Lale Akgün gegen Islam-Verbände: „Die Batallione werden in Stellung gebracht“

Die ehemalige Bundestagsabgeordnete Lale Akgün nimmt den islamischen Theologen Mouhanad Khorchide in Schutz. Der sei mit seiner liberalen Auslegung des Islams den Islam-Verbänden in Deutschland ein Dorn im Auge.

An diese Fabel muss ich in letzter Zeit denken, wenn es um Prof. Mouhanad Khorchide, das von ihm geleitete „Zentrum für Islamische Theologie“ (ZIT) in Münster und seine Beziehung zu den islamischen Verbänden in Deutschland geht.

Wer genau hingehört hat und die Zwistigkeiten zu deuten wusste, der konnte nicht umhin anzunehmen, dass die zahlreichen Vorstöße wohl dazu führen würden, Prof. Khorchide als Leiter des Zentrums abzusägen. „Unterstellung!“ werden jetzt die Verbandsfunktionäre rufen, aber um es auf den Punkt zu bringen: Khorchide war und ist ihnen seit geraumer Zeit ein Dorn im Auge, und sie werden ihn ad acta legen – oder zu seinem bereits abgesägten Vorgänger im Amt, Sven (Mohammed) Kalisch.

Für diejenigen, die mit dem Vorgang nicht vertraut sind, hier eine Kurzfassung:
2010 wurde Mouhanad Khorchide auf den Lehrstuhl für islamische Theologie in Münster berufen. Ich glaube, dass einige islamische Funktionäre bei seiner Vorstellung nicht richtig zugehört hatten. Weil er als Kind einige Jahre in Saudi Arabien gelebt hatte, hatten sie wohl gedacht, sie würden mit ihm einen der Ihren auf den Lehrstuhl bekommen. Dem war aber nicht so: Mouhanad Khorchide ist ein liberaler Mann, und noch mehr: er spricht auch aus, was er für richtig und wahr hält. Ich denke da etwa an sein Interview mit Quantara.de:

„Meiner Auffassung nach ist die Religion für den Menschen da – und nicht umgekehrt der Mensch für die Religion.“ Von den muslimischen Verbänden fordert er, „dass sie sich stärker theologischen Fragen widmen“. Und was das heißt, erklärt er so: „Der Koran gilt als Gottes Wort. […] Sollen wir alles, was im siebten Jahrhundert offenbart wurde, auch die juristischen Einzelanweisungen, zum Beispiel im Strafrecht, heute eins zu eins übertragen? Ich glaube nicht. Mir geht es um die zeitgemäße Deutung des Islam.“ Und weiter: „Als gläubiger Muslim und Theologe gehe ich davon aus, dass der Koran das Gotteswort nicht nur für die Menschen des siebten Jahrhunderts, sondern auch für uns heutige Menschen ist. Um diese Frage aber zu beantworten, muss man den Koran in seinem historischen Kontext lesen. Unterlässt man das, kann man ihn nicht angemessen begreifen.“

Khorchide macht deutlich, dass hinter der historisch-kritischen Lesart des Korans die Forderung nach einem Koran-Verständnis für die Menschen von heute steht. Und er weist im Folgenden darauf hin: „Die Muslime hatten bereits im achten Jahrhundert eine eigene Hermeneutik entwickelt. Sie fragten nach den Anlässen der Offenbarung. Leider wurde diese Tradition nicht weiter verfolgt, […].“

Die Verbandsfunktionäre wurden hellhörig; da wollte ihnen einer mit seinen liberalen Positionen anscheinend die Deutungsmacht des Islam in Deutschland streitig machen. Und das, wo die Verbände doch eifrig bemüht sind, als „Religionsgemeinschaft“ anerkannt zu werden. Dass sie es nicht sind, wissen sie, dennoch nennen sie sich selbst gern immer wieder so, wohl in dem Bestreben, durch ständige Wiederholung Fakten zu schaffen und sodann ihre orthodox bis fundamentalistische Lesart des Koran als den „einzig wahren Islam“ in Deutschland zu etablieren. Khorchide wurde zur unkalkulierbaren Konkurrenz, weil er die Billigung zahlreicher Deutscher, darunter auch Muslime, fand und von den Medien geschätzt wird. Was wäre wohl, wenn er künftig unter Muslimen eine Mehrheit fände, die ihn und seine Sicht des Islam unterstützen? Bei dieser Vorstellung wird so manchem Verbandsfunktionär wohl etwas mulmig zumute, würde das doch ihre Islam-Deutungsmacht in Frage stellen.

Die Kritik an Khorchide ging leise los. „Kuschelislam“ sei das. So hieß es, nachdem sein Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ erschienen war. Und dann bezeichnete man das, was er mit diesem Buch vermittelte, als „seine“ Theologie der Barmherzigkeit. Gemeint war, dass sie „unislamisch“ sei. Die Kritik steigerte sich: Er bastele sich seinen eigenen Islam nach den Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft, er repräsentiere nicht den wahren Islam, sondern einen weichgespülten. Irgendwann ging die Kritik ans Eingemachte; Khorchide wurde zwar nicht direkt die Zugehörigkeit zum Islam abgesprochen, aber durchaus die Zugehörigkeit zum „Mainstream“-Islam. Er arbeite wie ein Islamwissenschaftler, das heißt, nicht bekenntnisgebunden, und die theologischen Inhalte seiner Veröffentlichungen seien nicht tragbar. Er spiele das Spiel „guter Muslim“ – „böser Muslim“. Das sei „assimlierte Islamlehre“. So der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, am 28.11.2013 auf seiner Webseite „islam.de“. Was – bitteschön – ist „assimilierte Islamlehre“?

