Identitäts-Krisen und Konflikte: Europa wird muslimischer

Der US-Wissenschaftler Vamık Volkan erkennt eine große Identitäts-Krise in Europa. Auslöser dieser Situation sei die Globalisierung und Einwanderungswellen. Sowohl Minderheiten als auch Mehrheiten seien von jener Krise betroffen. Doch dieser Prozess sei nicht aufzuhalten.

Deutsch Türkische Nachrichten: Sie sprechen von der „Identität der großen Gruppe“. Was ist das genau?

Vamık Volkan: Die „Identität der großen Gruppe“ kann zehntausende, hunderttausende, Millionen Menschen umfassen. Sie haben sich niemals im Leben gesehen. Doch es herrscht aufgrund der gemeinsamen Sprache, Religion, Essgewohnheiten, Kindergeschichten, Folklore, kultureller Symbole, Traditionen, Feinde und Mythologien eine tiefe Gefühls-Verbundenheit. Diese Verbundenheit mit der großen Gruppe beginnt schon im Kindesalter. Im Alltag äußert sich jene Verbundenheit in den Ausdrücken „Wir sind Beduinen, wir sind Kurden, wir sind Aleviten, wir sind Litauer, wir sind Juden, wir sind Palästinenser, wir sind Franzosen, wir sind Polen, wir sind Kommunisten“.

Deutsch Türkische Nachrichten: Können Sie uns Beispiele für die Wichtigkeit von „Identitäten großer Gruppen“ aufzeigen?

Vamık Volkan: Vor Jahren brachten wir in der Schweiz eine Delegation aus Ägyptern, Palästinensern und Israelis zusammen. An meiner rechten Seite saß ein palästinensischer Psychiater und an meiner linken Seite saß ein sehr bekannter israelischer General. Der palästinensische Psychiater sprach zum israelischen General und sagte: “Sie sind der erste und letzte für den Gaza-Streifen verantwortliche israelische General, der im Umgang mit den Arabern immer fair gewesen ist. Ich bin ein Gegner der Gaza-Blockade. Doch als ein Mensch habe ich großen Respekt vor ihnen. Nach ihrer Pensionierung ist nie wieder ein israelischer General so fair wie sie gewesen“.

Der palästinensische Psychiater war sehr betroffen. Das konnte ich an seiner Stimmlage erkennen. Dann griff er urplötzlich in seine rechte Hosentasche und sagte: „Solange ich das hier bei mir habe, werdet ihr mir meine palästinensische Identität nicht nehmen“. Ich verstand nicht, was er meinte. Später erfuhr ich, dass er einen Stein mit den Farben der Flagge Palästinas in der Hosentasche hatte. Der Psychiater zeigte mir den Stein nicht.

Doch er sagte mir, dass jeder in Palästina einen derartigen Stein habe. Dieser Stein hatte eine große Bedeutung für ihn und es gab ihm ein Gefühl der Sicherheit. Dieser Stein gab ihm das Gefühl, dass er und all die anderen Palästinenser zueinander gehören. Ein Gefühl der kollektiven Verbundenheit. Damit konnten die Palästinenser ihre ethnische Ausgrenzung kompensieren. Sie konnten mit diesem Stein ihre ethnische Identität vor den Augen der Israelis schützen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Ist es normal, dass Menschen sich gegenseitig umbringen? Wie ist das in der Tierwelt?

Vamık Volkan: Wenn Sie die Psychologie des Menschen verstehen möchten, könnte ich Sie auf eine Reise nach Südafrika mitnehmen. Dort gibt es den sogenannten Krüger-Nationalpark, der fast so groß ist wie Zypern. Dort können wir beobachten, wie sich Löwen untereinander um Nahrung oder Sex streiten und kämpfen. Aber sie bringen sich in der Regel nicht gegenseitig um. Wir konnten in den vergangenen Jahren nur unter bestimmten Affenarten beobachten, dass es zu blutigen Kriegen kommt. Doch der Regelfall ist, dass sich Tierarten aus derselben Kategorie nicht gegenseitig töten. Die Menschen sind nicht wie die Tiere aufgewachsen. Doch sie bringen sich gegenseitig um, obwohl sie derselben Menschenrasse angehören. Das ist der Unterschied zwischen Mensch und Tier.

