Trügerischer Boom: Türkische Wirtschaft ist auf Pump finanziert

Die türkische Wirtschaft wuchs im dritten Quartal um 4,4 Prozent. Damit übertrifft sie die optimistischsten Erwartungen. Diese hatten mit einem Wachstum um 4,0 Prozent gerechnet. Doch das Wachstum hat eine gefährliche Kehrseite.

Das türkische Wirtschaftswachstum des dritten Quartals 2013 ist mit 4,4 Prozent überraschend stark. Dieses von Kalender-, Saison- und Inflationseffekten bereinigte Ergebnis übertraf die Vermutungen von Marktanalysten. Diese hatten laut AFP mit einem Wachstum von ungefähr 4,0 Prozent gerechnet.

Wichtigste Stütze bildete dabei die verarbeitende Industrie. Diese wuchs nach Angaben des Türkischen Institutes für Statistik mit 4,9 Prozent besonders kräftig.

Doch das scheinbar solide Wachstum ist trügerisch. „Angesichts der Verwundbarkeit nach außen und der Risiken, die vom neuesten Kredit-Boom ausgehen, glauben wir, dass das Wachstum voraussichtlich unstetiger und schwächer ist, als es die meisten Experten über das nächste Jahr oder darüber hinaus erwarten“, zitiert NewsDaily William Jackson, Marktanalyst bei Capital Economics in London.

Die Überwindung der diesjährigen Turbulenzen auf den Finanzmärkten sei nur mit einer rasenden Expansion der Kredite möglich gewesen. Dazu käme die Ausweitung des Leistungsbilanzdefizits. Sie macht die türkische Wirtschaft anfälliger für Schocks von Außen. Gokce Celik von Finansbank Istanbul teilt die Bedenken, dass kostspieligere Finanzierung „das gefährlichste Baisse-Risiko für die Wachstums-Erwartungen nächstes Jahr darstellen“.

Der türkische Finanzminister Mehmet Simsek teilt die Bedenken hingegen nicht. Er spricht von „ausgeglichenem und mäßigen“ Wachstum nächstes Jahr.

Eine weitere beunruhigende Kennziffer ist der Anstieg der Verbrauchsausgaben privater Haushalte. Dieser stieg mit 5,1 Prozent stärker als das Wirtschaftswachstum, ebenfalls unter statistischer Kalender-, Saison- und Inflationskontrolle. Das bedeutet, dass die türkischen Haushalte gegenwärtig leicht über ihre Verhältnisse leben. Demgegenüber fällt das Wachstum staatlicher Konsumausgaben mit 0,6 Prozent moderat aus.

Mit einem Anstieg der Bruttoanlageinvestitionen um sechs Prozent bei einem gleichzeitigen Rückgang der Exportleistung von 2,2 Prozent zeichnet sich bei der türkischen Wirtschaft das genau gegensätzliche Problem zu Deutschland ab: Deutschlands Handelsbilanzüberschuss ist Folge hoher Exportleistung, bewirkt aber zu geringe Binneninvestitionen (mehr hier). Dagegen freuen sich türkische Unternehmer über genug Eigenkapital. Das tendenziell wachsende Haushaltsdefizit könnte aber bei einem plötzlichen Einbruch der Konjunktur, wie von Jackson befürchten, in Kombination mit der schwindenden Exportleistung zu einem „Doppelten Defizit“ führen. Dies kennt man in seiner extremen Ausprägung von Griechenland.

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