Türkei-Krise: Analysten sind uneinig über Lösungs-Methoden

Einige Wirtschaftswissenschaftler sehen die Türkei als ein kriselndes Schwellenland unter vielen. Andere stufen ihre Situation als besonders gefährlich ein. Ähnliche Krisensymptome zeichnen die Schwellenländer, aber in deren Ausprägung unterscheidet sich die Türkei deutlich.

Viele Schwellenländer weisen die gleichen Krisenmerkmale auf: Ihre Währung erreicht einen historischen Tiefstand, dem sie in der Regel mit einer Erhöhung des Leitzinses begegnen. Ihre Märkte reagieren heftig auf das Tapering der amerikanischen Federal Reserve Bank, welches zu einer defensiveren Haltung internationalen Investoren führt. Und sie weisen deutliche Handelsbilanzdefizite auf, die unter den Bedingungen des behutsamen Rückbaus der amerikanischen Stimulanz-Politik den Attraktivitätsverlust gegenüber Investoren weiter verschärfen.

Dennoch gehen die Meinungen auseinander, ob die Türkei das typische Schwellenland in der Krise darstellt oder sich gegenüber anderen Schwellenländern im Nachteil oder Vorteil befindet. Ein Vergleich mit anderen Schwellenländern veranlasst die Hohe Meinung der Wirtschaftswissenschaft zu unterschiedlichen Lesarten.

Die Szenerie der Türkei weist Ähnlichkeiten auf zu den Szenerien Argentiniens und der Ukraine, wenn man der Analyse von CNBC-Europa-Korrespondentin Catherine Boyle Glauben schenkt: Alle drei Schwellenmärkte leiden unter dem kritischen Umstand politischer Unruhen, Spannung oder sogar Turbulenzen. Der Unterschied im Ist-Zustand liegt jedoch in der Größe der türkischen Wirtschaft.

Außerdem rührt die gegenwärtige türkische Malaise nicht an der Voraussage der Weltbank, dass der Staat zwischen Bosporus und Dardanellen von der gegenwärtig 17. zur 14. stärksten Ökonomie 2050 aufsteigen wird. Hinzu kommt die rein geostrategische Bedeutung der Türkei aufgrund ihrer Brückenkopf-Funktion zu Syrien und Iran.

Folglich hat die Türkei zwar mittelfristige Probleme politischer bis möglicherweise sogar institutioneller Natur, aber eben auch geostrategische Vorteile gegenüber den beiden ihr in politischen Symptomen ähnelnden Schwellenländern Ukraine und Argentinien.

Aber nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile verleihen der Türkei ihre Besonderheit: „Der Dunkle Stern am Schwellenmarkt-Himmel“ hat nach Meinung des UBS-Strategen George Magnus „ihr eigenes Drehbuch“, schreibt er in einem FT-Artikel. Nach seinem Empfinden wäre die Türkei anders als die übrigen Schwellenländer eigentlich kein Fall für einen steigenden Leitzins: Dieser könnte die industrie-lastige Ökonomie in die Knie zwingen und so das Land seiner einzigen Kraftquelle berauben, die es doch just jetzt braucht, um die Probleme zu bewältigen.

Damit liegt der Angelsachse Magnus auf der heterodoxen ökonomischen Linie von Premierminister Erdoğan (mehr hier). Noch am Vormittag vor der Zinserhöhung erwärmte er sich für Kapitalkontrollen als Alternative zur Zinsanhebung (mehr hier).

Auch in der Zahl ihrer Probleme überragt die Türkei ihre Krisen-Kollegen: Zu wenig Spareinlagen, zu schnelle Kredit-Steigerung, immer stärkere Import-Abhängigkeit und ein Außenhandels-Defizit von 7 Prozent des Bruttoinlands-Produktes, das obendrein noch zu zwei Dritteln von hochvolatilen Kurzfrist-Kapitaleinlagen finanziert wird.

Die Gemeinsamkeiten mit anderen Krisenstaaten sind dennoch zahlreich: die Abhängigkeit von der Fed-Politik, die Sensibilität gegenüber der tendenziellen Beruhigung der Wirtschaft Chinas, die immer weiter gewachsene Abhängigkeit von ausländischen Kapitaleinlagen und der von all diesen Faktoren herrührende Knick im Wirtschaftswachstum.

Aufgrund dieses allgemeinen Krisenmusters glaubt Cedric Muhammad, Analyst für politische Ökonomie bei Forbes, an eine universale Lösung für die Krisenländer: Die (für ihn) überraschende Entscheidung der türkischen Zentralbank stelle den richtigen Konter gegen die Fed dar, die seiner Meinung nach vergessen habe, dass sie nicht nur Verantwortung gegenüber den USA, sondern der ganzen Welt gegenüber zu tragen habe. Damit steht Muhammads Auffassung konträr zur Auffassung Magnus. Die Türkei und Südafrika haben der Geldwertstabilität höheren Wert gegenüber den Export-Sektoren eingeräumt, die von einer schwachen Währung profitieren.

Muhammad zitiert Steve Forbes, der vergangenen Montag zur Steigerung der Zinsen aufgerufen habe. Nach Forbes Meinung zeige sich ein Effekt sogar bei einer kleinen Erhöhung, da sie ausreiche, den Märkten den nötigen Nachdruck zu signalisieren.“ Somit stehen Forbes und Muhammad konträr zu Premier Erdogan. Muhammad geht sogar so weit, die Zinserhöhung als „wahrscheinlich zu drastisch“ zu bezeichnen.

Im vollständigen Gegensatz dazu vertritt Peter Boockvar, Chef-Analytiker der Lindsey Group, die Meinung, die Zinsanhebung werde nicht für Stabilität sorgen sondern eher für Unruhe: „Ich denke, dass die Kehrseite der Zinserhöhung darin besteht, dass entgegen des Gedankens dass er Dinge stabilisieren würde, die Ausmaße der Erhöhung die Menschen zum Ausrasten bringt“, so Boockvar gegenüber CNBC.

James Cramer, Wirtschaftsanalyst von CNBC und erfolgreicher Hedgefonds-Investor, versteht die Welt nicht mehr und beklagt sich über die Geschichtsblindheit der Türkischen Zentralbank und aller weiteren Analysten, die einem Effekt der Zinserhöhung Glauben schenken: „Wenn man sich diese Art von Erhöhung (gemeint ist die Zinsanhebung, Anm. d. Red.) ansieht, dann wird man bald den Kollaps dieser Volkswirtschaft sehen, während sie gleichzeitig anfangen wie wild Geld zu drucken, das passiert nämlich immer in diesen Situationen“, so Cramer in einem CNBC Video. „Alle tun so, als wir in der Türkei sehen, dass es funktioniert, aber es funktioniert nicht. Wie nirgendwo sonst auch.“

Einen Mittelweg schlägt Robert Sinche ein, der Chef-Stratege von Pierpont Securities: „Diese großen Maßnahmen zum Schutz der Währung wirken entweder schnell, weil sie die Leerverkäufe schnell auspressen, oder sie versagen langsam aber sicher.“, so Sinche. „Möglicherweise halten sie die Zinsen auf 10 bis 12 Prozent für eine Weile, aber wenn dennoch die Inflation in Richtung 5 Prozent geht, wird sich das irgendwann auf die Volkswirtschaft niederschlagen.“

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