Multi-Kulti-Fest in Stuttgart: Gymnasium stellt sich gegen „Shitstorm“ im Internet

Die Idee des Cannstadter Gottlieb-Daimler-Gymnasiums war eigentlich recht simpel: Statt einer traditionellen Weihnachtsfeier vor Beginn der Ferien, sollte es in diesem Jahr überkonfessionell zugehen. Eine „Multikulturelle Feier zum Fest der Werte“ war geplant. Doch die Reaktionen im Internet gerieten außer Kontrolle. Nachdem zunächst von Absage die Rede war, fand das Fest nun doch statt – friedlich.

Die Idee, ein „Fest der Werte“ statt eine Weihnachtsfeier auszurichten, löste im Internet einen tagelangen „Shitstorm“ aus. Eigentlich hatte das Gottlieb-Daimler-Gymnasium nur eines im Sinn: Die Einrichtung wollte die immerhin 23 an der Schule vertretenen Nationalitäten würdigen. Unter den Schülern befinden sich auch viele, die nicht dem christlichen Glauben angehören. Bereits zweimal war eine solche Feier in einer nahe gelegen Kirche ohne Probleme abgelaufen. In diesem Jahr wurde daraus fast nichts. Zu heftig war das, was sich im Internet als Reaktion auf dieses Vorhaben abspielte. Am Freitagmorgen fanden sich die 640 Schülerinnen und Schüler dann aber doch zur Feier ein.

Noch am Mittwoch stand es schlecht um die Umsetzung der geplanten Feier unter dem Thema „Freiheit“: Nach Protesten im Internet habe die Schule das Fest sicherheitshalber abgesagt, zitierten die Stuttgarter Nachrichten den Sprecher des Regierungspräsidiums in Stuttgart, Clemens Homoth-Kuhs. Geplant gewesen sei die Feier in der nahen Liebfrauenkirche. Auch mit dem dortigen Pfarrer sei das abgesprochen gewesen. Dann landete die Einladung zur „Multikulturellen Feier zum Fest der Werte“ allerdings in den falschen Händen. Die Veranstaltung wurde mitsamt der Kontaktdaten der Schule auf dem islamophoben Blog pi-news.net gepostet. Darüber hinaus erhielt die Schule Protest-Emails und Anrufe. Die Situation verschlimmerte sich derart, dass die Einrichtung die Reaktionen schließlich als eine Art „Drohkulisse“ verstand. Auch die Polizei wurde eingeschaltet. Sie sollte die Angelegenheit im Auge zu behalten.

Multi-Kulti-Feier im Schulhaus des Gymnasiums

Dann, nur zwei Tage später, die Wende: Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) sicherte der Schule seine Solidarität zu. Anschließend ging die Feier am Freitagmorgen „störungsfrei über die Bühne“. Gefeiert wurde jedoch nicht wie ursprünglich geplant in einer Kirche, sondern im Schulhaus selbst, so die Stuttgarter Nachrichten.

Auch die Reaktion der Schule hatte Mitte der Woche zu einer Debatte im Internet geführt. War die Absage tatsächlich richtig? Im Kommentarbereich der Stuttgarter Nachrichten waren sich die Leser uneins: Während die einen von „falsch verstandener Toleranz“ oder einem „vorauseilenden Gehorsam“ sprachen, welches nicht einmal von den muslimischen Mitbürgern verstanden werde, glaubten die anderen, dass die Schule hier Rückgrat hätte beweisen sollen.

„Schade, dass die Schule & die Verantwortlichen hier einknicken und sich eine Feier, die der Völkerversständigung dient, ein gemeinsames Miteinander und gegenseitiges Verständnis fördern soll von ein paar Hohlköpfen kaputtmachen lässt“, lautet eine der ersten Wortmeldungen zum Thema. Hier wäre Standhaftigkeit und Zivilcourage gefordert gewesen, anstatt dem „braunen Internetmob“ nachzugeben und sich davon in die Knie zwingen zu lassen. Sicherheit gehe zwar vor, nun hätten die anonymen Gegner jedoch ihr Ziel erreicht. Sein Fazit: „So kommt man leider nicht gegen den immer breiter werdenden Rassismus an.“ Auch andere empfanden die Absage als „falsches Zeichen an die Gesellschaft“. Die jetzt heranwachsenden Kinder und Jugendlichen würden in ihrem späteren Leben beruflich wie privat mit einer Menge unterschiedlichster Kultur in Berührung kommen. „Pflichtprogramm“ in deren Ausbildung sollte es daher sein, „Verständnis für verschiedene Kulturen und Religionen schon von Beginn an zu schärfen“.

Keine Einschüchterung durch anonyme Hetzer

Andere wünschten sich einen gelasseneren Umgang mit dem Thema überhaupt. So hieß es wenig später: „Ich persönlich möchte keine Muslime oder andere Religionen dazu bekehren ‚O Tannebaum‘ zu singen. Ich verstehe darunter auch keine Integration. Wenn diese Menschen unsere christlichen Feste mitfeiern ist das schön. Ich finde aber auch, dass wir deren Kultur integrieren sollten und das bedeutet diese Menschen selbst entscheiden zu lassen welche Feste, ob Ihre, unsere oder alle Sie feiern möchten.“ Ein Fest zur Völkerverständigung anstatt einer Weihnachtsfeier zu machen heiße ja nicht gleich, dass man damit christlichen Werte aufgeben. Vielmehr gehe es ums „Augen öffnen“ gegenüber dem, was bereits in der Gesellschaft zum Alltag geworden sei.

Auch Oberbürgermeister Kuhn wollte die geplante Absage offenbar nicht hinnehmen und setzte sich persönlich mit der Schulleiterin in Verbindung. Seine Botschaft an das Gymnasium: Man dürfe sich von Aggressionen im Internet nicht einschüchtern lassen. Auch für Leiterin Verena König sei es am Ende „eine Frage der Haltung“ gewesen. Rassismus habe an der Schule keinen Platz.

Für manche Schreiber, die Drohungen verfasst haben, könnten die Festtage dagegen wenig feierlich verlaufen, so die Stuttgarter Nachrichten. Ihre Kontaktdaten lägen schon bei der Polizei.

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