„Theologie der Barmherzigkeit“: Koordinationsrat der Muslime will Khorchide zu Fall bringen

Der Glaubensstreit, in dessen Mittelpunkt der Theologieprofessor Mouhanad Khorchide steht, geht in die nächste Runde. In einem jetzt veröffentlichten Gutachten bezeichnen die muslimischen Verbände den Leiter des Zentrums für Islamische Theologie (ZIT) in Münster als nicht tragbar. Gefordert wird eine „personelle und thematische Neuausrichtung“ des Instituts.

Der Koordinationsrat der Muslime (KRM) hat ein 71-seitiges Gutachten zu den Theologischen Thesen von Mouhanad Khorchide in seinem Buch „Theologie der Barmherzigkeit“ verfasst. Darin üben die Autoren scharfe Kritik. Die Verbände kommen zu dem Schluss, dass der Professor in seiner gegenwärtigen Funktion im Zentrum für Islamische Theologie „nicht tragbar“ sei. Nun soll die Universität Münster Schritte zu seiner Absetzung einleiten.

Zusammengestellt wurde das Gutachten im Auftrag des KRM von Dr. Mohammad Khallouk, Islamischer Theologe, Arabist und Politologe, Habilitand an der Universität Bundeswehr München, Şeyda Can, Islamische Theologin, Erol Pürlü, Islamischer Theologe und Islamwissenschaftler und angehender Doktorand sowie Mustafa Ayar, angehender Islamwissenschaftler. Ihr Vorwurf gleich zu Beginn: Die von Khorchide propagierte „Theologie der Barmherzigkeit“ beruhe nicht auf einer eindeutig identifizierbaren wissenschaftlichen Methode.

„Stattdessen scheint es sich um eine dem Zeitgeist entgegenkommende Lesart der Heiligen Schriften zu handeln, die in ihrer Selektion, Einseitigkeit und Inkonsequenz derjenigen kaum nachsteht, welche Khorchide mit der zu überwinden beanspruchten ‚traditionalistischen‘ Lesart assoziiert (…).“

KRM sieht keine Grundlage für konstruktive Zusammenarbeit

In einer Stellungnahme zum Gutachten beschreibt der KRM das Verhältnis zum Münsteraner Theologieprofessor als „nachhaltig zerrüttet und irreparabel beschädigt“. Nach der Auseinandersetzung mit seinen im Herbst 2012 veröffentlichten zentralen theologischen Thesen komme man zu dem Schluss, „dass diese weder mit dem dahinter stehenden wissenschaftlichen Anspruch, noch mit Khorchides Selbstverpflichtung zur bekenntnisgebunden Islamtheologie konform geht.“ Mit seiner Vorgehensweise soll er nicht nur das Vertrauen der organisierten Muslime in Nordrhein-Westfalen in seine Theologie beschädigt haben, sondern auch die Reputation der Studierenden. „Eine weitere konstruktive Zusammenarbeit mit ihm ist für den KRM daher nicht möglich.“

Für KRM-Sprecher Dr. Bekir Alboga ergibt sich daraus eine „notwendige personelle und thematischen Neuausrichtung des Instituts in Münster“. Darüber hinaus müsse aber auch eine flächendeckende Versorgung ausgebildeter Islamtheologen und Religionslehrer gewährleistet werden, wofür es mehr als einen Standort Münster brauche. Die dazugehörige DITIB stellt in diesem Zusammenhang ebenfalls fest:

„(…) dass Prof. Dr. Mouhanad Khorchide in seiner gegenwärtigen Funktion im Zentrum für Islamische Theologie nicht tragbar ist und fordert die einschlägigen Stellen dazu auf, angesichts vorgenannter Befindlichkeiten, entsprechende Schritte einzuleiten.“

Lebendige und offene Debatte unter Muslimen fehlt

In einem Kommentar zum Gutachten meldet sich auch der unabhängige Journalist, Blogger und Buchautor Eren Güvercin zu Wort. Seiner Ansicht nach ließen sich unabhängig vom Zentrum für Islamische Theologie in Münster und der Person Khorchide  für Muslime in Deutschland einige Rückschlüsse aus dieser monatelangen Debatte ziehen. Er kritisiert:

„Von Anfang an wurde bei der Etablierung der Islamischen Theologie an deutschen Universitäten an der Basis vorbei gehandelt. Eine innermuslimische Debatte darüber, wie denn nun die zukünftige Islamische Theologie in Deutschland aussehen solle, wurde nicht geführt.“

Der Koordinationsrat der Muslime müsse bei Grundsatzfragen künftig die Debatte mit den verschiedenen Muslimen in Deutschland suchen. Daneben brauche es unabhängige Institutionen, die die universitäre Ausbildung ergänzen. Grundsätzlich fehlt es Güvercin an einer lebendigen und offenen Debatte unter Muslimen über zentrale Themen unserer Zeit. Er empfiehlt, den Blick wieder auf die Basis zu richten. „Solange der KRM nur zur Frage der Theologie in Deutschland Stellung nimmt, nährt er den Verdacht, es ginge ihm indirekt vorrangig um die innenpolitische Anerkennung.“

Bundespräsident Joachim Gauck bezog bei seinem Besuch in Münster ebenfalls Position. Er stellte heraus: Islamische Theologie sei ein noch junges Fach. Man befinde sich in der Experimentierphase. Gerade deshalb seien Auseinandersetzungen nicht nur erlaubt, sie seien geradezu erwünscht. Denn: „Ohne Auseinandersetzung, keine Entwicklung.“ (mehr hier). Auch die ehemalige Bundestagsabgeordnete Lale Akgün nimmt den islamischen Theologen Mouhanad Khorchide in Schutz auf den DTN in Schutz (mehr hier).

Kann der KRM allein entscheiden?

Der KRM hatte Khorchide im Jahr 2010 die Ijaza, die so genannte Lehrerlaubnis, erteilt. Diese ist nach geltendem Verfassungsrecht unbedingt notwendig, um als Professor ein bekenntnisgebundenes Fach an einer Universität lehren zu können.

Wie aus der Satzung der Universität Münster hervorgeht, ist für die Vergabe und den Entzug von Lehrerlaubnissen ein religiöser Beirat der Uni zuständig, nicht aber der Koordinationsrat der Muslime. Allerdings hat sich der Uni-Beirat noch nicht konstituiert. Hier hat der KRM jedoch ein Mitspracherecht bei der Besetzung. Indem der KRM den Start des Beirats hinauszögere, könne er womöglich doch allein über Khorchides Zukunft befinden. Ob dieser Plan aufgehe, sei nicht sicher, so Zeit Online.

Hier geht es zum gesamten KRM-Gutachten.

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