Deutsch Türkische Nachrichten: Welche Rolle spielt die Religion innerhalb der ethnischen Identität?

Vamık Volkan: Der osmanische Historiker von der Princeton Universität, Norman Itzkowitz, sagt, dass die Welt nach dem Zerfall der Sowjetunion im „Zeitalter der Ethnizität“ gelandet ist. Dieses Zeitalter können wir auch als „Wer sind wir?“-Zeitalter umschreiben. Diese Frage nach der Identität haben sich auch die von den Kolonialmächten losgelösten afrikanischen Staaten gestellt. Doch dasselbe gilt auch für Indien oder Südafrika und weitere Staaten.

Doch nach den Anschlägen vom 11. September 2001 haben wir das „Wer sind wir?“-Zeitalter verlassen, sagt Itzkowitz. Das neue Zeitalter der Identitätsfindung hat sowohl ethnische als auch religiöse Züge. Aufgrund der schnellen Entwicklung der umfassenden Kommunikationsmittel, der Globalisierung, des Wegfalls alter diplomatischer Methoden und wirtschaftlicher Faktoren befinden wir uns in einer sehr komplizierten Situation.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie wichtig ist bei der Identitäts-Findung der Rückgriff auf die eigene Geschichte einer Gruppe?

Vamık Volkan: Im „Wer sind wir?“-Zeitalter hat der Rückgriff auf die Geschichte zu besonders tragischen Ergebnissen geführt. Politische Führer einer großen Gruppe bevorzugen in Krisenzeiten den Rückgriff auf längst vergangene Tage. Sie entfachen alte historische Traumata. Das haben auch Slobodan Milosevic und seine Weggefährten gemacht. Sie haben das 600 Jahre alte Trauma der Schlacht auf dem Amselfeld gegen die Osmanen wiedererweckt. Die Serben wählten dieses Trauma im Zuge des Bosnien-Kriegs aus freien Stücken. Die Gebeine des serbisch-orthodoxen Märtyrers Prinz Lazar wurden nach 600 Jahren in einen Sarg gebracht.

Anschließend wurde dieser Sarg durch alle serbischen Dörfer getragen. In jedem Dorf wurde eine Begräbniszeremonie abgehalten. Die Reaktion der Serben war erstaunlich. Sie reagierten darauf, als ob Lazar nicht vor 600 Jahren, sondern aktuell von den Osmanen auf dem Amselfeld getötet wurde. Es kam zu einer Symbiose vergangener Gefühle und Erinnerungen mit den aktuellen Gefühlen. Es kam zu einer zeitlichen Verzerrung. Die Logik: Die osmanischen Muslime haben Prinz Lazar umgebracht. Die bosnischen Muslime sind die Nachkommen der Osmanen. Also wurden die bosnischen Muslime getötet und vergewaltigt. Die Atmosphäre war erschreckend, denn die Serben glaubten daran, dass sie das Recht haben, Rache zu nehmen. Die subjektive Rechtfertigung lag in der Geschichte.

Auch in der Türkei ist die Erinnerung an das Osmanische Reich wiedererweckt worden. Das hat seine positiven und negativen Seiten. Diese Wiedererweckung trieb die Türkei zu einer unabhängigeren und selbstbewussteren Politik. Doch das Wideraufleben längst vergangener Rituale hat auch seine negativen Seiten. Das Weltwirtschafts-Forum berichtet, dass die Türkei 2006 beim Gleichstellungs-Index nach Algerien, Äthiopien, den Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain auf Platz 105 stand. Im Jahr 2012 rutschte die Türkei auf Platz 124 zurück. Beim Global Gender Gap Report 2012 befand gehörte die Türkei zu den 25 schlechtesten Ländern der Welt. Das hat sich bisher nicht verändert. Wenn wir bedenken, dass die türkische Bevölkerung zur Hälfte aus Frauen besteht, ist dieser Umstand sehr schlecht und schändlich.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie bewerten Sie die weltweiten Ereignisse der vergangenen Jahre?