Hinzu kam eine weitere Dimension. Die islamischen Verbände sind bislang keine Religionsgemeinschaften, auch wenn sie sich hundert Mal so bezeichnen. Für einen bekenntnisgebundenen Religionsunterricht und für die akademische Ausbildung bekenntnisgebundener Religionslehrer braucht der Staat [bzw. brauchen die Bundesländer] aber Religionsgemeinschaften als Kooperationspartner. Deshalb wurde – auf Anraten des Wissenschaftsrates – als vorläufiger Ersatz für die Universität Münster ein „Beirat“ geschaffen. Er besteht aus 4 Mitgliedern, die direkt vom Koordinationsrat der Muslime (KRM) benannt werden und weiteren 4 Mitgliedern, die die Universität benennt, die aber vom KRM „abgesegnet“ werden müssen.

Dieser Beirat konnte bis heute nicht konstituiert werden. Das KRM-Mitglied „Islamrat“ hatte einen Milli Görüs Mann (IGMG) benannt – Burhan Kesici. Da die IGMG vom Verfassungsschutz als „extremistisch“ eingestuft wird, lehnte das Ministerium den Kandidaten ab. Hätte die Universität Münster ihn trotzdem in den Beirat berufen, wären der Universität Bundesmittel für das neue Islam-Zentrum verweigert worden. Die Dreistigkeit, einen Mann aus einem Islamverband für einen wissenschaftlichen Beirat vorzuschlagen, der vom Verfassungsschutz beobachtet wird, löst sicher nicht nur bei mir Empörung aus. Schließlich wird niemand wegen einer Bagatelle vom Verfassungsschutz beobachtet.

Als Khorchide auch noch die Anbindung seines Instituts an diesen Beirat als Ersatz für die nicht-existente islamische Religionsgemeinschaft kritisch hinterfragte, war bei den Verbänden kein Halten mehr. Der KRM gab ein Gutachten in Auftrag. Thema und Zielrichtung: Khorchides Sichtweise des Islam und seine wissenschaftliche Qualifikation. Man muss schon sehr naiv sein zu glauben, dieses Gutachten sei angefertigt worden, um Khorchide zu entlasten. Wie auch, wenn die Verbände, die die Gutachter bestellen, Khorchide loswerden wollen? Und zu welchem anderen Zweck hätte es eines solchen Gutachtens bedurft?

Dieses Gutachten ist jetzt fertig erstellt und wurde kürzlich bei einem geheimen Treffen mit Khorchide diskutiert. Es liegt der Öffentlichkeit noch nicht vor, aber wichtige Inhalte sind bereits durchgesickert. Am interessantesten ist ein Artikel in der „Islamischen Zeitung“ vom 7.12.2013 , der von einem anonymen Autor stammt, der sich „Hamdi Schmitt“ nennt. Ein Schelm, der Böses denkt. „Hamdi Schmitt“ schreibt freimütig, was in dem Gutachten steht, u.a. „dass die Thesen des ZIT-Leiters Khorchide mit der Hauptströmung des Islam nicht vereinbar seien“, und weiter: „Khorchide wird aller Voraussicht nach kein Votum seitens des theologischen Beirats erhalten.“ Ja, man muss die Öffentlichkeit, mental auf die Inhalte des Gutachtens und den Abgang von Khorchide vorbereiten. Vor allem, nach dem Besuch des Bundespräsidenten beim ZIT in Münster, der dem Institut seine Wertschätzung zusprach und Mouhanad Khorchide ermunterte.

In diesem Sinne hatte auch die Schura Rheinland-Pfalz am 6.12.2013 öffentlich folgende Erklärung abgegeben. „Wir schließen uns den Bedenken vom Koordinationsrat der Muslime, der Schura Niedersachsen, der Schura Hamburg, der Schura Bremen und der Schura Schleswig-Holstein an und halten Herrn Khorchide sowohl für die Ausbildung von islamischen Religionslehrern als auch für die Evaluation des IRU (= Islamischer Religionsunterricht) in Rheinland-Pfalz für nicht tragbar.“

Fazit: die Batallione werden in Stellung gebracht. Ist doch klar, wenn so viele islamische Verbände und Zusammenschlüsse so deutlich gegen Khorchide Stellung beziehen, und das vor der Veröffentlichung des KRM-Gutachtens, dann ist Prof. Khorchide vorab „abgesägt!“

Wie war das nochmal bei Jean de La Fontaine?

Mit diesen Worten packte der Wolf das Lamm, schleppte es in den Wald und fraß es einfach auf.

Lale Akgün, geboren 1953 in Istanbul, ist SPD-Mitglied und war von 2002 bis 2009 Mitglied des Deutschen Bundestags. Sie erhielt 2013 den Giesberts-Lewin-Preis für Toleranz und Verständigung und ist Trägerin des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Hier zum DTN-Interview mit dem Göttinger Kirchenrechtler Hans Michael Heinig zum Münsteraner Religions-Streit.

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