Ein Jahr Beschneidungsgesetz: Bei Juden und Muslimen bleibt Misstrauen gegenüber dem Staat

Einige jüdische und muslimische Funktionsträger äußern nach der Beschneidungs-Debatte des Jahres 2012 Misstrauen gegenüber dem Staat. Sie klagen über Diskriminierung und Vorurteile in Folge der öffentlichen Diskussion. Die Studie erhebt aber keinen repräsentativen Anspruch.

Vor einem Jahr hat der Deutsche Bundestag ein Gesetz verabschiedet, das die Beschneidung von minderjährigen Jungen erlaubt. Eine Studie des European Studies Centre der Oxford Universität hat sich in der Folge mit den Auswirkungen der Diskussion von 2012 auf Juden und Muslime befasst. Eines ihrer zentralen Ergebnisse: Beide religiösen Gruppen haben die Debatte unterschiedlich wahrgenommen.

Die Studie „Signale aus der Mehrheitsgesellschaft“ besteht im Wesentlichen aus Verweisen auf Äußerungen einzelner Funktions- und geistlicher Würdenträger. Insgesamt wurden zehn muslimische und jüdische Gläubige ausführlich zu ihrer Wahrnehmung und ihren Gefühlen befragt. Die Autoren schlussfolgern, dass die juristischen Fragen zur Beschneidung von den Angehörigen der Glaubensgemeinschaften nicht als problematisch empfunden worden seien. Sehr wohl jedoch „die damit einhergehenden ausgrenzenden Zuschreibungen, Vorurteile und Vorwürfe“.

Traditionen der Minderheiten werden nicht anerkannt

Zurückgeblieben seien sowohl bei Juden als auch Muslimen ein „Misstrauen gegenüber dem Staat und seinen Institutionen“. Die Traditionen dieser Minderheiten seien nach deren Meinung „nicht anerkannt und respektiert“ und die Diskussionen um rituelle Beschneidungen von den Befragten als Aufforderung verstanden worden, „sich den Gepflogenheiten in Deutschland anzupassen und darauf zu verzichten“, so der Mediendienst Integration.

Auffallend sei jedoch, dass die Debatte um das religiöse Beschneidungsritual von Muslimen anders empfunden worden sei als von jüdischen Gläubigen. So reihe sich die Debatte für Muslime nach 9/11 in eine Abfolge von „ausschließenden und islamfeindlichen Diskursen“ ein (mehr hier). Anders das Empfinden der jüdischen Bevölkerung, für die die Beschneidungsdebatte einen Wendepunkt dargestellt habe (mehr hier): Bislang hätten Juden historisch bedingt aufgrund der Shoa selten im Fokus von religionsfeindlichen oder – kritischen Diskursen gestanden. Dieser Wandel des Klimas verunsichert sie nachhaltig. Das bisherige Zugehörigkeitsgefühl und ihre Verortung in der Gesellschaft werde nun in Frage gestellt.

Keine Reflexion über Nutzen offener Debatten

Es handelt sich um eine qualitative, nicht um eine quantitative Studie. Sie erhebt in ihrem Schlusswort ausdrücklich nicht den Anspruch der Repräsentativität. Folglich lässt sie auch keine Schlussfolgerungen auf die Allgemeinheit der Juden und Muslime in Deutschland zu.

Sie schließt mit den Worten, es herrsche „Bedarf zur Introspektion auf Seiten der Mehrheitsgesellschaft“ (S.78). Die Studie beklagt die öffentliche Austragung der Debatte, ihre entsprechend hohe Transparenz und die Leidenschaft, mit der sie geführt wurde. „Destruktiv enthemmte, emotional aufgeladene öffentliche Debatten erschweren das Zusammenleben in Deutschland auch perspektivisch“, so das Fazit. Reflexionen über den demokratischen Nutzen offener und emotionaler Debatten finden sich in der Studie ebensowenig wie kritische Betrachtungen von Hinterzimmergesprächen zwischen Geistlichkeit und Staat.

Die Studie widmet sich auch anderen Fragestellungen aus dem Bereich Integration und spricht weitere Empfehlungen aus. So heißt es etwa: „Ebenfalls von zentraler Bedeutung wäre es, die zurzeit noch weitgehende Rolle des Verfassungsschutzes in der Bestimmung der Grenzen akzeptierten muslimischen Lebens kritisch zu hinterfragen“.

Autoren der Studie sind Sozialwissenschaftler der Oxford-, Humboldt- und Viadrina-Universität. Studienleiter ist der Soziologe Kerem Öktem. Zum wisssenschaftlichen Beirat gehört unter anderem die prominente Soziologin Naika Foroutan von der Humboldt- Universität Berlin. Finanziert wurde die Studie mitunter von der Open Society Foundation, einem Verband des US-Milliardärs George Soros.

Hier geht es zur Studie.

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