildung gelohnt haben. Die meisten Eltern mit Migrationshintergrund wollen, dass ihre Kinder erfolgreich sind und sie in ihrer Bildungslaufbahn begleiten.

Dafür ist das frühzeitige Erlernen der deutschen Sprache entscheidend. Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich: Die Sprache ist der Schlüssel für bessere Chancen in der Bildung, auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft. Deshalb sind besonders migrantische Eltern aufgerufen, ihre Kinder schon in der Kindertagesstätte anzumelden. Es gilt jetzt, auch beim Thema Übergang von der Schule in den Beruf nicht nachzulassen. Trotz freier Stellen schaffen es viele Jugendliche nicht, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Das betrifft vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Es sind alle Akteure gefordert, die Zahl der Schulabbrecher weiter zu minimieren. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Es lohnt sich, allen Jugendlichen eine Chance zu geben.

Deutsch Türkische Nachrichten: Bei der gesamten Migranten-Debatte geht es faktisch nur um Muslime und Türken. Als „Türke“ wird ohnehin jeder „dunkle“ Typ umschrieben. So ist jedenfalls die Wahrnehmung. Woher kommt diese Türken-Hysterie?

Aygül Özkan: Integration hängt nicht von der Herkunft ab, da spielen viele unterschiedliche Faktoren eine Rolle. So ließen sich nach dem ersten Integrationsmonitor, den wir in Niedersachsen während meiner Amtszeit vorgelegt haben, keine signifikanten Unterschiede zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen feststellen, wohl aber nach sozialer Herkunft und Bildungsstand. Auf einen kurzen Nenner gebracht kann man sagen: Bildung und die Beherrschung der deutschen Sprache sind der Schlüssel zur Integration.

Auf der anderen Seite ist aber auch die Aufnahmegesellschaft gefordert. Wir erleben leider noch immer, dass es Migrantinnen und Migranten auch bei hoher Qualifikation schwerer haben, einen Ausbildungsplatz oder einen Job zu finden. Wir brauchen noch mehr Vorbilder, die gelungene Integration vorleben. Ein Wir-Gefühl kann nicht staatlich verordnet werden. Ich bin der Meinung, dass wir das Thema Zuwanderung nicht nur defizitorientiert diskutieren sollten.

Zuwanderung bereichert ein Land auch. Da muß auch ein Umdenken z.B. bei Personalentscheidern in Unternehmen und in der öffentlichen Verwaltung stattfinden. Wir brauchen mehr Menschen mit Migrationshintergrund in der öffentlichen Verwaltung, in Wissenschaft und Kultur. Das sind nicht nur Vorbilder, sondern tragen sehr viel auch zu der vielbeschworenen und gewünschten Willkommens- und Anerkennungskultur bei.

Deutsch Türkische Nachrichten: Glauben Sie, dass alte Denkmuster und Praktiken wieder Einzug finden könnten? Diese Befürchtung ist weit verbreitet unter den Deutsch-Türken. Zumindest erkennt Herr der Direktor des Jüdischen Museums in Berlin, Michael Blumenthal, Parallelen zur deutschen Vergangenheit.

Aygül Özkan: Nein, das glaube ich absolut nicht. Es gilt aber immer, mit wachem Auge jegliche Form von Diskriminierung und von Rassismus im Ansatz offen zu benennen und zu unterbinden. Der NSU-Prozess spielt dabei im übrigen auch eine wichtige Rolle in der Aufarbeitung von Leid und Unrecht.

Deutsch Türkische Nachrichten: Sie haben sich als niedersächsische Ministerin auch für Frauen eingesetzt. Welche maßgeblichen Erfolge konnten Sie in diesem Bereich verzeichnen?

Aygül Özkan: In der Frauenpolitik haben wir zum Beispiel wichtige Akzente im Handlungsfeld Gewaltprävention gesetzt. So haben wir den jährlichen Ansatz für Frauenhäuser und Gewaltberatungsstellen auf rund 5,6 Mio. Euro erhöht. Das war gegenüber dem Jahr 2011 eine Steigerung von über 35 Prozent.

Daneben habe ich erstmals auch Mittel für einen gezielten Opferschutz im Rahmen eines Projekts zur anonymen Beweissicherung bereit gestellt. Opfer häuslicher Gewalt oder einer Sexualstraftat sind oftmals so stark traumatisiert, dass sie erst Monate oder Jahre danach Anzeige erstatten können. Je mehr Zeit verstreicht, desto schwieriger wird allerdings die Beweislage.

Mit dem jetzt neu gestarteten Projekt ProBeweis wollen wir den Mädchen und Frauen die Chance geben, wichtige Beweise auch ohne Strafantrag zu sichern. Mit der professionellen Spurensicherung ermöglichen wir ihnen eine spätere Beweisführung vor Gericht.

Bei Familienhebammen ist Niedersachsen Vorreiter. Wir unterstützen ihre Aus- und Weiterbildung. Sie wurden in meiner Amtszeit bereits in 40 Kommunen eingesetzt und helfen jungen Müttern.

Darüber hinaus habe ich mich immer aktiv dafür stark gemacht, dass Politik Einfluss nimmt auf die Frage, wie Bildungschancen erhöht werden können. Als Staat obliegt uns die Pflicht, die freie Entfaltung der Lebensentwürfe der Individuen zu sichern und zu ermöglichen. Es sollte zum Beispiel mehr zur Kenntnis genommen werden, dass muslimische Mädchen und Frauen mittlerweile höhere Schulabschlüsse als Jungen und Männer aufweisen, und erfolgreicher in der Ausbildung sind, als Jungen und Männer.

Auch zeigen Studien, dass die reale Rollenverteilung in den Familien ganz anders ist, als gemeinhin angenommen. Es dominiert in den muslimischen Familien vielfach eine partnerschaftliche Arbeitsteilung, Mädchen werden genauso gefördert wie Jungen. Meist sind es die Frauen, die das letzte Wort bei grundlegenden familiären Entscheidungen haben.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie sah es bei der Förderung und Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen aus?

Aygül Özkan: Mit einem Aktionsplan haben wir die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen Menschen umgesetzt und die betroffenen Verbände und Institutionen eingebunden. Mit dem Budget für Arbeit und dem Persönlichen Budget haben wir Instrumente für Menschen mit Behinderungen geschaffen, die ihnen echte Chancen bieten.

Sie helfen, sich in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren oder selbst zu entscheiden, welche Hilfen sie von wem wann erhalten wollen. Sie gewinnen dadurch ein größeres Maß an Eigenständigkeit. Ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft wird gefördert.

Mit dem Programm Job4000 geben wir den Arbeitgebern eine finanzielle Unterstützung, wenn sie einen Mitarbeiter mit Behinderung einstellen. Gleichzeitig haben sie auch die Chance, sich von der Leistungsfähigkeit von behinderten Bewerberinnen und Bewerbern zu überzeugen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Was machen sie aktuell beruflich?

Aygül Özkan: Ich bin weiter politisch sehr aktiv, u.a. bei den Verhandlungen zum Koalitionsvertrag und im Bundesvorstand der CDU. Alles andere wird die Zeit bringen.

Aygül Özkan, geboren 1971 in Hamburg, ist ehemalige Ministerin für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration in Niedersachsen. Sie ist Mitglied der CDU.

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