Erdoğans Deutschland-Auftritt 2011: „Gestern seid ihr Arbeiter gewesen, heute seid ihr Arbeitgeber“

An diesem Dienstag wird der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan vor Tausenden Menschen im Berliner Tempodrom sprechen. Organisiert wird das Ganze von der der AKP nahe stehenden Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) in Köln. Sein Auftritt unter dem Motto „Berlin trifft den großen Meister“ wird mit Spannung erwartet. Seine Rede 2011 in Düsseldorf sorgte für Aufsehen und Kritik zugleich - ein Rückblick.

Rund 12.000 Menschen in der Düsseldorfer „ISS Dome“ Arena schwenkten 2011 türkische, deutsche und Europafahnen. Organisiert wurde die als „großes Treffen“ beworbene Veranstaltung damals vom staatlichen „Präsidium für Auslandstürken und verwandte Völker“ sowie der „Union Europäisch-Türkischer Demokraten“ (UETD), die der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) des türkischen Ministerpräsidenten, nahesteht.

Im Saal befanden sich Menschen aus vier Generationen. Greise Türken mit schwarz-rot-goldenen Fahnen, die als Arbeitsmigranten ab 1961 nach Deutschland kamen und kleine Kinder mit Fahnen, auf denen der Halbmond und der Stern zu sehen sind. Es war Volksfeststimmung in Düsseldorf.

Nachdem die türkischen und deutschen Nationalhymnen besungen wurden eilte der Premier unter tosendem Applaus und voller Begeisterung in die Halle. Er wurde empfangen wie ein Star. Die Halle bebte. Der Jubel brachte die Stühle zum vibrieren. So musste es sich wohl anfühlen, wenn Borussia Dortmund fünf Tore gegen Schalke schießt. Man musste kein Türke sein, um zu verstehen, was hier passierte. Man konnte es regelrecht erspüren.

Gleich zu Beginn seiner Rede stellte Erdoğan den Auslandstürken die breite Unterstützung der Türkei in jederlei Hinsicht aus: „Ihr seid meine Staatsbürger und ihr genießt den Schutz der türkischen Republik!“ Die einstimmige Reaktion aus der Halle: „Sagol Basbakanim“ („Danke unser Ministerpräsident“) und „Avrupa seninle gurur duyuyor“ („Europa ist stolz auf einen wie dich“). Der türkische Ministerpräsident entgegnete den Massen bescheiden: „Wir sind stolz auf euch.“ Erdoğan stellte aber auch klar, dass die Türkei ebenfalls die ethnischen Deutschen im Land beschützen werde: „Auch in der Türkei leben mehrere Tausend Deutsche, die ihren dauerhaften Wohnsitz bei uns haben, die bei uns Grundstücke und Häuser erwerben. Wenn diesen Menschen auch nur ein einziges Haar gekrümmt werden sollte, werde ich das so auffassen, dass jemandem aus meiner eigenen Familie ein Haar gekrümmt werde. Diese Menschen haben unsere Garantie für ihre Religionsfreiheit, für ihr Leben und ihren Besitz.“

Die Kernaussage des Regierungschefs zeigte Parallelen mit der umstrittenen Kölner Rede von 2008, in der er die „Assimilation als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnete. Einige Medien und Politiker hatten damals Auszüge aus seiner Rede für eine reißerische Integrationsdebatte genutzt. Damit sich dies nicht wiederholte, warnte der Premier die deutsche Presse: „Wir werden nicht erlauben, dass meine Worte in den deutschen Medien verdreht wiedergegeben werden.“ 2011 sagte der türkische Premier zwar erneut „Ja zu Integration, aber auch ein deutliches Nein zu Assimilation“. Niemand werde in der Lage sein, die Türken von ihrer Kultur loszureißen, so Erdoğan.

Aber das wichtigste seiner Rede folgte direkt im Anschluss: „Die Angst vor dem Islam, die Islamophobie, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Genauso wie Antisemitismus ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist. Und genauso wie Rassismus ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist“. Zudem bekräftigte Erdoğan die Deutschtürken zu mehr Bildung. Er empfahl sowohl sehr gut Türkisch als auch Deutsch zu lernen, zu studieren und einen guten Beruf zu wählen. Er wies auf die 60.000 türkischen Unternehmer in Deutschland hin und machte deutlich: „Gestern wart ihr Arbeiter, heute seid ihr Arbeitgeber“.

Überdies versprach Erdoğan den Deutschtürken um die Entscheidung für die deutsche Staatsbürgerschaft leichter zu machen die Aufwertung der bereits vor Jahren  eingeführten „blauen Karte“, die in der Türkei die Funktion eines Personalausweises erfüllen soll. Damit verbinden sich zahlreiche aufenthalts- und erbrechtliche Vorrechte bei Behördengängen. Zuletzt kündigte der türkische Regierungschef an, dass die Türken in Deutschland an den türkischen Parlamentswahlen am 12. Juni ihre Stimmen mit hoher Wahrscheinlichkeit an den Wahlurnen der türkischen Konsulate abgegeben könnten. Hierzu benötige die Türkei noch das Einverständnis deutscher Behörden und des „Hohen Wahlrats“

Autoreninfo: Yasin Baş ist Politologe, Historiker, Autor und freier Journalist. Zuletzt erschienen seine Bücher: „Islam in Deutschland – Deutscher Islam?” sowie „nach-richten: Muslime in den Medien”. Die Themenschwerpunkte von Yasin Baş sind: Türkisch-Deutsche Beziehungen, Ethnomarketing, Integrations-, Migrations- und Sicherheitspolitik und Deutsche Geschichte (nach 1871).

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.