Vamık Volkan: Im Rahmen der Sozial-Psychologie gibt es Prozesse, die sich niemals ändern und auch Prozesse, die sich im Laufe der Zeit ändern können. Die Eigenart und die Psyche des Menschen ändert sich nicht. Dasselbe gilt auch für die Psyche von großen Gruppen. Kriege, Tote und Tragödien im Namen der großen Gruppen wird es auch weiterhin geben. Das war in der Menschheits-Geschichte immer so. In der Sozial-Psychologie ist hingegen der Prozess des Zugangs zur sich stetig “erneuernden Zivilisation“ veränderlich. Doch wir müssen die Psyche von großen Gruppen besser verstehen und diese Chance für das Wohl der Gesamtgesellschaft nutzen. Hier herrscht ein großer Nachholbedarf.

Vor einigen Jahren wurde ich auf eine Konferenz der US-Luftwaffe eingeladen. Dort habe ich einen Vortrag über Sozial-Psychologie gehalten. Die Generäle sagten mir, dass sie meinen Vortrag sehr interessant fanden. Nach dem Mittagessen wurde darüber debattiert, wie man militärische Einrichtungen im Weltall konstruieren kann, um den Gegner auf der Erde auf Knopfdruck aus dem Weltall beschießen und vernichten zu können.

Wenn wir an das kommende Jahrhundert denken, wird der technologische Fortschritt immer wichtiger werden. Die territorialen Grenzen der großen Gruppen auf dem Erdball fallen weg. Die Grenzen verschwimmen. Deshalb wird es immer wichtiger, dass wir ein identitäts-stiftendes Gefühl der menschlichen Gemeinsamkeit schaffen. Zivilgesellschaftliche Organisationen müssen sich hier stärker einbringen und dieses Gefühl erzeugen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Sie sprechen die Globalisierung an. Was bedeutet das für Europa?

Vamık Volkan: Über die Globalisierung wird oftmals sehr positiv gesprochen. So spiele die Globalisierung eine wichtige Rolle bei der Verbreitung der Menschenrechte und der wirtschaftlichen Expansion. Doch jene Globalisierung hat auch eine negative Auswirkung auf die Identität großer Gruppen gehabt. Der Wegfall der Grenzen hat zu einer psychischen Identitätskrise geführt. Identität war zuvor territorial erfassbar.

Die Migrations-Wellen haben diese Identitäts-Krise verstärkt. Soweit ich weiß, ist jeder siebte Einwohner Berlins Türke oder Kurde. In zehn Jahren wird der muslimische Anteil in Wien 40 Prozent betragen. Das jedenfalls ist mein Kenntnisstand. Ich weiß auch nicht genau, ob ich hier komplett richtig liege. Doch die Gesellschaften in Europa werden sich nachhaltig verändern. Die Identitätskrise umfasst sowohl Minderheiten als auch die Mehrheitsgesellschaften. Da gibt es keinen Unterschied. Alle sitzen letztendlich im selben Boot.

Vamık Volkan, geboren 1932 in Nikosia, ist ein türkisch-amerikanischer Sozialpsychologe . Er hat an der Universität Virginia/USA das Center for the Study of Mind and Human Interaction (CSMHI) gegründet. Über 30 Jahre lang hat er an verschiedenen Konfliktregionen der Welt Untersuchungen angestellt. Zudem war er beteiligt an inoffiziellen Treffen von Diplomaten verschiedenster Konfliktparteien. Des Weiteren war er über 15 Jahre lang Mitglied im International Negotiation Network (INN), welches vom ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter ins Leben gerufen wurde.

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