„Das prächtige Jahrhundert“: Versöhnt eine türkische TV-Serie eine ganze Region?

Die TV-Serie „Das prächtige Jahrhundert“ („Muhteşem Yüzyıl“) begeistert nicht nur die Fernsehzuschauer in der Türkei. Der Stoff rund um das Leben von Sultan Süleyman dem Prächtigen hat derzeit das Potential mehr zu erreichen, als nur kurzweilige Stunden vor dem TV-Gerät. Das Format könnte der grenzübergreifenden Auseinandersetzung mit einem schwierigen Stück Geschichte dienen.

„Das prächtige Jahrhundert“ hat die Herzen der TV-Zuschauer im Sturm erobert und bereits für so manch politische Kontroverse gesorgt. Es stellt sich also die Frage, hat die türkische Produktion die Kraft mehr zu leisten als bloße Unterhaltung? Die Macher entführen das Publikum zurück ins 16. Jahrhundert, in die Zeit des Osmanischen Reiches. Eine Ära, die in einigen Regionen heute noch kontrovers diskutiert wird.

Von der arabischen Welt bis auf den Balkan läuft die Seifenoper rund um Sultan Süleyman dem Prächtigen und seine Liebschaften (mehr hier). Besonders spannend: Nicht wenige dieser Nationen haben einst unter der Osmanischen Herrschaft gelitten. „Diese Serie ist ein echtes Phänomen“, sagt deshalb auch Abu Khulud Hommos, Executive Vice President des OSN -Netzworks.

Mischung aus Fiktion und Realität  mit „politische Relevanz“

Die aufwendig ausgestatteten Geschichten rund um die Affäre mit einer augenfälligen Schönheit und üble Palastintrigen auf dem Höhepunkt der osmanischen Macht wurden mittlerweile in mehr als 300 Einzelepisoden ausgstrahlt. Hommos zufolge sei „Das prächtige Jahrhundert“ die am häufigsten angesehene Serie, die je auf OSN gelaufen sei. Ihr ist jedoch bewusst: Hier handelt es sich um eine Mischung aus Fiktion und Realität. Geschickt wird eine Romanze mit Geschichte verknüpft. Ein Umstand, den der türkische Premier scharf kritisierte (mehr hier).

Dennoch habe die Serie „politische Relevanz“. „In der arabischen Welt, wo die Menschen frustriert sind über die politische Situation, vermittelt die Serie ihnen Stolz über die muslimische Geschichte. Sie porträtiert muslimische Führer als gerecht und fair“, zitiert The Journal die Medienfachfrau.

Ähnlich wird das derzeitige Phänomen auch von Michel Naufal, Experte für arabisch- türkische Beziehungen, gesehen. Seiner Ansicht nach sei die Erfolgsgeschichte der TV-Serie das Ergebnis „einer Art Versöhnung mit der Vergangenheit“. Misshandlungen, Unterdrückung und die Türkisierung seien für nicht wenige die hauptsächlichen Assoziationen mit den letzten Jahren des Osmanischen Reiches vor dem Zusammenbruch zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Mit Hilfe des Formats würden sie nun auch die gute Seite des Osmanischen Reiches näher gebracht bekommen. So sei es etwa ein Reich gewesen, in dem ethnische und religiöse Gemeinschaften zusammen lebten.

Hohe Marktanteile in ehemals unterdrückten Gebieten

Die Einschaltquoten sprechen jedenfalls für diese Theorie. Im kleinen Adriastaat Montenegro sehen im Durchschnitt 57.000 Personen die TV-Serie. Das sind gut neun Prozent der Bevölkerung. In Kroatien, das erste Gebiet auf dem Balkan, das von der türkischen Herrschaft im frühen 17. Jahrhundert befreit wurde, hält die Serie 21 Prozent Marktanteil. Auch andernorts kleben die Zuschauer zur Primetime vor den TV-Geräten, tauschen sich über das Gesehene aus und reflektieren es neu.

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