„Schöner zusammen leben mit Döner“: Auf den Spuren interkultureller Geschichten in Magdeburg

Das Institut für Caucasica-, Tatarica- und Turkestan-Studien (ICATAT) hat das Nachbarschaftsprojekt „Schöner leben mit Döner in Magdeburg“ gestartet. Der „Interaktive Döner-Stadtplan Magdeburg“ wurde nun ins Programm „Werkstatt Vielfalt“ der Robert Bosch Stiftung aufgenommen und erhält in diesem Schuljahr 7000 Euro Förderung. Hier dreht sich alles um Küchenkultur, Integration und Vielfalt unter dem Motto „Schöner zusammen leben mit Döner“. Dr. Mieste Hotopp-Riecke, Mag.Art., Leiter des ICATAT, erklärt die Hintergründe.

All das spiegelt sich dann im Internetstadtplan wider: Man klickt auf das eine oder andere Bistro und erfährt neben den Öffnungszeiten und der Bewertung der Qualität der Speisen auch kleine Kulturgeschichten, Lieblingsrezepte, Migrationsgeschichte, Lieblingsmusik, Herkunft, Sprache der Dönerverkäufer. Wir organisieren dazu Lesungen mit Jaromir Konecny (Autor von „Döner-Röschen“ und „Tatar mit Veilchen“) und Eberhard Seidel (Autor von „Aufgespießt. Wie der Döner über die Deutschen kam“ und Geschäftsführer von „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“). Wir gehen ins Kino „Moritzhof“ sehen die Filme „Kebab Connection“ (ausgezeichnet mit dem „Grimme-Online-Award“) und „Kebab mit alles“ (Fernsehpreis für Erwachsenenbildung 2012). Wir diskutieren danach mit den Filmemachern / Schauspielern über Bilder/Stereotypen im Film und in uns.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wer ist die Zielgruppe des Projekts?
Dr. Mieste Hotopp-Riecke, Mag.Art.:Wir bearbeiten die Themen des Projekts zusammen mit Migranten und alteingesessenen Magdeburgern, zusammen mit Dönerverkäufern aus arabischen Ländern, aus der Türkei, vom Balkan und aus Osteuropa. In die Projektgruppen einbezogen sind Schüler und Senioren sowohl deutsche als auch z.B. Jugendliche mit Eltern aus Vietnam oder Syrien – gemischte Gruppen eben, sowohl vom Alter her als auch von der Herkunft her. Das ist das Anliegen der Robert-Bosch-Stiftung: Nachbarschaftsbeziehungen im Stadtviertel durch Kulturarbeit stärken.

Deutsch Türkische Nachrichten: Welche Kooperationspartner sind eingebunden? Wer fördert das Projekt?
Dr. Mieste Hotopp-Riecke, Mag.Art.: Finanziell gefördert wird unser Projekt von der “Werkstatt Vielfalt. Projekte für eine lebendige Nachbarschaft“, einem Programm der Robert-Bosch-Stiftung. Das Projekt wird realisiert mit Unterstützung der Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen-Anhalt e.V. (lkj) und der Landeskoordination „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ Sachsen-Anhalt bei der Landeszentrale für politische Bildung.

Kooperationspartner sind zum Beispiel das Kulturzentrum „Volksbad Buckau“, die Arbeiter-Wohlfahrt (AWO), das Literaturhaus Magdeburg / Friedrich-Bödecker-Kreis Sachsen-Anhalt, einige Schulen, befreundete Vereine sowie die Döner-Bistros „Bingöl-Grill“, „Königs-Döner“ und „ACAR Food“.

Magdeburg ist nicht mehr die gleiche Stadt wie vor 20 Jahren

Deutsch Türkische Nachrichten: In Deutschland gibt es nicht nur Vorurteile gegen Deutsch-Türken, sondern auch gegen Bürger aus Ostdeutschland. Ist es denn auch möglich, mit derartigen Projekten jene Vorurteile einzudämmen?
Dr. Mieste Hotopp-Riecke, Mag.Art.: Das hoffen wir sehr. Magdeburg ist nicht mehr die gleiche Stadt wie vor 20 Jahren, als ganz Ostdeutschland mit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in die Schlagzeilen kam. Magdeburg ist heute eine weltoffene bunte und internationale Stadt, die auf eine lange Tradition der Gastfreundschaft zurückblicken kann: Schon der erste deutsche Kaiser Otto I. empfing hier im 10. Jh. den islamischen Gelehrten Ibrahim ibn Yakup.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie ist die Resonanz in Magdeburg? Zeigen die Bürger Interesse daran?
Dr. Mieste Hotopp-Riecke, Mag.Art.: Die Resonanz ist sehr zufriedenstellend von Seiten der Schüler und Bürger her aber auch von Seiten der Döner-Bistros und der Medien, Printmedien als auch Fernsehen. Daneben gibt es natürlich immer Ewiggestrige, Nörgler und Rassisten. Bezug nehmend auf einen Artikel über unser Projekt in der „Volksstimme“1 schrieb zum Beispiel ein Herr Harald M.: „macht nur was für die Ausländer ist richtig so, wir Deutsche bleiben auf der Strecke und müssen von dem bissel Geld den Scheiß bezahlen, da greife ich mir an den Kopf was der Scheiß soll, warum macht ihr nicht einen Plan von der Türkei wäre besser???, Der den Gedanken hatte, der gehört an die Mauer und bum, denkt an uns Deutsche, ist besser, warum sollen die Ausländer reich werden in Deutschland, ???“ Derartig rassistische, dumme und gewalttätige Kommentare sind jedoch die große Ausnahme und dies zeigt nur, wie nötig unsere Arbeit für den Abbau von Vorurteilen in unserer Gesellschaft ist.

Deutsch Türkische Nachrichten: Plant das ICTAT Nachfolge-Projekte?
Dr. Mieste Hotopp-Riecke, Mag.Art.: Sofern wir für andere Städte und Regionen Fördermittel erschließen können, werden wir ähnliche Projekte gerne auch weiter in Sachsen-Anhalt aber auch in anderen Regionen durchführen, unser Institut arbeitet ja bundesweit.

Deutsch Türkische Nachrichten: Herzlichen Dank.

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