Altersarmut: Türkische Rentner müssen weiterarbeiten

In der Türkei ist mittlerweile einer von drei Rentnern dazu gezwungen, auch nach dem eigentlichen Ruhestand erwerbstätig zu bleiben. Mit dieser Entwicklung einher geht auch eine Zunahme der informellen Beschäftigungsverhältnisse im Land.

Gut 28 Prozent oder gut zwei Millionen der 7,1 Millionen türkischen Rentenbezieher arbeiten weiter. Das geht aus einer Untersuchung des „Center for Economic and Social Research“ (BETAM) der Istanbuler Bahçeşehir Universität hervor. Gut 18 Prozent dieser Rentner, die im nicht-landwirtschaftlichen Sektor arbeiten, seien demnach in informellen Beschäftigungsverhältnissen tätig. Der Untersuchung zugrunde liegt eine Analyse des Status von Rentnern, die im TÜİK-Report über die Einkommens- und Lebensbedingungen der türkischen Bevölkerung des Jahres 2010 zusammengetragen wurden.

„Angesichts der Tatsache, dass auch bei Arbeitnehmern im Ruhestand Krankenversicherung und Rentenzahlungen geleistet werden müssen, scheinen die Einzelnen kein Problem damit zu haben, informell zu arbeiten“, zitiert die türkische Zeitung Hürryiet aus der Untersuchung. Um die Lohnnebenkosten zu senken, beschäftigen daher viele Arbeitgeber die Rentner lieber informell.

Vor allem Männer arbeiten weiter

Insgesamt arbeiten weitaus weniger Frauen nach dem Ruhestand weiter als Männer. Ganze 34,6 Prozent der Herren bleibt berufstätig, wohingegen das nur auf 7,5 Prozent der Frauen zutrifft. Während zwei Drittel der männlichen Rentner auf selbstständiger Basis arbeiten, ist die Situation für Frauen völlig anders. „Das Verhältnis von Rentnerinnen, die als reguläre Angestellte arbeiten, zur Gesamtanzahl der erwerbstätigen Rentnerinnen liegt bei 40 Prozent. Ein Drittel von ihnen ist selbstständig und ein Viertel sind unbezahlte Arbeiterinnen innerhalb der Familie.“

Bereits Ende 2012 stellte eine Umfrage des türkischen Verbands der Rentner die prekäre Situation der türkischen Senioren dar. Ganze 84.44 Prozent der Befragten gaben damals an, dass ihre Einnahmen nicht zum Leben ausreichten. Während 73,4 Prozent der türkischen Rentner keine Extraeinnahmen hätten, empfingen 28,8 Prozent unter ihnen zusätzliche Unterstützung durch Dritte – vor allem durch ihre Söhne und Töchter. Bei 14 Prozent der Umfrageteilnehmer geht das ganze Geld für Lebensmittel drauf. 38 Prozent geben immerhin die Hälfte dafür aus. Satte 73 Prozent gaben an, dass ihr Einkommen nicht ausreichen würde, um das einzukaufen, was sie bräuchten oder gerne essen würden. 60 Prozent würden überdies mit Nahrungsmitteln durch ihre Familien über Wasser gehalten (mehr hier).

Deutschland: Zahl der Erwerbstätigen über 65 steigt rasant

Auch in Deutschland ist die Zahl der hilfsbedürftigen Rentner innerhalb nur eines Jahres um 6,6 Prozent gestiegen. Vor allem in den Stadtstaaten Hamburg, Bremen und Berlin können viele Ältere ihren Lebensunterhalt nicht mehr aus eigenen Mitteln bestreiten (mehr hier). Hunderttausende arbeiten zudem als Minijobber. Einer Statistik der Deutschen Rentenversicherung zufolge, bezog fast jeder Zweite im Jahr 2012 weniger als 700 Euro Rente pro Monat. „In Deutschland ist die Zahl der Erwerbstätigen in keiner anderen Altersgruppe so rasant gestiegen wie bei den Über-65-Jährigen“, so auch das DIW Berlin. Habe es im Jahr 2001 knapp 400.000 erwerbstätige Senioren gegeben, so waren es 2011 mit fast 800.000 doppelt so viele. Ihre Anzahl werde weiter zunehmen, prognostiziert Karl Brenke, Arbeitsmarktexperte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Der Großteil der selbständigen Senioren mit Angestellten arbeite Vollzeit, die älteren Arbeitnehmer hingegen meist in Teilzeit, oft in Mini-Jobs.

Ausländische Rentner, die ab den sechziger Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland kamen sind drei Mal so hoch betroffen von der Altersarmut als Deutsche. Insgesamt sind 41,5 Prozent der Ausländer über 65 Jahren von Altersarmut bedroht (mehr hier).

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