Kinderhochzeit: Jede vierte türkische Braut ist minderjährig

In der Türkei soll derzeit jede vierte Braut noch nicht volljährig sein. Nach Ansicht einer türkischen Frauenrechtsorganisation verschleiern Eltern das wahre Alter ihrer Kinder, um Hochzeiten zu ermöglichen. Auch das türkische Innenministerium bezeugt eine hohe Zahl verheirateter minderjähriger Mädchen. Eine Verbesserung der Situation durch den Gesetzgeber ist nicht in Sicht.

Nach wie vor gibt es in der Türkei eine hohe Zahl an so genannten Kinderbräuten. Allein in den vergangenen drei Jahren gaben sich 134.629 Personen in der Türkei unter 18 Jahren das Ja-Wort. 5.763 von ihnen waren Jungen, 128.866 waren Mädchen. Noch immer spielen sich derartige Schicksale vor allem in den ländlichen Regionen ab. Pläne der türkischen Regierung, dagegen vorzugehen, liegen derzeit auf Eis.

95 Prozent aller verheirateten Türken unter achtzehn Jahren sind Mädchen. Dies berichtet die amerikanische Nachrichtenseite Al-Monitor unter Verweis auf Auskünfte des türkischen Innenministeriums. Jede vierte Braut sei minderjährig. „Die Praxis von Familien, ihre Töchter älter für die Hochzeit zu bewerben als sie sind, hat um 94 Prozent zugenommen“, so zitiert auch die Hürriyet Gülten Kaya, Vorsitzende des Rechtsschutz-Ausschusses der Menschenrechtsorganisation „Union of Turkish Bar Assocation“. Somit wird die Mindestgrenze der Eheschließung unterlaufen.

Das gesetzliche Mindestalter für Frauen in der Türkei wurde letztmalig 2002 von 15 auf 18 angehoben. Die frühe Verheiratung wirkt sich negativ auf Alphabetisierung, berufliche Chancen und somit auf Selbstverwirklichung junger Frauen aus. Nach einem Bericht von nsnbc unter Verweis auf eine Studie der Universität Gaziantep liegt die Alphabetisierung minderjährig verheirateter Frauen bei gerade einmal 18 Prozent.

Bereits seit Ende 2012 herrscht innerhalb der türkischen Parteienlandschaft Konsens darüber, dass die neue Verfassung so ausgestaltet sein sollte, dass es künftig keine Kinderbräute mehr geben kann. Für die entsprechende Klausel gibt es seither folgenden Entwurf: „Der Staat wird Vorsorge treffen, um mit Gewalt geschlossene oder in zu frühen Jahren eingegangene Ehen von Mädchen zu verhindern.“ (mehr hier).

Erneut in den weltweiten Fokus gerückt wurde das Thema zuletzt am 11. Oktober 2012 mit dem ersten internationalen Weltmädchentag der Vereinten Nationen. Ziel war es, die Aufmerksamkeit auf all jene Mädchen zu lenken, die in vielen Teilen der Welt immer noch starken Benachteiligungen ausgesetzt werden. Im Zentrum stand, neben Gesundheit und Bildung, auch das Thema Kinderheirat. In seiner Botschaft zum Weltmädchentag stellte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon damals heraus:

„An diesem ersten Internationalen Tag des Mädchens richtet sich der Blick der Vereinten Nationen vor allem auf das Problem der Kinderheirat. Jede dritte Frau, die heute zwischen 20 und 24 Jahre alt ist, hat vor ihrem 18. Lebensjahr geheiratet. Das sind allein in dieser Altersgruppe mehr als 70 Millionen Frauen. Obwohl die Anzahl minderjähriger Bräute in den letzten 30 Jahren zurückgegangen ist, ist der Kampf gegen Kinderheirat weiterhin eine Herausforderung, insbesondere in den ländlichen und armen Regionen der Welt.“

In der Türkei wird eine Verbesserung der Situation nun wohl weiter auf sich warten lassen. Immer wieder wurde die Frist für eine neue türkische Verfassung verschoben. Mitte November 2013 haben die Parteien kapituliert. Der für ihre Ausgestaltung zuständige Ausschuss im Parlament wurde aufgelöst (mehr hier).

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